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on life, music etc beyond mainstream

2021 22 Aug

Into the Rabbit Hole

von: Jan Reetze Filed under: Blog | TB | Tags:  2 Comments

Wie schnell so etwas geht. Da wollte ich einfach nur herausfinden, von wem eigentlich Manfred Weissleder das Kino kaufte, aus dem er dann den Star-Club machte. Und plötzlich war ich mitten in der Hamburger Kinogeschichte.
 
 

 
 
Auf St. Pauli, Große Freiheit 39, gab es ein Ballhaus namens „Sternsaal“. 1949 erschien eine gelernte Filmvorführerin mit dem wunderbaren Namen Jeltheda Fraukina Lümmy Iderhoff aus Ostfriesland auf der Bildfläche, kaufte den bereits recht angejahrten Laden und machte daraus die Stern-Lichtspiele, ein Kino mit immerhin 750 Plätzen. Erfahrungen mit der Kinogeschäftsführung hatte sie bereits in Berlin gemacht, vorsichtshalber nahm sie als Geschäftspartner aber noch Walter Cartun dazu, der bereits einige andere St.-Pauli-Kinos betrieb. Frau Iderhoff stieg bereits 1951 wieder aus. Cartun führte die Stern-Lichtspiele allein weiter. 1962 brach ein Brand aus und das Kino hätte renoviert werden müssen. Da das Geschäft zu der Zeit nicht mehr gut lief, kam es Cartun mit Sicherheit sehr gelegen, dass Manfred Weissleder, seines Zeichens König von St. Pauli, dem schon weitgehend die linke Seite der Großen Freiheit gehörte, einen Notausgang für seine Erotic Bar im 1. Stock des Nebenhauses benötigte. Die einzige Möglichkeit, die er dafür hatte, war ein Wanddurchbruch zum Kino, und Cartun nutzte die Gelegenheit, das Gebäude loszuwerden, indem er es Weissleder verkaufte. Der hatte nun den Notausgang, den er brauchte, und ein renovierungsbedürftiges Kino, das er nicht brauchte. Als dann Horst Fascher, Rausschmeißer im Indra, ihm vorschlug, einen Musikclub zu starten, wusste er, wozu das Kino zu gebrauchen war, und so wurde wieder eine Art Ballhaus daraus. Star-Club hieß der Laden dann deshalb, weil Weissleder, praktisch denkend, wie er war, auf diese Weise den Neonstern an der Fassade weiter verwenden konnte. Der ist heute ein Ausstellungsstück im Museum für Hamburgische Geschichte.

Dann stieß ich im Web auf ein Foto der Frau Iderhoff, und es dämmerte mir, dass ich sie kannte. Da war ich wohl 11 oder 12 Jahre alt. Sie hatte nämlich 1951 eine kleine Kinokette gegründet: vier Stadtteilkinos namens „Roxy“, und eines davon lag in der Osterstraße in Eimsbüttel, fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt, und kinoverrückt, wie ich als Kind schon war, habe ich ungezählte Jugendvorstellungen dort zugebracht. Die liefen immer Sonntags um 11 Uhr; ich erinnere mich unter anderem an die Fantomas-Trilogie, an U-2000, viele Donald-Duck-Filme und vieles mehr.
 
 

 
 
An Kinos faszinierte mich wirklich alles, und ich habe dem Personal Löcher in den Bauch gefragt — wo die Lautsprecher sind, was das für eine Folie in den Schaukästen ist, ob sie die „Heute“- und „In Kürze“-Schilder selber gemalt hätten, wie man das Licht dunkler werden lassen konnte (von Dimmern wusste ich noch nichts), wie man die Fotos in den Schaukästen nennt („Lobbycards“, mir unvergesslich), ob man diese Klappsitze eigentlich fertig kaufen könnte, und, und, und. Ich hatte da keinerlei Skrupel. Und — das habe ich erst jetzt auf dem Foto wiedererkannt — eines meiner Opfer war jene Frau Iderhoff. Sie war nicht immer da, ich wusste nicht, wie sie heißt, und schon gar nicht, dass sie die Besitzerin war. Aber sie war sehr geduldig mit mir. Beiläufig habe ich ihr erzählt, dass meine Tante Else (genau gesagt: meine Großtante) in den Eidelstedter Lichtspielen an der Kasse gesessen hatte und jetzt im Esplanade war. Das Esplanade war Hamburgs prachtvollstes Uraufführungskino, ein ehemaliger Ballsaal in einem Hotel.
 
 

 
 
Tatsächlich, Frau Iderhoff kannte meine Tante. Sie gab mir schöne Grüße mit auf den Weg. Damit war ich für sie dann wohl irgendwie in der Kinofamilie, und plötzlich durfte ich sogar einen Blick in den Vorführraum werfen.

Tante Else gelangte zu 15 Minutes of Fame, als im August 1970 am hellichten Tag die Esplanade-Kasse überfallen wurde. Das ging durch die Presse, und wie ich vermute, wird sie die Zeitungsartikel gerahmt haben. Der Täter wurde nie gefasst, sehr groß kann seine Beute nicht gewesen sein. Das Kino schloss 1982, stimmungsvoll mit Viscontis Tod in Venedig.

1968 wurde das Roxy geschlossen, das Kinosterben machte auch vor der Osterstraße nicht Halt. Das kleine Urania war schon lange weg, McDonald’s zog ein, das Emelka, 100 Meter vom Roxy entfernt, hielt sich auch nicht mehr lange. Immer hatte ich gerätselt, was das für ein seltsamer Name sei — „Emelka“. Die taten da allerdings immer sehr geheimnisvoll. Aber irgendwann hat es mir die Kartenabreißerin verraten: Das Kino gehörte ursprünglich zu einer Filmproduktionsfirma, der Münchner Lichtspielkunst — MLK. Da musste man erstmal drauf kommen. 1969 zog dort ein Pro-Markt ein, dem man bis heute ansieht, dass er mal ein Kino war Und das Roxy wurde abgerissen. Ich klaute aus den Trümmern ein paar Lobbycards und ein „Heute“-Schild. So lebte das Kino in meinem Kinderzimmer noch eine Weile fort.

Noch heute kann ich an keinem Kino vorbeigehen, ohne die Fassade zu fotografieren. Und noch immer habe ich einen fast untrüglichen Blick dafür, ob ein Gebäude mal ein Kino war. Und davon gibt es viele. — Der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert schrieb einmal ein Kurzgeschichte namens „Der Stiftzahn“, in der er einen Kinobesuch schildert, in dem jemand vor Lachen seinen Rahmbonbon mit Stiftzahn verliert. Ich bin als Student nach Eppendorf gezogen und wohnte dort quasi „um die Ecke“ von Borcherts Haus. Immer habe ich mich gefragt: In welchem Kino war das wohl? Es hatte ein paar Kinos in Eppendorf gegeben (auch dort war Frau Iderhoff mit einem Roxy präsent, aber natürlich viel später). Eine Stadtteilführung löste das Rätsel: Das Kino war genau gegenüber meiner Wohnung gewesen. Es hieß „Viktoria-Lichtspiele“ und war mit ungefähr 200 Sitzen das, was man in Hamburg als „Flohkiste“ zu bezeichnen pflegte.
 
 

 
 
Das Kino war 1963 geschlossen worden, aber wenn man sich den Spar-Markt, der jetzt darin war, genauer ansah, dann war der Grundriss eindeutig. Der Seitenausgang zur Straße war noch da, er diente jetzt als Lieferanteneingang, auch der Vorführraum war noch klar im Haus zu lokalisieren. Nach dem Spar-Laden zog Schlecker ein, was nach dem gekommen ist, habe ich nicht mehr mitbekommen.
 
 

 
 
Ein Buch, das seit Jahren mehr oder weniger ungelesen bei mir im Regal stand, habe ich jetzt wiederentdeckt. Eine unglaubliche Fleißarbeit. Da findet man sie alle wieder, die Kinos. Auf dem Cover sieht man das Harmonie-Kino in Wandsbek, in dem offensichtlich gerade Der Würger von Schloss Blackmoor gezeigt wurde — der einzige Film aus der Edgar-wallace-Reihe, dessen Musik nicht von Peter Thomas, sondern von Oskar Sala und seinem Mixturtrautonium stammt. Den habe ich auch mal besucht, in seinem Charlottenburger Studio. Die Welt ist klein.
 
 

 
 
Michael Töteberg, Volker Reißmann:
Mach dir ein paar schöne Stunden — Das Hamburger Kinobuch.
Edition Temmen, Bremen 2008.
 
 

 
 
So war das.

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2 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Das war aber ein schönes Lesen. Hätte ruhig ewig weiter gehen können. Das könnte doch dein nächstes Erzählwerk sein, dachte ich schon, dann kam dieses Buch bei dir aus dem Regal. Einmal war ich, glaube ich, in Hamburg, im Kino, in einem Programmkino, weiss aber nicht mehr, was da lief. Sonst konnte ich den Wandel der Kinolandschaft in Dortmund verfolgen. Und wie die grossen Kunstfilme, independant, in einst schmuddeligen Kinos liefen.

    Schöne alte kleine Kinos in Dortmund unverggessen, fast: wie hiess das eine noch am Rande des Marktplatzes, in dem ich Hombre sah, den Western, in Do-Hombruch? Postkutsche?! Oder Pferdestall? Was für Namen dür Kinos, Western waren eben populär, auf oft als Filmbilder, auf den Bildchen, die wir an der Bude kauften und tauschten …

    P.S. und tolle Fotos: bei der Premiere von PANIK IN NEW YORK wäre ich gerne dabei gewesen, bzw. Ab in die Zeitreisemaschine und mal ein paar Tage dort und damals erleben …

  2. Hans-Dieter Klinger:

    Das ist eine richtig schöne (Kultur-)Geschichte, welche Erinnerungen an Kinos weckt, die ich als Jüngling in Helmbrechts besuchte. Die kleine Stadt hatte in den 50er und 60er Jahren gerade mal circa 8.000 Einwohner, aber es gab einmal 3 Kinos im Ort! Ich habe nicht nachgerechnet, aber die Einwohnerzahl pro Kino hat bestimmt mit den Hamburger Verhältnissen mithalten können. Das Gebäude des ältesten der 3 Kinos steht noch. Ich müsste dort vorbeischauen, um sagen zu können, wofür es noch genutzt wird. Vor vielen Jahren war eine SpielOthek in den Räumen eingerichtet. Aber dieses Geschäftsmodell ist noch schneller verreckt als die Kinos.
     
     
    Der Name des Filmtheaters war „UT-Lichtspiele“. Es war ein schöner großer Saal mit Balkon, die Seitenwände waren Stoffbahnen mit Faltenwurf, wahrscheinlich um Flatterechos zu dämpfen. Große längliche Lampen befanden sich an den Seitenwänden. Wenn deren Licht langsam verdämmerte erklang immer ein langgezogenes AAAHHHH im Saal – laut bei gutem Besuch, säuselnd, wenn der Film nicht so viele Zuschauer anlockte. An ein paar Filme, die ich dort gesehen habe, kann ich mich erinnern:
    – Ben Hur
    – Der Hauptmann von Köpenick (mit Heinz Rühmann)
    – Menschen im Hotel

    Letzteren habe ich sicher nicht gezielt ausgesucht. Die Kinobesitzerin, welche immer an der Kasse saß, war eine sehr gutmütige Frau. Das Kino lag gegenüber der Volksschule, wo am Mittwochnachmittag von 14 bis ca. 16 Uhr der Präparanten- bzw. Konfirmantenunterricht statt fand. Oft ging ich allein oder mit ein paar Kumpels anschließend hinüber ins Foyer der UT-Lichtspiele. Wir schauten die Filmplakate an und warteten darauf, dass uns die „Kino-Martha“ anspricht. „Na, was is mit euch? Wollt ihr den Film niet oschaua?“ – „Ja, scho, mir ham bluß ka Geld dabei“. Also guckten wir weiter die Plakate an oder gingen aufs Klo. Meistens wurde die Kino-Martha weich und schickte uns ohne zu kassieren in den Vorführsaal. Oft waren die ersten Minuten des Hauptfilms schon vorüber.
     
     
    Das zweite Helmbrechtser Kino war richtig modern damals. Gebaut in den 50er Jahren in der Stadtmitte am Abhang des Kirchbergs. Das war architektonisch günstig, weil die Sitzreihen viel steiler nach hinten anstiegen als in den UT-Lichtspielen und die Sicht auf die Leinwand nie von Köpfen der „Vorsitzenden“ behindert war. Der Kinobesitzer starb recht früh. Seine Witwe verkaufte die Tickets. Hannchen Wagenführer war musikalisch, spielte nach dem Tod des Stadtkantors die Orgel in der Johanniskirche und wurde später die Schwiegermutter meines Musiklehrers Bruno Bauer am Münchberger Gymnasium. Bruno hat mich überredet, Musik zu studieren. Sonst hätte ich es mit Chemie versucht und wäre damit wahrscheinlich unglücklich geworden.

    Über den Eingangstüren befand sich eine breite Tafel mit weißem Hintergrund. Dort wurde mit austauschbaren roten Buchstaben der Titel des gerade angebotenen Films angezeigt. Ich erinnere mich an einen Film, den ich nicht gesehen habe. Er hatte den Titel „Hilfe, meine Braut klaut“. Da haben ein paar Jungs über Nacht – und dafür brauchten sie eine Leiter oder mussten akrobatisch eine menschliche Pyramide stellen – die Buchstaben umgestellt. Es lief dann halt „Hilfe, meinte Blaukraut“. Ich kann mich nur an den Titel eines Films erinnern, den ich in den Central-Lichtspielen gesehen habe. Es war „Citizen Kane“. Die Central-Lichtspiele wurden vor langer Zeit schon abgerissen.
     
     
    Das dritte Helmbrechtser Kino war das kleinste und kurzlebigste. Dort sah ich „Porgy and Bess“ mit Sidney Poitier in der Rolle des Porgy, der mit der Stimme von Bobby McFerrins Papa Robert gesungen hat. Auch dieses Gebäude existiert nicht mehr. Noch im letzten Jahr habe ich eine Kinoleiche im Nachbarort Mitwitz fotografiert. Leider finde ich das Bild nicht mehr, leider kann ich auch nicht einfach morgen nach Mitwitz fahren und das Foto wiederholen. Aber es gibt noch mehr Fotografen, die gerne Ruinen fotografieren. Sie wurde vor ein paar Wochen dem Erdboden gleich gemacht.
     
     

    Das Historiendrama „The Happy Prince“ von und mit Rupert Everett erzählt die Geschichte von Oscar Wildes letzten Lebensjahren im Exil. Die Schauplätze des Filmes liegen überwiegend in Paris und Neapel, doch viele Filmmotive befinden sich in Wahrheit in Oberfranken:

    Hinter dem heruntergekommenen Palazzo in Neapel steckt das Schloss Thurnau nahe Bayreuth. Insbesondere die unsanierten Bereiche des Nordflügels und die Kemenate wurden hier als Drehorte genutzt. Und auch das Schlafzimmer im Pariser Hotel d‚Alsace wurde dank Setdesign in Thurnau zum Leben erweckt.

    In der kleinen Ortschaft Mitwitz nahe Kronach wurden ein englischer Strafgerichtssaal und das Pariser „Cafè Concert“ errichtet. Im alten Kuratenhaus am Wasserschloss sowie im Oberen Schloss fand man die passenden Räumlichkeiten für weitere Innenaufnahmen.

    In Kronach gab es 2 Kinos. Eines der beiden ist zur Pizzeria umgebaut worden. Dort habe ich „Shining“ gesehen. In Kronach existiert noch ein Kino mit drei Vorführräumen, natürlich mit Surround-Ton. Ich hoffe, dass es nicht an COVID stirbt.
     

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