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2021 18 Jul

MATTERING and MEANING

von: Hans-Dieter Klinger Filed under: Blog | TB | 11 Comments

Mattering and Meaning ist ein Album, das erst im August erscheinen wird. Ich habe das komplette Album angehört ohne die Zukunft aufsuchen zu müssen. M.E. lässt mich an seinen Zeitreisen teilhaben, weil ich seine Mitbringsel für Sendungen des DLF aufbereite. Dan Nicholls heißt der Künstler, den ich nicht kannte. Es gibt eine Menge Musik, die M.E. gefällt, mir aber nicht. Es sind vor allem ereignisarme ambientige Klangflächen, gegen die mein von analytischem Hören geprägtes Immunsystem Antikörper entwickelt hat. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben heißt es, und ich weiß aus Erfahrung, dass man ein Album nicht vor dem Verklingen des letzten Tons in die Tonne werfen darf.

 
 

 
 

Mattering and Meaning startet mit dem Titel Papa und empfängt den Hörer mit low-fidelen Pianoklängen, spielerisch improvisierten Figuren, garniert von elektronisch erzeugten Klangpartikeln und Klangflächen. Unverkennbar auch die Neigung mit Loops zu gestalten. Nun denn, seit der Erfindung der Minimal Music gehört das zum Vokabular zeitgenössischer Musik wie die Kadenz zur Alpenländischen Volksmusik. Yeh Yeh, das zweite Stück, könnte ich genauso beschreiben wie No. 1. Die low-fidelen Pianoklänge, die Loops sind weiterhin präsent, ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Album. Ich fing schon an, kleine Ressentiments aufkeimen zu lassen. Aber im Verlauf von Fermentation gefiel mir das Aroma dieser Musik immer besser und ich legte den analytischen Kopf-Hörer beiseite. Die quirligen Pianofiguren von Breathe versinken in reizvollen elektronischen Klangwolken, aus denen Überreste eines Vortrags auftauchen. Spricht da Dan Nicholls zu mir?

Erstmals Text in einem instrumentalen Album! Das muss doch ein gewisses mattering oder meaning transportieren. Vielleicht hilft M.E. weiter und liefert eine kurze Zusammenfassung. Ich habe ein wenig über den Albumtitel nachgedacht. Nimmt man ein Wörterbuch zur Hand, dann wird für „to matter“ wie für „to mean“ die Übersetzung „bedeuten“ angeboten (natürlich nicht nur diese). Doch gibt es sicher einen feinen Unterschied. Wenn nicht, wären die Fragen „what is the meaning of mattering“ und „what is the mattering of meaning“ gleichbedeutend.

Der Verzicht auf brillanten Klavierklang scheint mir ein Stilmittel des Albums zu sein. Es lässt mich an home recording denken, zumal in Keep Doing Positive Things ein Kind – Nicholls‘ Tochter oder Sohn? – schreit und juchzt. Dan Nicholls ist ein fantasiereicher Klangbastler. Je später das Album, desto zahlreicher erklingen synthetische Klänge, besonders ansprechend im längsten Stück Lou (The Posthuman Reverberates). Heute habe ich das Album mit Genuss ein zweites Mal angehört und dadurch neugierig geworden mich nach mehr Wissenswertem über Dan Nicholls im Internet umgesehen.

 
 

 
 

Auf seiner Webseite sind Videos verlinkt – mit bis zu 2 Stunden Spieldauer – die nachdrücklich Einblick gewähren in seine Klangexperimente. Auf SOUNDCLOUD ist Einiges zu finden, auch 2 Vorabveröffentlichungen aus dem hier vorgestellten Album. Besonders angetan hat es mir ein Duo mit der Sängerin Lauren Kinsella, vor 7 Jahren live aufgenommen @BBC Proms Plus. Ein Seitenblick auf discogs, wo ersichtlich wird, mit welchen anderen Künstlern Dan Nicholls kooperierte, brachte Erstaunliches zu Tage für mich. Unter den mir wenigstens vom Hörensagen bekannten Namen fand ich vor:

 
– Shabaka Hutchings
– Frank Möbus, auf dem Umweg über …
– Oli Steidle & the killing Popes
diese Band hat zwei absolute Kracher-Alben veröffentlicht

This entry was posted on Sonntag, 18. Juli 2021 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

11 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    The deeper you go, the more you hear

    😅🍷

    Die Stimme gehört der Schriftstellerin Ursula LeGuin.

    Ursprünglich war ein Gegentext geplant, die freundlich gesonnene Ergänzung von anderer Seite. Um Dan Nicholls evtl. in einen freundlicheren Horizont zu locken. Ist aber gar nicht nötig. Mit seinem ureigenen Humor beschreibt der Text ja eine feine Verwandlung der Wahrnehmungen.

    Die Klinger Factory wird nicht nur mit mancher Zukunftsmusik betraut, sondern auch mit gutem alten Kurt Wagner, Ludwig Van und sonstigen Klassikern einer nicht vor sich hin modernden Moderne. Rohstoffhonorare. Gute Qualität hat ihren Preis.

    In den nöchsten Horizonten geplant, eine zehn Minuten Sequenz aus meinem DLF Porträt von Jon Hassell aus dem tropischen London 1990. es gibt Zeitreisen, da ergreift einen ein sanfter Schauer. Klinger Factory bearsbeitet die betagte Audiospur.

    🥁😂

  2. Olaf Westfeld:

    Ich werde Dan Nicholls hoffentlich am nächsten Wochenende im Konzert sehen, allerdings als Teil von Y-Otis. Die zwei Titel von dem Album, die es schon auf Spotify zu hören gibt, haben mich nicht umgehauen, aber jetzt höre ich vielleicht doch noch einmal rein.

  3. Michael Engelbrecht:

    Mattering und Meaning haut einen auch nicht um, im besten Fall geschieht eine allmähliche sanfte Verführung😉

  4. Michael Engelbrecht:

    Wo spielt denn Y-Otis am Wochenende, Olaf? Gehört zu den Favoriten unseres Jazzredakteurs. Bislang nicht zu meinen.

  5. Hans-Dieter Klinger:

    eigentlich hatte ich nicht vor, einen Blogbeitrag zu Dan Nicholls zu schreiben. Micha hat mir Zugriff verschafft auf das komplette Album und um einen kleinen Eintrag gebeten. Diesen wollte ich kurz fassen, ungefähr so:

    Dan Nicholls ist mir unbekannt und wäre mir ohne Michas Zutun todsicher nicht aufgefallen. Im ersten Eindruck hat es mich nicht umgehauen, habe dann der überkritischen analytischen Hörhaltung entsagt wegen einiger anmutiger Klangerfindungen.

    Musique d’ameublement – ja, eine allmähliche sanfte Verführung 😉

    Weil ich Zeit und Lust hatte, habe ich ein wenig recheriert im Internet. Nicholls‘ Webseite halte ich für ziemlich originell: extrem sparsam, NULL Biografisches, NUR Links zu seinen künstlerischen Aktivitäten, dead links als visuelles Bindegewebe. Die Videos muss ich noch eingehender betrachten. Dans Kreationen konnte ich vorerst nur in Kostproben zu mir nehmen, sie zeigten aber, dass der Mann einen Horizont hat, der über das auf MATTERING Gebotene hinausgeht.

    Sein Angebot bei SOUNDCLOUD habe ich teelöffelweise gekostet, lediglich das Duett mit der Sängerin komplett angehört – betörnt davon.

    Die Alben von killing Popes (irrer zweideutiger Bandname) bei denen Nicholls mitmischt werde ich mir noch diese Woche intensiv zu Gemüte führen.

  6. Olaf Westfeld:

    Y-Otis werde ich in Helsinki sehen, genauer gesagt auf der „Lonna“ Insel, man muss wohl vom Marktplatz mit einem Wasserbus hinfahren. Kleines Open Air Festival, meine erstes Konzert seit einem Jahr, u.a. eben mit Y-Otis, die ich aus der Ferne ganz gut finde. Ich hoffe nur, dass bei der Einreise alles glatt geht. Ich bin ja durchgeimpft, Frau und Tochter aber noch nicht.

  7. radiohoerer:

    Hallo zusammen, zum Thema Dan Nichols und den Killing Popes hat Henning Bolte etwas geschrieben. Mehr dazu hier: https://radiohoerer.info/henning-bolte-release-tipp-the-killing-popes-ego-kills-shhpuma-clean-feed-sku/
    Ich hatte Y-Otis in Leipzig gehört und kann die allgemeine Begeisterung nicht nachvollziehen. Lag wohl am Konzert oder an mir. Wer weiß…

  8. Michael Engelbrecht:

    Gute Reise, gute Heimkehr!

    Ich hoffe auf mein Comeback Anfang September in Kristiansand beim Punktfestival.

    Passend dazu höre ich zum zweiten Mal, und sehr gerne, die neue, Ende August erscheinende, CD von Nils Petter Molvaer. Von wegen immer dasgleiche. Die Bandbreite bleibt breit. Die Sequenz der 11 Stücke ist grosse Klasse.

  9. Olaf Westfeld:

    🙏 Übermorgen geht es los, 2 Übernachtungen in Helsinki (und zwei Tage Konzert), dann für knapp 2 Wochen in die finnische Pampa – jippie.

  10. Michael Engelbrecht:

    Hast du in der Pampa WLAN? Reiseberichte aus entlegenen Zonen sind hier immer willkommen. Meine nächste Geschichte von unterwegs dann in den Klanghorizonten: Nachts mit Jon Hassell am Morsumer Kliff.

  11. Olaf Westfeld:

    WLAN gibts da nicht… aber ne mobile Daten Verbindung. Es ist wirklich jwd, wenn viel los ist, sehen wir zwei Boote pro Tag. Einkaufsmöglichkeit ist ne gute Stunde weit weg, da gibt es dann auch Trinkwasser.

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