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on life, music etc beyond mainstream

2021 17 Mai

Die John Cage Methode

von: Lajla Nizinski Filed under: Blog | TB | 8 Comments

Video – Parts One & Two & Three

 

„Im Zen heißt es: Wenn etwas nach zwei Minuten langweilig ist, versuch es für vier Minuten  Wenn es immer noch langweilig ist, für acht. Dann sechzehn. Dann zweiunddreißig  schließlich merkt man, dass es überhaupt nicht langweilig ist … „

(J.C. )

 

Ich habe aus dem Buch Nichts tun von Jenny Odell Übungen in Aufmerksamkeit gelernt. Ich saß 60 Minuten am tosenden Meer und habe nichts getan.  Jenny Odell meint mit „Nichts tun“ nicht faul in der Sonne liegen, sondern sie beschreibt „die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen.“ So lautet der Untertitel ihres Buches. Odell ist Künstlerin und Schriftstellerin. Sie lebt in San Francisco.

In dem Kapitel „Plädoyer für das Nichts“ erzählt sie von einem Kunstprojekt an einem großen Monument in San Diego.  Dort wurden Stühle aufgestellt. Die Gäste sollten nicht ihre Smartphones zücken, um Fotos zu machen, sondern lediglich den Sonnenuntergang betrachten. Als die Sonne ganz untergegangen war, klatschten sie.

Auch ich hatte das Gefühl nach 60 Minuten „Nichts tun“, nur das tosende Meer betrachtend, dass ich etwas Großes erlebt hätte.

An einer anderen Stelle im Buch erzählt Odell über eine Ausstellung von David Hockney in einem Museum in San Francisco. David Hockney ist ja zu aller erst Maler, hier zeigte er aber eine Videoarbeit. „Seven Yorkshire Landscapes“, Hockney’s Heimat, ist eine wandbreite Videoarbeit von mehreren, rasterartig zusammengefügten Bildschirmen. Damit der Betrachter genauer hinschaut, lässt er das Video in „ameisenhaftem Tempo“ ablaufen. Besucher, die das Werk gesehen hatten, berichteten, dass sie anschließend draußen alles langsamer betrachtet hätten.

 

„Der Prozess des Betrachtens selbst ist die Schönheit.“

(J. C.)

Mir ist bewusst, dass ich diese Aufmerksamkeitsübungen in großer Naturschönheit machen kann.

Jochen hatte vor einiger Zeit kurz das Buch von Odell erwähnt. Er hat mein Video, das ich an der Nordküste von El Hierro aufgenommen habe, hier hochgeladen. Ihr könnt damit üben. Wenn es nach drei Minuten zu langweilig ist, versucht es für vier Minuten …

 

 

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8 Comments

  1. Martina Weber:

    Das erinnert mich an ein Zitat von Mark Strand aus „moving landscapes. Landschaft und Film“, herausgegeben von Barbara Pichler, Andreas Pollach.

    „Während all der Jahre meines Unterrichtens war ich der Meinung, dass man niemandem beibringen kann, eine Künstlerin oder ein Künstler zu sein. Natürlich kann man eine Arbeitsumgebung anbieten, die unterstützend wirkt, der künstlerische Teil muss jedoch aus dem Innern kommen. In den letzten Jahren begann ich jedoch zu glauben, dass es mir vielleicht doch möglich sein könnte, Leute darin zu unterrichten, Künstlerinnen und Künstler zu sein – gute Künstlerinnen und Künstler. Meiner Meinung nach ist das jemand, der / die aufmerksam ist, sehr aufmerksam, um dann in ihrer/seiner Aufmerksamkeit davon Bericht zu erstatten.

    Also, dachte ich, ich muss ein Seminar über Aufmerksamkeit halten, und das ist es, was ich in den letzten Jahren getan habe. Ich treffe meine Studierenden zum Beispiel in einer mondlosen Nacht um vier Uhr morgens und fahre mit ihnen zu einer kleinen Schotterstraße. Dann lasse ich sie im Dunkeln eine Stunde lang auf den Gipfel des Hügels steigen, wo sich jede und jeder für sich hinsetzt und ich sie auffordere, aufmerksam zu sein. Die Nacht wird sichtbar und hörbar in den Morgen übergehen und sie werden sich im Sehen und Hören üben. Oder wir wandern über ein großes Ölfeld im Great Central Valley, besuchen dann ein Gefängnis und verbringen den Rest des Tages in einem Pinienwald.“

  2. Uwe Meilchen:

    Und ob in dieser Gesellschaft das Innehalten, das Tempo heraus nehmen und, im wahrsten Sinne des Wortes zur Besinnung kommen überhaupt gewünscht ist ? Mir fällt auf dass das Draussen in der Natur sein, all das Blühende etwas sehr tröstliches haben kann und für mich auch hat. Danke für den Impuls, Lajla.

  3. Lajla:

    Danke Martina für die Erweiterung. Ob die auch ihre Smartphones etc abgegeben haben?

    Uwe, wenn du mal den „Feldweg“ von Heidegger mit auf deine Spaziergänge nimmst, hast du noch mehr Trost.

    Hier haben wir ja alle das „Deep listening“ gemeinsam. Als wir uns das erste Mal in Echtzeit auf Sylt trafen -ich war ziemlich aufgeregt, welche Menschen aus dem Internet da zusammenträfen, stellten wir alle überrascht fest, dass wir uns in kürzester Zeit so gut verstanden. Das „Nahsein“ erlebten wir ebenso mit den Neuen (Jochen und Uli) in Münster. Ich dachte damals in Westerland, dieses Phänomen könnte mit dem „Deep reading“ unserer Texte zu tun haben.

  4. Michael Engelbrecht:

    Ich werde auf jeden Fall das Album in Erinnerung rufen, im Juni oder August, nachts, das unser fast schon geflügeltes „Deep Listening“ Musikgeschichte schreiben liess, das ebenso betitelte Werk von Pauline Oliveros, unlängst auf doppeltem Vinyl sehr schön und DEEP aufbereitet.

    Musik aus einer Zisterne.

  5. Martina Weber:

    Lajla, ich bin davon überzeugt, dass die Studierenden von Mark Stand nicht mitten in der Nacht die Schlagworte „mondlos, Schotterstraße, Gedicht?“ in ihr Smartphones eingetippt haben.

  6. Olaf Westfeld:

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig Schüler/innen in der Lage sind, sich im Museum ein Kunstwerk eine Minute lang schweigend anzuschauen – ein Bild von Macke, Munch oder ähnliches. Es ist aber auch erstaunlich, was die dann wahrnehmen und berichten können. Aufmerksamkeit und die Kunst sich in etwas zu versenken (deep listening / viewing / reading, oder nur der gute alte Waldspaziergang) sind leider einerseits immer seltener… aber werden doch auch immer mehr gesucht, glaube ich.

  7. Martina Weber:

    Der Kunstkritiker Peter Clothier hat, nachdem er Meditation und die slow food Bewegung entdeckt hat, damit begonnen, „One Hour/One Painting“ Führungen in Museen durchzuführen.

  8. Lajla:

    Gute Idee.

    Der Kurator vom Städel hat mal gesagt, er hätte nichts dagegen, wenn die Schüler mit ihren Smartphones durch s Museum hetzen und fotografieren. Hauptsache sie sehen sich die Fotos zuhause in Ruhe an.

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