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2021 10 Mrz

Lüneburger Heide, Hinter den Höfen 7 (2011)

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 1 Comment

 

Zwischenstation in der Heide. Die natürlich nicht vollends blühte, sonst wäre der Touristenstrom dank der büschelweise pink funkelnden Heidekräuter einer Bundesgartenschau vergleichbar. Nein, mutterseelenallein geht es dort zu – sogar eine schönen Reiterin zu begegnen, hatte Seltenheitswert. Ich kam auf einem Bauernhof unter, der mir zwei schwarze Nächte voller Stockfinsternis bot. Ohne Taschenlampe irrte ich einmal über einen der umliegenden Acker, und die spärlichen Lichter des Gehöfts wirkten im Abendnebel bald so entfernt wie lang verglühte Himmelskörper. Auch die Wolken hielten sich bedeckt, und so rammte ich einen Kilometerstein und schrie kurz auf. – „Don´t get lost in Lüneburg Heath“, sang Brian Eno einst, in geselliger Runde mit Moebius, Roedelius, und Rother. Ich las noch ein paar Seiten in Jörg Juretzkas Abrechnung mit grstrandeten Hippieträumen („Alles ganz groovy hier“), und verschwand im Land der Träume.

 

Am nächsten Tag landete ich am frühen Nachmittag im Dorfcafe Alte Schule, Hinter den Höfen 7. Der Käsekuchen im Cafe war zwar noch etwas kühl, besass aber eine feine Zitronennote. Dort kann man nicht nur übernachten, umgeben von einem herrlichen Garten, man bewegt sich auch auch in einem Gemäuer, das allerlei Überraschungen bietet, von einem urgemütlichen Tante Emma-Laden bis zu einer riesigen Bücherwand, die eine ganze Front des Cafés einnimmt. Sofort glitten meine Blicke über die Einbände, darunter etliche alte Buchclub-Romane aus den Sechziger Jahren, die unsere Eltern so gern um sich hatten. Mein Blick blieb aber gnadenlos an den schwarzgelben Krimis aus der Diogenes Taschenbuchreihe hängen, die in meiner Studienzeit in Würzburg  mehr Platz in meinem Regal einnahmen als die Werke von Sigmund Freud. Reihenweise verschlang ich damals Eric Ambler (Lieblingbsuch: „Die Maske des Dimitrios“) oder Patricia Highsmith (Lieblingsbuch: „Das Zittern des Fälschers“).

 

Und hier fand ich ein offensichtlich gelesenes Exemplar von Jonathan Latimer: „Den Toten ist’s egal“. Den Mann kannte ich  nur vom Namen, er schrieb seine Detektivgeschichten vor allem in den 30er Jahren. An der Kasse wollte ich meinen Käsekuchen bezahlen, und fragte, ob ich der Hausbibliothek diesen kleinen Roman von Latimer abkaufen könne, zum Original- oder Sammlerpreis, egal. Aus dem Off kam die Stimme einer Dame: „Nein!“ Ich sah niemanden.  Dann kam sie nach vorne, eine opulente Erscheinung, und erzählte mir von der Bedeutung einer solchen Bücherwand, die halt gelebtes Leben sei, und kein Dekor. Ich schenkte ihr meinen Hundeblick, legte den Kopf zur Seite, und sie sagte: „Sie sind ein Hinterfurzer, ein Hinterfurzer sind Sie!“ Das sagte sie durchaus charmant, und ich fühlte mich wie in einem frühen Urs Widmer-Roman. Sie drückte mir das Buch in die Hand, forderte mich auf, ihr dafür einen anderen guten Krimi zu schicken.

 

Am Abend dieses Tages verschwand ich mit Jonathan Latimer im Bett und fand mich in den Everglades wieder, in Südflorida, in den späten 30er Jahren. Latimer verfügt über einen eleganten Humor und beherrscht die Kunst der scharfzüngigen Ping-Pong-Dialoge. Er hatte auch in Hollywood Erfolg, mit den Drehbüchern zu Hammetts „Der gläserne Schlüssel“ und Woolrichs „Die Nacht hat tausend Augen“. Herrliche Rumstromer-Tage in der Heide. Wochen später schickte ich der Chefin eine der ganz grossen Spionageromane, „Der Rabe“, von Lionel Davidson.

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1 Comment

  1. Uwe Meilchen:

    Kann mir nicht helfen aber die alten „Diogenes“ Unschläge mit dem schwarzen Rahmen und den Zeichnungen von Tomi Ungerer gefallen mir im Rückblick noch besser.

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