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2020 12 Dez

Kammermusik der Zukunft (III): Hausmusik

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | Tags:  No Comments

Die Zeit war schon lange stehen geblieben, seltsam grau und scheinbar monoton. Oder hatte sie bereits angefangen langsam rückwärts zu laufen in die Vergangenheit einer DDR-Jugend hinein, in Einschränkungen und Reduziertheit, vielleicht sogar Mangel. Aber darin liegt vielleicht auch eine Schönheit, asketisch und bedacht und trotzdem im Fluss. Und eine verhaltene Melancholie. Die Brüder Sebastian (Cello) und Daniel (Piano) Selke haben nach zwei noch elektronisch unterstützten Alben nun ein rein akustisches vorgelegt, dass sehr intim und unprätentiös, diskret und leise erklingt und sich weit von den üblichen Cello/Piano-Duos wegbewegt oder genauer gesagt, es gar nicht erst soweit kommen lässt. Wenige Motive reichen in ihren Variationen aus, um minimalistische Spannungsbögen fast stoisch und modulationsfrei zu verwirklichen.

Gleich am Anfang in Vice Versa tauschen die Brüder ihre Instrumente und das folgende Stück Reunion hört sich an wie Hauschka auf Opium, immer langsamer werdend und doch intensiver und intensiver. Im Fenster baut auf einem Cellomotiv auf rau und ungeschliffen und erinnert mich ein bisschen mit dem verhallten Piano an die Musik des gerade verstorbenen Harold Budd, zitiert aber einen Song von Toni Krahl’s Band CITY. In Circa baut sich in fast meditativer Reminiszenz an ein Bach-Motiv auf ohne aber mit Kadenzen zu belasten, ein trockenes vielleicht präpariertes Piano kommt hinzu bevor es in der Tiefe der Tonskala schnarrend versinkt. Am Ende der ersten Platte offenbart sich aus einfachen Fragmenten mit Belka ein völlig reduziertes, perkussiv-avantgardistisches Stück, das aus weniger immer mehr macht, verdichtet und bannt. Strelka, das erste Stück der zweiten Scheibe des Doppelalbums greift den Reduktionismus auf und führt ihn ozillierend ins Unbekannte. Belka und Strelka erinnern übrigens an die beiden ersten Lebewesen, die gleichnamigen Hunde, die einen Raumflug überlebten. To Open A Door’s Inner Frame atmet verhalten, beschleunigt und verebbt, setzt an um vielleicht ein Song zu werden und verbleibt doch in einem experimentellen Ausnahmezustand. Fallen erinnert etwas an Steve Reich oder frühe Michael Nyman-Stücke, repetitiv, absolut minimalistisch, aber effektiv und die Videoclips spielen auch mit dieser minimalistischen Plattenbauästhetik. Yes, Brick By Brick ist nicht nur vom Aufbau Stein auf Stein, sondern auch ein Motto, dass die Musiker schon lange begleitet und ihnen Gelassenheit, Geduld und Stärke gegeben hat, wenn die Welt mal wieder gnadenlos und düster daherkommt. Im finalen No. Eins schließlich schließt sich der Kreis zu ihrer ersten Improvisation, aber auch zum ersten Stück des Albums, wo die Brüder ihre Instrumente tauschten. So ist Hausmusik gleichzeitig ein inverser Blick zurück und eine futuristische Nostalgie, eine Persiflage klassischer Musik und eine postapokalyptische Machbarkeitsstudie, intensivste Monotonie und halt eben: intime Hausmusik.

 
 

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