Manafonistas

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2020 7 Dez

Jahresliste 2020

von: Hans-Dieter Klinger Filed under: Blog | TB | 12 Comments

Neuerscheinungen des zu Ende gehenden Jahres spielen in meinen Rückblicken keine Rolle, ausgeschlossen sind sie natürlich nicht. In diesem Jahr fehlten mir weitgehend die Live-Eindrücke. Es gab nur zwei Gelegenheiten für mich, die gleichen Aerosole zu atmen, wie die Musiker auf der Bühne. Was ich schon längst weiß, wurde bestätigt. Es gibt nur extrem wenige Tonkonserven, die mir so unter die Haut gehen, wie das bei einem Live-Konzert passieren kann. Deshalb nehme ich The Lost Septet nicht in die Liste auf. Es ruft immerhin die Erinnerung wach an den Auftritt des Septets in München am 17. Oktober 1971.

Meine Liste wird kurz. Aufnahme finden Alben, die ich im vergangenen Jahr entdeckte, Alben, die beinahe die Wirkung eines Livekonzerts auslösen. Interessanterweise überwiegen dabei Editionen mit Klassischer Musik. Mich wundert das nicht. Ich vertrete seit Jahrzehnten die an diesem Ort eher singuläre Ansicht, dass man etwas versäumt, wenn man Klassische Musik links oder rechts, oben oder unten liegen lässt.

 
 
Lucas Debargue – Klavier

 

 

 

 

Scarlatti · Chopin · Liszt · Ravel

 

Unter den Live eingespielten Werken befindet sich Maurice Ravels wunderbar poetisches, düsteres und groteskes Meisterwerk Gaspard de la nuit und vier köstliche Pralinen aus Domenico Scarlattis riesiger Sammlung. 555 Sonaten sind überliefert. Lucas Debargue hat 52 davon auf einer 4-CD-Box im Jahr 2019 eingespielt. Davon nasche ich hin und wieder.

 

Miles Davis – Trompete & Bandleader

 

 

 

 

THE CELLAR DOOR SESSIONS 1970

 

 

Das 50th Anniversary Album existiert nur in meiner Phantasie. Zu gegebener Zeit wird an diesem Ort mehr davon erscheinen. Es ist jene Band von Miles Davis, die dem sog. LOST SEPTET vorausging. Das Album ist also verwachsen mit meinem Erlebnis vom 17. Oktober 1971. Vor Jahren kaufte ich in Form eines Downloads die veröffentlichten Sets jener vier denkwürdigen Abende kurz vor Weihnachten 1970 aus dem Club in Washington – eine amputierte Edition. Ich habe nachgeholt, was ich vor langer Zeit versäumt habe. Jetzt besitze ich die 6-CD-Box mit der großartigen Dokumentation, die nicht nur reich bebildert ist, sondern in der alle Musiker – der wortkarge Miles Davis selbstverständlich ausgenommen – sich an diese verrückten Tage erinnern. 35 Jahre später.

 

 

Daniil Trifonov – Klavier
 
 

 

 

SILVER AGE – Scriabin · Stravinsky · Prokofiev

 

 

Aufgrund glücklicher Umstände konnte ich Trifonov live in Bayreuth hören. So liegt auch hier eine Verknüpfung mit einer unmittelbaren Wahrnehmung vor, bei der sich zeigte, dass nicht nur Töne die Musik machen, sondern auch die Körpersprache, die Mimik, die Schweißtropfen. Ich werde nie vergessen, wie letztes Jahr im November Shai Maestro den Abend mit seinem Trio begann. Ein paar schlichte Quintklänge würden mich von CD abgehört recht unbewegt lassen. Aber zu sehen, wie Shai diesen einfachen Schwingungen nachlauscht, sie etwas ganz Besonderes für ihn sind in ihrem Reichtum an Obertönen, die aus einem Instrument strömen, das zu erobern er sich gerade anschickt, machte mir Gänsehaut und mehr.

Ich wollte ja von Daniil sprechen. Auf der Doppel-CD sind zwei Werke, die ich seit Teenager-Zeiten ganz besonders liebe. Sergei Prokofievs 8. Klaviersonate konnte ich schon im Jahr 2019 in einer atemberaubenden Live-Performance Trifonovs sehen und hören, allerdings nicht so, dass ich die gleiche Luft atmete wie der Pianist. Ich habe die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker gebucht. Das Album enthält auch Stravinskys Trois mouvements de Petrouchka in einer unübertrefflichen Interpretation. Hmm, BUDAPEST kann da nicht mithalten.

 

This entry was posted on Montag, 7. Dezember 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

12 Comments

  1. Lajla:

    Rosato, ich höre gerne Klassik. Habe Ravel in einer Tanzperformance hier auf der Insel genossen. Die einzige Sendung, die ich über TV hier empfange, ist radio classica. Viel Schubert, viel Wagner. Und immer warte ich auf meinen Hero im Himmel: Bruckner.

  2. Michael Engelbrecht:

    Rosato, ich hörte auch gerne Klassik, als ich 16 war, bis ich 25 war, ungefähr, Mahler, Mahler und Mahler – da war ich fast Experte.

    Ich habe einer Kantate von Bach ein Liebeskummerüberwindungserlebnis zu verdanken

    Und jetzt finde ich immer noch Tolles, wenn du mich, wie bei Gaspard de la nuit, durchaus etwas hartnäckig 😅drauf aufmerksam machst.

    Wie im richtigen Leben sollten auch ganz kleine Türen immer offen bleiben.

  3. Rosato:

    in der pädagogik nennt man das ‚impuls‘

    davon gib es auch eine leicht provokante sorte

    ich bin gespannt, wann der prokofiev dran ist

    😅😅😅

  4. Martina:

    Ich mag den persönlichen Zugang deines Textes sehr, Hans-Dieter. Ich tue mir mit den Jahreslisten sehr schwer, aber aus anderen Gründen. Was die klassische Musik angeht, darf ich an meine abgebrochene „Laufbahn“ mit der Geige erinnern. Ich habe einen nicht ganz unbeträchtlichen Teil meiner Jugend mit Violinetüden verbracht, habe im Schulorchester gespielt, im Orchester der Musikschule, im Orchester des musikwissenschaftlichen Seminars der Uni Freiburg (da wäre ich fast rausgeflogen). Alles, bis mir irgendwann klar wurde, dass die Geige gar nicht mein Instrument ist und dass mir die Musik, die ich all die Jahre gespielt habe, eigentlich nicht so gefallen hat. Jedenfalls hat es mich umgehauen, als ich Michaels Sendung entdeckte. Vor ein paar Jahren habe ich einer Freundin einen Stapel an Klassik-CDs geschenkt. Ein paar habe ich aber noch :)

  5. Jan Reetze:

    Klassik ist bei mir auch immer ein Thema. Neue Klassikplatten sind mir dieses Jahr aber überhaupt nicht begegnet, und da dieses Jahr auch keine Konzerte stattgefunden haben, fiel diese Sparte ziemlich unter den Tisch — leider.

  6. Rosato:

    Hi Jan,

    vom Pittsburgh Symphony Orchestra conducted by Manfred Honeck gibt es fabelhafte Aufnahmen.

    Via Qobuz halte ich mich oft in Pittsburgh auf.

    Zuletzt ließ ich mir Dvořáks herrliche 8. Sinfonie vorspielen.

    Könnte ich jedes Jahr in die Liste aufnehmen ;)

  7. Rosato:

    Hi Martina,

    ich freu mich sehr über deine message

    schmeiß deine klassische vergangenheit einfach in die tonne und genieße die klanghorizonte

    man muss nicht allem hinterher schnüffeln ;)

  8. Michael Engelbrecht:

    Carla Bley schwärmte einst in einem Interview von Sgt. Pepper, und von Gustav Mahler, das gefiel mir.

    Meredith Monk sagte mir in einem Gespräch früh in den Neunzigern, zur Wiener Klassik habe sie keinerlei Bezug, aber die Anfänge der Polyphonie, Perotinus, habe sie umgehauen.

    Brian Eno erzählte mir vor wenigen Tagen von einem grossartigen Stück von Franz Schubert. Und er hat herzlich wenig sonst mit Klassik im Sinn.

    Ich bin auch kein Violinenfan Martina, aber am 26.12. spiele ich die alternative Weihnachtsmusik, einen Violinen-Trip, den Olaf empfahl: Pure Klassik – aus Indien, mono und 1952. Ein ganz eigener Zauber. Und das spiele ich ohne jede fürsorgliche Einleitung. Manche werden denken: was ist das denn um Himmels willen. Andere: oh, strange. Und dann gebe ich den DJ Chris aus Ausgrechnet Alaska und spiele den besten Song von John Lennon (natürlich nur der beste Song in meiner Liste:)) — und das nach den indischen Exstatikern. Auf den Moment, wenn John Lennon beginnt, freue ich mich schon jetzt.

    Die berühmten kleinen Türen.

    Mein Lieblingsviolinenalbum

    Don Sugarcane Harris – Fiddler on the rock

    🤣🙇🏻😅

  9. Jan Reetze:

    @ Rosato: Stimmt, Honecks Live-Einspielung (2015) von Bruckners Neunter mit dem PSO hätte ich nennen können. Die CD erschien aber bereits letztes Jahr, gehört insofern nicht in die Liste. Sie hatte drei Grammy-Nominierungen, und wenn mich nicht alles täuscht, waren wir bei der Aufführung im Publikum. Wirklich umgehauen hat uns allerdings Bruckners Achte von 2017, die es aber noch nicht auf CD gibt. Die wäre ein sicherer Top-List-Kandidat.

  10. Michael Engelbrecht:

    Offensichtlich ein Nest für Klassische Musik, der Club der Manafonisten. Und wenn der Soundtrack von Barry Lyndon kommt, gibts eine Prise Franz in den Klanghorizonten …

  11. Olaf Westfeld:

    Ich war – schon vor einigen Jahren – ganz erstaunt und überwältigt, von dem Klangerlebnis eines klassischen Konzertes, damit hatte ich nicht gerechnet. Seitdem gehe ich recht regelmäßig in solche Veranstaltungen, zumal hier in der Region Hannover gute Konzerte aus anderen Sparten nicht ständig stattfinden, das Angebot an Klassikkonzerten ist dafür ganz ansehnlich. Aber in diesem Jahr waren es bei mir auch nur zwei, na klar.
    Diese klassische indische Musik ist ganz irre, man weiß gar nicht, was als nächste kommt, dazu dieser dumpfe, „gebrauchte“ Klang – herrlich.

  12. Michael Engelbrecht:

    Olaf, kommt heute alles von der Klinger Factory insHaus, die CD mit den Interviews mit Eno, Tibbetts – und den „irren Indern“.

    Mein letztes Klassikkonzert war in der Tonhalle in Düsseldorf vor wenigen Jahren, Mahlers 5. Symphonie. Toller Sound. Dort in der Tonhalle war ich viel zu selten, wen erlebte ich dort?

    Wilco, David Byrne mot Tanztruppe und dem Programm „The songs of Byrne and Eno“ sowie Meredith Monk.

    Jedes Konzert eine Klasse für sich.

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