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2019 20 Jul

Am Ende der Weimarer Republik

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | 4 Kommentare

 

 

1929, 1930, Berlin. Angeblich ein Film ohne Schauspieler. MENSCHEN AM SONNTAG. Die Droge habe ich zu Anfang des Films genommen. Ich sehe die Fassung mit der neuen Musik von Mûm, den Isländern. Ich mochte ihre erste Platte, und diesen Soundtrack mag ich auch. Intelligente elektronische Kurzweil, die sich genau überlegt, wann sie pulsiert, wann schimmert – wie Boards of Canada und ich auf Valium. Am Anfang heisst es in grosszügig geschwungenen Zwischenzeilen, dass alle nach dem Film wieder ihrem Beruf nachgehen würden. Nun sind sie schon alle lange gestorben. Ich sehe hier das Ende der freien Zwanziger Jahre, bevor die Nazis das Ruder an sich rissen. Ein alte Welt, bevor sie niedergemacht wird. Fremde sprechen sich an, kleine flüchtige Gruppierungen. Da kommt der Wannsee ins Bild, man entkleidet sich hinterm Farn, und, ah, ein herrlicher Plattenspielerkoffer. Mûm zelebrieren die kleinen Freuden, eine leicht sperrige Melancholie unterläuft die Lust am Augenblick. Eine dieser Laienspielerinnen ist so voller Anmut, ich möchte hinter die Leinwand springen, und ihre Geschichte hören, der Berliner Dialekt wäre Musik in meinen Ohren. Der Frauenheld wirkt gockelhaft, meine Schöne schläft am See. Und zwischendurch streift die Kamera durch Berlin, dem heimlichen Protagonisten. Alles unwiederbringlich.

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4 Kommentare

  1. Jan Reetze:

    Ein wunderschöner Film, einer der Drehbuchautoren war übrigens Billy Wilder. Und er ist wirklich ohne Schauspieler; der einzige Profi unter den Darstellern war Kurt Gerron. Ich glaube, ich kenne den Film inzwischen mit wenigstens fünf verschiedenen Soundtracks. Den von Mûm kenne ich noch nicht, ich wäre neugierig.

  2. uwe Meilchen:

    Berlin – Symphonie einer Großstadt (1927)

    Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

    … noch zwei Klassiker des deutschen Films, ebenso sehenswert als Dokument einer versunkenen Zeit.

  3. Michael Engelbrecht:

    Sehr bewegend. 1929 entstand der Film, in dem Jahr wurde meine Mutter geboren. Im Ruhrgebiet.

    Mark Kidel schreibt in TheArtsDesk:

    Weimar Germany produced some extraordinary cinema, with Pabst, Murnau, Fritz Lang and others creating a language that transformed the medium and is still a core reference today. People on Sunday (Menschen am Sonntag), a silent film made in 1929, entirely on location – itself unusual at the time – features a team that would make tracks once established in Hollywood. The credits include a story by Curt Siodmak, Billy Wilder as screenwriter, Edgar G Ulmer and Robert Siodmak as directors, and Fred Zinnemann and Eugen Schüfftan as cinematographers.

    The film tells the story of a group of young people whose lives collide, almost by accident, on a sunny Sunday at a lake just outside Berlin. The story of flirtations, jealousy, play-fights and squabbles unfolds with a minimum of the drama that characterised so much of the cinema of the time, with the main narrative thread interspersed with scenes of city and beach life that are more documentary in style. The influence of Walter Ruttman’s Berlin: Symphony of a Great City, made two years earlier, is very clear. Both films evoke the German capital’s vibrant life, the buzz of fast-moving public transport criss-crossing the city, resonating with the pace of human activity. This is a romantic view of the metropolis as a setting for brief encounters and unexpected pleasures, in stark contrast to the dark vision proposed by Fritz Lang.

    The photography, camera movements and editing are immensely inventive and often very beautiful. But the aesthetic quality of the film – realistic though visually attractive – in no way undermines the humanity that shines through at every instant. In working without professionals – the film is indeed subtitled “a film without actors” – the movie is a precursor of Italian Neo-Realism and the French nouvelle vague, not so much gritty as touching in the way that crafted performance cannot deliver as well as untutored spontaneity. Moments of shyness, sensuality and eroticism are captured with delicacy and an unusual authenticity. The sense of intimacy that comes from non-professionals and the location shooting added veracity that directors such as Fred Zinnemann would cultivate in later films.

  4. Michael Engelbrecht:

    Als ich Brian Eno 2005 in Berlin traf, las er ein Buch, das in sehr beeindruckte, und allseits sehr gelobt wird:

    Otto Friedrich: Before The Deluge – A story of Berlin in the 1920‘s

    In der BFI Fassung kann man noch den alternativen historischen Soundtrack wählen, der wohl mehr Richtung Kurt Weill klingt. Ich werde den Film sicher noch öfter sehen, die Restaurierung ist hervorragend. Auf den Audio-Kommentar bin ich sehr gespannt.

    Ganz interessant auch das im Booklet beiliegende Interview mit einer der Darstellerinnen von 1931, damals in einer Berliner Zeitung veröffentlicht.

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