Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2019 11 Jul

Das Sommerloch

von: Lajla Nizinski Filed under: Blog | TB | 5 Comments

 

 

The guitar is multilingual

Habt Ihr das Sommerloch schon einmal gesehen? Nein? Ich auch nicht. Ich habe einmal das Denkloch gesehen, gemalt von einem französischen Künstler. Da steht ein Mann und denkt ein Loch in den Boden. Beeindruckendes Gemälde. Ich will heute darüber nachdenken, weshalb ein vegan-non-smoking-antialcohol Festival wie das Fusion in Müritz genauso gut eine Bombenstimmung hervorzaubern kann, wie Woodstock; dass Bob Dylan nach Hamburg tourt; und warum Neil Young eine schlechte Performance in Mannheim lieferte; dass ich am Rhein sitzen kann und mit Tausenden ein great party feeling bei freiem Eintritt haben kann; dass ich es toll finde, dass Leute zusammen Musik aus ihren mitgebrachten Blockbustern hören und das im Spotify Zeitalter …

 

And nobody is watching you

Ich denke an früher, wie wir zusammen saßen,  unsere neu erworbenen Schallplatten anhörten und über die Marke des Schallplattenspielers oder über die richtige Gramzahl beim Auflagegewicht der Nadel – Kristall oder Diamant – diskutierten.

 

And nobody was watching us

Neben mir steckt sich die Frau im leichten Sommerkleid ihre winzigen earphones rein, neben ihr der Freund mit gelben grossen headphones.

 

And they are all watched

Ich habe das Buch von Shoshanna Zuboff dabei: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Campus). Darin geht es um die einseitige Beanspruchung menschlicher Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten. Und um die allgegenwärtige Frage: Beherrschen wir noch die Maschinen? (The Big Other / Lacan). Die Harvard Ökonomin findet eine plausible Herleitung vom Massenprodukt Auto (Ford) bis hin zum vermeintlich individualisierenden Produkt iPhone. Sie erklärt sehr anschaulich, wie die Ökonomie geschickt das Verhalten der User von iTunes, iPod und iPhone ausnutzt, spricht gar von „Verhaltensterminkontrakten“. Ihre etwas sperrig daherkommenden Wortschöpfungen machen durchaus Sinn, wenn man bereit ist, mit ihr die Vorstellung zu teilen, was wir eigentlich sprachlich und denkerisch für Mittel haben, für das, was Facebook und Google mit uns macht. Sie nennt es noch: Das BeispielloseSie gibt uns zum besseren Verständnis das Beispiel des Pferdewagens, der plötzlich ohne Pferd in Bewegung geriet – und man auch nicht wusste, wie man das nennen sollte. Zuboff arbeitet auch mit vorhandenem Wissen und zieht Skinner (Behaviorismus) und Hannah Arendt (Totalitarismus) hinzu, um fortzuführen und aufzuklären, wie sehr uns die großen digitalen Unternehmen im Griff haben. Auf dem neuen Album Talk To Me von der Bostoner Band Editrix,werden wir schon am Anfang Zeuge der  menschlichen Veränderung: „I did it for the Instagram.“ Wendy Eisenberg singt diese Lyrik. Ich kenne sie aus dem Country-Umfeld. Nun hat sie anscheinend ihr Banjo zur Seite gelegt und konzentriert sich voll auf ihre Gitarre. Ihre Riffs sind phänomenal. Zusammen mit Steve Cameron am Bass und Josh Daniel am Schlagzeug spielt das Trio von Free Jazz bis yet unnamed music. Wer denkt da nicht an die nicht zu kategorisierende Musik von Captain Beefheart.  Also – give it a shot.

 

Wendy Eisenberg – „Three Dream Rooms“

This entry was posted on Donnerstag, 11. Juli 2019 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

5 Comments

  1. Jochen:

    Das scheint ein interessantes Buch zu sein, danke für den Tipp.

    Und vielleicht argumentiert die Autorin ja etwas ausführlicher und vermittelnder als der Philosoph Byung-Chul Han, der das gleiche Thema („Überwachungs-Digitalität“) behandelt, in sehr knapp gehaltener Syntax.

    Wendy Heisenberg erinnert an Mary Halvorson, vor allem aber an Derek Bailey.

  2. Lajla:

    Zuboff ist Ökonomin, sie erklärt meist mit wirtschaftlichen Beispielen. Ich finde das Buch sehr interessant und freue mich, dass es so viel von Hannah Arendt „drin“ und „drauf“ hat.

    Mary Halvorson an der Gitarrenharfe, wow, ich habe noch nie solch ein Instrument gesehen. Ja, Derek Bailey, wie Wendy auch, aus dem Umfeld von John Zorn, mit dem sie schon ein gemeinsames Album herausbrachte.

  3. Gregor:

    … und was war das für eine Marke?

    Ich meine jetzt die Diskussion um den Plattenspieler. Lass mich raten: du hattest ein DUAL. Oder vielleicht ein PE? Beide kamen aus dem Schwarzwald. PE gibt es wieder, ein Super-Plattenspieler!

  4. Lajla:

    Nein, ich hatte – und habe immer noch – einen Pioneer. Ich studierte in Freiburg und fuhr oft nach Basel, u.a. wegen dem wunderschönen Lenco, den hätte ich am liebsten gehabt.

  5. MHQ:

    no sommer hole in hyde park recently, a quite unforgettable performance of two legends, and obviously mr. young was in fabulous shape …

    😇😅😂

    theartsdesk.com /bob-dylan-and-neil-young-bst-hyde-park-review-flat-out-brilliant-and-strangely-compelling

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