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on life, music etc beyond mainstream

2018 9 Dez

Spot on Bernocchi

von: Uli Koch Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  10 Kommentare

Über die vergangenen Jahre fiel mir Eraldo Bernocchi immer wieder als Sideman in den verschiedensten Projekten auf und nun hat er sein erstes Album nur unter seinem Namen produziert, was es dann auch gleich in meine Jahresbestenliste geschafft hat. Like a Fire That Consumes All Before It ist der Soundtrack zu Cy Dear, einer Dokumentation über den amerikanischen Künstler Cy Twombly, der unübersehbar auch einen wichtigen Einfluß auf die ECM-Covergestaltung der frühen Jahre gehabt haben muss. Geschaffen hat er eine ruhige, weite und eigene Ambientmusik, die einem Fundament von langsamen infite delays feine rhythmische Strukturen, ein subtiles Schweben und verhallte Pianotropfen zur Seite stellt, ohne dabei je in Gefahr zu laufen in die Nähe von New Age-Akustikaffronts zu laufen. Ein sehr intimes, leises Werk, das sehr viel Raum hat und den Hörer sanft hineinzieht und zum Abdriften verleitet.

 
 


 
 

Wer noch tiefer in die Stille heingehen möchte, dem sei Solitary Universe empfohlen, dass Bernocchi im Februar zusammen mit Chihei Hatakayema, einem der produktivsten und konsequentesten japanischen Ambientmusiker, veröffentlicht hat. Hier tanzen die beiden Gitarristen in unendlicher Langsamkeit um das uns auf ewig verborgene Zentrum der absoluten Stille des Universums, schweben in einer Unendlichkeit in dem dimensionslosen Netz, das der indischen Mythologie nach der Gott Indra knüpfte, um die Welt zu umschließen. In jedem der Knotenpunkte befindet sich ein funkelnder Juwel, dessen Licht bei jeder Bewegung Indra’s oszillierend mit allen anderen Knotenpunkten in Verbindung steht und so den Urgrund unserer gigantischen Illusion des Seins darstellt. Vielleicht bleiben in der Schönheit und Ruhe dieser Musik einmal die Gedanken für einen Augenblick stehen und ein Funkeln weist uns zu einem Blinzeln des ewigen Augenblicks. Wer sich das nur eingeschränkt vorstellen kann, dem hilft hier ein kleines Kunstbüchlein, dem die CD beiliegt, das ohne große Worte, aber mit eigenwillig korrespondierenden, dezenten Fotos von Petulia Mattioli und Yasushi Miura Momente in den Fäden Indra’s Netz einfängt.

Unter den vielen Kollaborationen muss aber noch eine erwähnt werden, von der es mich wundert, dass sie bislang ihren Weg noch nicht in diesen Blog gefonden hat: Winter Garden, von Bernocchi zusammen mit Harold Budd (mit dem er schon früher zusammenarbeitete) und Robin Guthrie 2015 veröffentlicht. Ein Ambient-Monument, dass den gemeinsamen Alben Budd’s mit Brian Eno um nichts nachsteht, ein echter Lifer in seiner hypnotischen Tiefe und eigenwilligen Schönheit. Es beginnt mit dem durchaus praktischen Hinweis Don’t go where i can’t find you, wandert über die Trance von Entangled und dem programmatischen Harmony and the play of light auf fast melancholischen Wegen zum Südpol des Himmels und entlässt den Hörer mit der dann eigentlich nicht mehr notwendigen Empfehlung Dream on in das dringende Bedürfnis danach gleich alles wieder von vorne zu hören. Nie hätte ichgedacht, dass ich mich als frostscheuer Mensch in einem Winter Garden so heimelig fühlen könnte …

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 9. Dezember 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

10 Kommentare

  1. ijb:

    Mir begegnet Bernocchi auch immer mal wieder, seit ich ihm vor zwanzig Jahren zum ersten Mal auf diesem ganz grandiosen Album mit Toshinori Kondo und Bill Laswell begegnete; nach wie vor ein Albumtipp, den ich gerne gebe.
    Die Twombly-CD habe ich tatsächlich auch bekommen, nur hat sie mich leider (bislang) nicht so recht überzeugt. Da muss ich ihr wohl noch mehr Chancen geben…

    Und ja, Twomblys Einfluss auf ECM-Cover haben Eicher und/oder Barbara Wojirsch auch mal in einer Dokumentation erwähnt, allerdings nicht so sehr die frühen Cover, sondern eher die in späteren von B. Wojirsch wie Les Violences de Rameau (1995) von Louis Sclavis.
    oder Mitte der Achtziger Garbareks Gray Voice und Methenys Rejoicing.
    Ach ja, und Dave Hollands Extensions (1989)!

    Twombly sieht man immer wieder gern. Ich bin gespannt auf den Film. Vielleicht bringt er mir die Musik auch noch mal näher.

  2. ijb:

    Übrigens verschwinden immer wieder mal Kommentare, die ich getippt habe. Sie erscheinen dann einfach nicht, und wenn ich sie noch einmal eintrage, erscheint eine Dopplungs-Warnmeldung, dass ich doch eben das gleiche schon mal eingetragen hätte. So sind mir manchmal schon Kommentare abhanden gekommen, die ich dann einfach keine Lust hatte, ein zweites Mal einzutippen, wenn ich sie nicht auf meinem Rechner zwischengespeichert hatte.

  3. ijb:

    Und noch übrigenser, falls sich zufällig irgendwer wundern sollte, eine kleine Bemerkung: Meine Best-of-Liste kommt erst zum Jahresende. Überhaupt bin ich kein Freund von diesen super-frühen Jahresrückblicken. Ein Jahresrückblick macht für mich im November oder gar Ende Oktober einfach keinen rechten Sinn, und ich finde es auch befremdlich, dass sich die Magazine jedes Jahr damit zu überbieten versuchen, wer noch früher den Jahresrückblick macht …

    Bei der ZEIT endete das Jahr auch schon mit dem 30. November, dann erschien der Große Jahresrückblick als Sonderausgabe. Der SPIEGEL war nur wenige Tage später dran… Seit wann gehört denn der komplette Dezember nicht mehr zum Jahr? Wenn jetzt die Bundeskanzlerin zurücktritt oder der US-Präsident exmatrikuliert wird, müssen die das alle in den 2019-Jahresrückblick nehmen …

    Gut, ich verstehe, dass manche Magazine so „Best of“-Listen nutzen, um Weihnachtsverkäufe anzukurbeln, aber das ist mir fremd. Daher: Mein Jahresrückblick stellt die Musik zusammen, die für mich das Jahr ausgemacht hat und die Alben, die für mich über das Jahr hinweg markant und viel und gerne gehört wurden, und dazu zählen auch November und Dezember, und da weiß ich ja nicht im Voraus, was für diese Monate wichtig ist. Manchem will ich auch einfach noch die Zeit geben, um zu schauen, ob es „bleibend“ (zumindest in diesem Jahr) ist oder nicht.

    U.a. habe ich jetzt, nach den zahlreichen Hinweisen, erst Sonar + David Torn bestellt (hatte immer auf ein günstiges Angebot gehofft, aber nach euren Hinweisen habe ich die CD jetzt vor wenigen Tagen bestellt). Manche anderen sind ja erst gerade erschienen, wie z.B. Tweedys Album, das ich noch nicht habe. Gerade erst habe ich ein paar jüngere Veröffentlichungen besorgt, die noch ausstanden …

  4. Jochen:

    Sorry, Ingo, vermutlich liegt das an den wordpress-Einstellungen: Kommentare mit mehr als 2 Links werden blockiert, auch als eine Schutz-Massnahme vor Spam Mails, die zuhauf auf unseren Blog strömen. Ich werde das überprüfen und ggf die Einstellungen ändern. Einen automatischen Spam Filter haben wir aber extra, ohne ginge das gar nicht.

  5. ijb:

    Ah, okay. Das waren aber auch schon Kommentare ohne Links.

  6. Jochen:

    Schick mir doch gerne mal so einen Kommentar, wenns wieder mal nicht klappt.

    Habe momentan keine Erklärung dafür.

  7. Michael Engelbrecht:

    Also, Ingo, ich finde es schön, wenn sich die Jahresrückblicke so angenehm verteilen, das sie sich nicht um ein Datum häufen. Da ich kein Vollständigkeitsanhänger bin, und alles doch sehr persönlich ist, und ich auch Tausende von Novitäten eines Jahre gar nicht kenne, kann ich gut mit meiner frühen Liste leben, und hoffe sehr, sie im nächsten Jahr deutlich vor dem ersten Türchen im Adventkalender zu platzieren.

  8. ijb:

    Sicher, auch ich ziele keineswegs auf Vollständigkeit (könnte ohnehin mein Geldbeutel nicht erlauben) und kenne (leider) vieles nicht, was ihr so alles in euren Listen habt.

    Dennoch bleibe ich bei meiner Meinung, dass ich meine Liste als Jahresrückblick betrachte und sie somit auf das Jahr (Januar bis Dezember statt bis Oktober oder November) zurückblickt.

    Bei SPIEGEL, ZEIT und vielen Online-Magazinen verstehe ich dennoch nicht, warum das Jahr dort so früh endet. Als würde man schlicht davon ausgehen, dass im Dezember eh einfach nichts Relevantes mehr passiert – wogegen die Erfahrung der Vergangenheit doch das Gegenteil beweist.

  9. Michael Litzko:

    Ich finde Eraldo Bernocchi ist auch sonst einer der spannendsten und interessantesten Musiker Europas. Es ist aber bei weitem nicht das 1. Album unter seinem Namen.

    Hier noch ein paar dringende Tipps zum reinhören. Eraldo Bernocchi + Prakash Sontakke – Invisible Strings, Eraldo Bernocchi, Harold Budd, Robin Guthrie – Winter Garden, seine Metalprojekte Obake, Owls oder Metallic Taste Of Blood, oder Rosebud mit Jo Quail und FM Einheit, 2 Alben von Charged mit Toshinori Kondo und Bill Laswell, oder Life, Space, Death mit dem Dalai Lama, Meditronica, mit Mick Harris und vielen Anderen.

    Einer der wenigen Musiker, in dessen Arbeit man immer wieder Neues entdecken kann und dem seine Vielseitigkeit einen immer wieder in Erstaunen versetzt.

  10. Uli Koch:

    Ja, er ist zumindest einer der Musiker, die eine gewisse Tiefe in ihrer Musik und den Kollaborationen halten und mit einer wunderbaren Leichtigkeit verdichten können.

    Die Alben mit Toshinori Kondo und Bill Laswell sind großartig, das mit Prakash Sontakke auch (es wäre fast in meiner Besprechung aufgenommen worden), aber auch die Kollaboration Music for Fragments from the Inside mit Harold Budd ist ein spannender Neuraum … und Winter Garden bleibt ein absolutes Highlight.


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