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2018 24 Okt

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (173)

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | 3 Kommentare

Der brasilianische Gitarrist und Pianist Egberto Gismonti ist während des vierten Esslinger Jazzfestivals am letzten Mittwoch in der Stadtkirche Esslingens aufgetreten. Der 71jährige spielte zunächst 45 Minuten auf verschiedenen Gitarren, anschließend musizierte er, und das war ebenso begeisternd, ihm dabei zuzuhören, nochmals eine dreiviertel Stunde auf dem Flügel.

 
 
 

 
 
 

Das allein war ein abendfüllendes Konzert für sich und hätte den Besuch der Stadtkirche mehr als gelohnt, aber dann, nach einer kleinen Umbaupause, war das sich um den französischen Pianisten François Couturier gebildete Tarkovsky Quartet zu hören, mit der Cellistin Anja Lechner, dem Saxophonisten Jean-Marc Larché und dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier. Auch dieses Konzert war ein Hochgenuss.

In bester Stimmung erwartete ich nun den Freitag, der Tag an dem Carla Bley mit dem Bassisten Steve Swallow und dem Saxophonisten Andy Sheppard in Stuttgart auftreten sollten. Als es endlich soweit war, trat etwas ein, womit niemand gerechnet hatte: Carla Bley konnte einer schweren Bronchitis wegen nicht auftreten. Steve Swallow sagte später, dass Carla, 82jährig, noch nie ein Konzert habe absagen müssen, aber nun hätte sie sich, von einem Jazzfestival in Korea kommend, während eines Open-Air-Konzertes bei eisigen Temperaturen wohl eine Bronchitis geholt und hüte nun untröstlich in einem Stuttgarter Hotel das Bett. Steve Swallow und Andy Sheppard waren nun aber mutig genug, das Konzert im Duo zu gestalten. Der Flügel war bereits von der Bühne weggeschoben worden und da standen sie nun beide, allein, mit ihrem Bass und ihrem Saxophon und spielten die Musik von Carla Bley. Nur ein Stück entstammte der Feder von Thelonius Monk, „Misterioso“, die Musik des restlichen Abend waren Kompositionen von Carla Bley. Es begann gleich mit einem meiner Lieblingsstücke der Pianistin, „Utviklingssang“, Steve spielte diese zauberhafte Melodie solo, später dann im Duo mit Andy Sheppard. Bei diesem wie bei den anderen Bley-Kompositionen gelang des den beiden in dieser für alle unerwarteten Welturaufführung des Duos so wunderbar zu spielen, als wollten sie die kranke Carla Bley herbeizaubern. Sie war ja auch fast so präsent, als wäre sie persönlich anwesend.

Nach diesen einmaligen Abenden müssen mindestens die folgenden Platten unbedingt dem Plattenschrank entnommen und in den nächsten Tagen angehört werden:

 
 
 

 
 
 

Egberto Gismonti: Dança Das Cabeças

Anja Lechner, François Couturier: Moderato cantabile

Tarkovsky Quartet: Nuit blanche

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Andando el Tiempo

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Trios

 
 

Auf jeden Fall darf auch die Platte The Lost Chords Find Paolo Fresu von Carla Bley nicht fehlen, schon allein deshalb nicht, weil Steve Swallow während besagten Abends von diesem Projekt erzählte und die beiden dann auch aus den Kompositionen dieser LP „One Banana“, „Two Banana“, „Three Banana“, „Four“, „Five Banana“ und „One Banana More“ spielten.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 24. Oktober 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Also, Herr der Jukeboxen, da wäre ich zu gern dabei gewesen.

    Ich hoffe, Gismonti hat inzwischen ein neues Soloalbum aufgenommen, und was das Unerwartete Duo betrifft, und deine Schilderung: es wundert mich nicht, das Gelingen!

    Ich weiss noch genau, wie ich once upon a time in meinen Dortmunder Schallplattenladen ging, und zwei Werke in bläulichem Pappschuber kaufte (Verpackungskünstler waren sie schon von früh an bei ECM): Hotel Hello und Matchbook waren darin enthalten, zwei Duoproduktionen, einmal Swallow und Burton, einmal Burton und Towner. Tolle Platten.

    Insofern bist du Zeuge einer alten „Tradition“ des Labels geworden, wenngleich unter etwas besorgt stimmenden Umständen.

  2. Hans-Dieter Klinger:

    Egberto Gismonti und Carla Bley hätte ich gerne gehört. Diese beiden Konzerte hatte ich mir ausgesucht vom Flyer des Jazzfestival Esslingen 2018. Ohime, wenn es nur nicht so weit weg gewesen wäre …

    Carlas Trio mit Steve und Andy habe ich 2010 im Birdland (Neuburg/Donau) gehört – wunderbare Musik, am besten aufgehoben in einem kleinen, intimen Jazz Club. Während der langen Fahrt von Kronach nach Neuburg hörte ich The Lost Chords Find Paolo Fresu, frisch erworben. Es ist eines der besten Alben von Carla. Oh diese Banana Songs! Schon die Titel sind so lustig rätselhaft. Mich interessiert gehörig, was Steve Swallow in Esslingen über dieses Album, über dieses Projekt erzählt hat. In den Banana Songs ist das Bass-Ostinato aus „I Want You“ (Abbey Road) verarbeitet. Vor einigen Jahren habe ich hier von meinen Eindrücken geschrieben.

    Dança Das Cabeças ist Gismontis erstes ECM Album. Ich war sofort hingerissen und hatte mir in den Kopf gesetzt, ihn nach Kronach zu bringen.

    1982 hat es dann geklappt mit Egberto Gismonti & Academia De Danças in KC.

  3. Michael Engelbrecht:

    1982 – hättest du mich da eingeladen… wir waren doch schon zuvor gemeinsam beim Jarrett Quartett und bei Weather Report, in Nürnberg und Erlangen😉…

    Ich war 1982 in Furth i.W., arbeitete in einer Klinik und gewann die Silbermedaille im Rundunger Wanderpokal😂

    Ich wäre gekommen …

    Ich sag nur eins, am 2. November bin ich in Köln, bei Tunng!


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