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2018 13 Jul

Die Zeit der grossen Ehrungen und kleinen Irrtümer

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | 11 Kommentare

 

Als Lajla neulich rundschrieb, es gäbe ein Porträt von Brian Eno, zur besten Sendezeit im DLF, lauschte ich also der, aus ca. zwanzig Begegnungen, altvertrauten Stimme, und dachte, dass, wenn Dinge sich im Kreis drehen, nicht immer Spannendes herauskommt. Brian ist sicher einer der intelligentesten Menschen, die ich je getroffen habe, aber (und da spinne ich Gedanken weiter, die in der Stunde gar nicht vorkamen), seine Vorträge kreisen seit 1988, und dem öffentlich geführten Essay über Parfüm, Haarfrisuren und andere Marginalien, die „cultural issues“ ins Visier nehmen, bevorzugt um dasgleiche (natürlich voller Variationen und ‚sidesteps’): wozu Kultur da ist, obwohl sie ja etwas sei, dass ein Luxusfeld jenseits des Notwendigen sei, wie wichtig das freie Spiel sei (und eigentlich landet man da bei jenen alten Hüten, die schon der Dichter Schiller in seinen Aufsätzen ins weite Feld der kulturellen Reflexion führte). Dann doch lieber jene Kreisläufe und Wandlungen, die Brians „Music for Installations“ zu einer wahren Schatztruhe machen. Dass solch systemische, funktionale Musik ihren eigenen Algorhythmen entkommt, und tiefe emotionale Schichten in Schwingung setzen kann, ist das feine Rätsel.

 

Einmal sagte der Autor, und da greife ich gerne korrigierend ein, Brian Enos frühe Werke seien gefloppt, sie hätten sich zu stark an tradierten Rockformaten orientiert – das ist natürlich Unsinn. Kommerziell waren „Here Come The Warm Jets“ und „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“ sicher zu ihrer Zeit (der Fluch der Avantgarde) keine Reisser, aber sie gingen radikal und subversiv und extrem vielseitig mit der Formensprache der Rockmusik um – Klassiker, die von Generation zu Generation neue Hörer finden.

 

A propos „Zukunftssicherung“: manche Künstler, erzählte Brian Eno Marcel Anders, seien wegen des Geldes unterwegs, andere wegen den Ruhmes, und letzteres sei sein Motiv: er wolle in die Geschichtsbücher. Tja, als überzeugter Atheist wird Eno nicht die Fantasie haben, seiner Wirkungsgeschichte aus dem Jenseits entspannt zuzuschauen. So wohltuend Anerkennung zu Lebzeiten ist, scheint mir diese Sehnsucht nach anhaltender Berühmtheit seltsam kurz gegriffen, und auch flüchtig, trotz all der schon existierenden und noch folgenden Publikationen, Ehrungen, Jubiläen (hunderster Todestag etc.).

 

 

 

 

Hat er da weit genug gedacht, tief genug empfunden: geht es nicht letztlich in der Kunst darum, Verbundenheiten aufzuspüren mit dem „Ganz Anderen“, „Unbekannten“, vielleicht gar vergessenen Ursprüngen, statt einen Olymp zu besteigen, und den Applaus einer amorphen Menge zu empfangen; geht es nicht vor allem darum,  Menschen zu beglücken, zu bereichern, zu trösten,  ihnen neue Horizonte zu erschliessen, sie aus lang bewohnten Dachkammern zu locken?! Man könnte diese Liste der Wirkungsweisen von Kunst noch poetisch und sachdienlich verlängern – Ruhm und Anerkennung sind doch arg verkürzte Triebfedern. Und „Unsterblichkeit“, na ja. (Lassen Sie dazu kurz das Foto auf sich wirken – es stammt aus einer Installation des Meisters, den ich nur im Spass Meister nenne.) Die Verbundenheit von Allen mit Allen (eine Art  „archetypisches“ Kraftfeld) ist schon ein anderes Kaliber, und nicht  allein mystisches Gedankengut. Jeder ist „bedeutend“, jeder „Anonymus“. Lassen wir mal offen, ob das hinduistische Weisheit, Hobbymystik oder Post-Existenzialismus ist. So wie Brian das Ego in seiner Ambient Music zur Auflösung treibt, und zwar ziemlich radikal, so ist das Ego ohnehin eine Konstruktion des Geistes, und stete Quelle zahlloser kleiner Irrtümer. Sternenstaub trägt keine Signaturen.

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 13. Juli 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

11 Kommentare

  1. Lajla:

    Ich glaube, dass es schwer ist, eine Sendung über Brian Eno zu machen, weil er so vielfältig ist. Eigentlich hat Eno klar gesagt, was er mit seiner Klanginstallation bezweckt: Kontemplation. Hätte sich der Moderator nur auf diese Ausstellung konzentriert, wäre das Eno Portrait besser gelungen.

  2. Martina Weber:

    Ich habe die Sendung über Brian Eno nicht gehört, weil ich Lajlas Mail leider zu spät gelesen habe.

    Über Motive, Kunst zu machen, gibt es viele Ansichten und Theorien. Ich meine, es war in der wunderbaren Graphic novel „Asterios Polyp“ von David Mazzuchelli, über die ich hier auf dem Blog auch einen Beitrag geschrieben habe, in der die Hauptfigur (ein Architekt) sagte, man mache Kunst entweder für sich oder für andere. Das klang für mich überzeugend.

    Warum schreibe ich Gedichte, und höre einfach nicht auf, auch wenn es so schwierig ist, dass ich ständig denke, ich kriege keins mehr hin? Weil ich mich verändere dabei und genau das will und immer neue Perspektiven entdecke.

    Es ist ein Identitätserschaffungsprozess. Wenn er bei mir gelingt, löst er bei anderen auch etwas aus, aber das ist sekundär.

  3. Jan Reetze:

    Die Sendung steht noch einen Tag lang in der DLF-Audiothek

  4. Jan Reetze:

    Die “Flops” übrigens sind ganz sicher im kommerziellen Sinne gemeint. Keine dieser frühen Scheiben hat mehr als 10.000 Exemplare verkauft.

    Ich glaube nicht, dass Eno das sehr aufgeregt hat. Er hat mal gesagt, das große Publikum strebe er nicht an, nur wenn sich *niemand* für seine Arbeit interessiere, dann habe er etwas falsch gemacht. Insofern hat er sein Ziel ja erreicht.

  5. Michael Engelbrecht:

    Klar hat er das. Mittlerweile ist die Verkaufszahl seiner frühen Alben beträchtlich gestiegen, ohne je Bestsellerstatus zu erreicht zu haben. Wie gute alte Jazzplatten finden sie nach wie vor neue junge Hörer. Das Floppen wurde allerdings mit den tradierten Formaten begründet, und das ist schlicht falsch.

    Und nett die Parade der O-Töne der Wegbegleiter und Profiteure von Enos „Sternenstaub“. Nur leider: wie wenig Magie höre ich, wieviel Langeweile packt mich, wenn ich U2 oder Coldplay höre. Und das ist natürlich nur eine Minderheitenmeinung.

    Müsste ich wirklich mal auf die berühmte „desert island“, und dürfte nur 50 Platten mitnehmen, nichts sonst, die vier „Songalben“ von Brian aus den 70ern wären dabei. Er ist und bleibt, seit ich ihn 1975 zum ersten Mal hörte, „my favourite singer“.

    —-

    Am letzten Absatz habe ich noch nachgefeilt.

    Das bestverkaufte seiner frühen Werke war nach meiner Erinnerung MUSIC FOR AIRPORTS, das bald nach Erscheinen 150.000 mal über den Ladentisch ging. Ohne Gewähr.

    ….

    Jedes seiner Songalben aus den 70ern hätte die Blaupause für eine ganze Karriere und Serie von Alben liefern können. Aber er hat all diese einzigartigen Werke jeweils NUR einmal gemacht. This is what I call genius.

  6. Michael Engelbrecht:

    Zu den vier Songalben, oder Alben mit Songs, aus den 70ern:

    https://pitchfork.com/reviews/albums/brian-eno-here-come-the-warm-jets-taking-tiger-mountain-by-strategy-before-and-after-science/

    https://pitchfork.com/reviews/albums/22061-another-green-world/

    „Eno’s solo debut, Here Come the Warm Jets, is a spirited, experimental collection of unabashed pop songs on which Eno mostly reprises his Roxy Music role as „sound manipulator,“ taking the lead vocals but leaving much of the instrumental work to various studio cohorts (including ex-Roxy mates Phil Manzanera and Andy Mackay, plus Robert Fripp and others). Eno’s compositions are quirky, whimsical, and catchy, his lyrics bizarre and often free-associative, with a decidedly dark bent in their humor („Baby’s on Fire,“ „Dead Finks Don’t Talk“). Yet the album wouldn’t sound nearly as manic as it does without Eno’s wildly unpredictable sound processing; he coaxes otherworldly noises and textures from the treated guitars and keyboards, layering them in complex arrangements or bouncing them off one another in a weird cacophony. Avant-garde yet very accessible, Here Come the Warm Jets still sounds exciting, forward-looking, and densely detailed, revealing more intricacies with every play.“ (Alfred Huey, allmusic, 2016)

  7. Jan Reetze:

    “Keine 10.000 innerhalb der ersten zwei Jahre nach der VÖ”, hätte ich sagen sollen. Viele Deutschrocker wären damals happy gewesen, wenn sie wenigstens die Hälfte dessen erreicht hätten, aber gemessen an den ersten beiden Roxy-Music-Alben sind 10.000 natürlich recht mager.

    Dass die Alben inzwischen einen ganz anderen Status erreicht haben, ist klar (und gut so). Can verkaufen heute auch mehr als zu ihrer aktiven Zeit — das ist wohl der Legendenbonus.

    Klar, mit U2 oder Coldplay kann auch ich nicht viel anfangen. Aber Enos Produzentenjob für deren Alben ist natürlich die Grundlage dafür, dass er seine eigenen Projekte ohne Rücksicht auf Verkaufszahlen verwirklichen konnte.

  8. Michael Engelbrecht:

    Legendenbonus – und Gütesiegel.

  9. Martina Weber:

    Danke, Jan, für den Link.
    Für diejenigen, die sich später dazugeschaltet haben, hier der Link zum Text der Radiosendung über Brian Eno (Deutschlandfunk, Rock et cetera, 08.07.2018:
    https://www.deutschlandfunk.de/allroundkuenstler-brian-eno-der-missverstandene.2588.de.html?dram:article_id=422132
    Mal schaun, ob es technisch jetzt klappt, diesen comment zu posten.

  10. Martina Weber:

    Und hier der Link zur Playlist (herunterscrollen zum 08.07.2018):
    https://www.deutschlandfunk.de/playlist-rock-et-cetera.847.de.html

  11. Lajla:

    Klappt, danke Martina!


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