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2017 31 Dez

Innen Leben

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | 3 Kommentare

Ich hatte den Film nicht ausgewählt und wusste nur dessen Titel (nämlich „Innen Leben“), dass es um Bewohner eines Hauses geht und dass der Film vor einiger Zeit von der Kulturzeit empfohlen wurde, ich wusste nicht einmal, an welchem Ort der Film spielte. Das war mir eigentlich zu wenig, aber nun war die DVD da und ich dachte, zehn Minuten bin ich auf jeden Fall dabei. Da war das sorgenvolle Gesicht eines alten Mannes mit Bart, der eine Zigarette rauchte und in einen ungepflasterten Innenhof blickte. Ein paar Autos, Geröll. Frauen stehen am Fenster hinter Gardinen. Zwei Mädchen wollen ins Bad. Auf der Ablage über dem Waschbecken sind an die zehn Zahnbürsten in zwei Zahnbechern verteilt, das Wasser befindet sich in einer großen blauen Plastiktonne. Eine zusammengewürfelte Gruppe, teilweise miteinander verwandt, befreundet, liiert, vielleicht verliebt, und ein Baby. Eine großzügige und durchaus bürgerlich eingerichtete Wohnung, die sich als die einzige noch bewohnte Wohnung im Haus herausstellte, weil die anderen Hausbewohner längst geflüchtet sind. Es dauert einige Minuten, bis gesprochen wird, weil etwas passiert ist, was nicht weitergesagt werden soll. Es ist die ältere Lady, die hier das Sagen hat. Sie hat schon so viel verloren, und auf keinen Fall wird sie diese Wohnung verlassen. Das junge Paar mit Baby plant hingegen, die Stadt noch in der folgenden Nacht zu verlassen. Die Wohnungstür ist mehrfach verriegelt, jedes Klopfen eine Bedrohung. Der Blick durch den Spion: Drei Männer im Treppenhaus. Das ist alles, was wir von außen sehen: das Treppenhaus und den Blick auf den Innenhof. Manchmal funktioniert das Radio. Wir befinden uns im syrischen Bürgerkrieg, aber es könnte auch ein anderer Krieg sein. Während dort die Bomben fallen und niemand weiß, wie lange die Wohnung noch ein Schutzort ist, knallen hier seit Stunden schon die Böller, weil niemand mehr Geduld hat, bis Mitternacht zu warten. Leuchtraketen zischen in den Himmel. „Innen Leben“, ein Film von Philippe Van Leeuw, zeigt das Leben in einer Wohnung in einem Kriegsgebiet im Zeitraum eines Tages. Ein spannendes Kammerspiel, von der ersten bis zur letzten Minute.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 31. Dezember 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. ijb:

    Das ist doch der Film „Insyriated“, oder? Der lief 2017 bei der Berlinale und erhielt dort u.a. den Publikumspreis. Fand ich auch sehr spannend. Habe ich in meinem Film-Rückblick vergessen. Der Titel „Innen Leben“ klingt etwas irreführend. Als wäre es ein Film von Woody Allen oder ein deutscher Film.

  2. Anonymous:

    „InnenLeben“ ist ein recht guter Titel: Geht es einerseits um das Leben in einem abgeschlossenen Raum (Wohnung) und andererseits um jeden einzelnen Bewohner. Jeder hat seine Geheimnisse, die er mehr oder weniger gut verstecken kann.

    Das macht auch einen Teil der Spannung aus: Was passiert, wenn die anderen von den Geheimnissen erfahren? Welche Konflikte entstehen dann?

    Ein Kunststück, hier seine Intimität auf engem Raum zu bewahren. Und so sind die Bemühungen der Wohnungsinhaberin um peinliche Sauberkeit und Ordnung zu verstehen. Der Versuch Normalität und Würde zu bewahren, so weit es irgendwie geht. Ein fast sinnloses Tun, wenn man bedenkt, wie knapp das Wasser ist und dennoch der Fußboden gewischt wird.

    Ein wirklich berührender Film.

    a.h.

  3. Martina Weber:

    Ja, Ingo, das muss dieser Film sein. Er hat einen Preis erhalten. Den deutschen Titel halte ich für nicht gelungen.


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