Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 25 Aug

Self-Tracking in Berlin

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 7 Kommentare

„You see dear diary,

Fate will have an easy time with me, for

I prescribe everything for him.“
 
(Karen Horney 1885-1952)

 
 
21.8.
 
Heute waren wir zum High-Tea im Adlon. Der Elefantenbrunnen ist so prächtig. Man hört das Plätschern des Brunnenwassers, das sich mit den Piano Klängen aus der oberen Etage vermischt. Marie spielte die ganze Zeit mit ihrem Smartphone. Als ich sie fragte, ob sie Lust hätte zu der neuen angesagten Location von radioeins zu fahren, antwortete sie, dass sie heute schon 11.724 Schritte gelaufen sei. Ich schlug vor, mit der U-Bahn nach Charlottenburg zu fahren. Nach kurzem Blick auf ihr Teil meinte sie, wir brauchen 27 Minuten inklusive Umsteigezeit von 6 Minuten. Als sie von mir erfuhr, dass die neue Lounge im 14. Stock sei, sagte sie, no problem, sie dürfe nur nicht auf 180 kommen, um ihre Herzfrequenz stünde es nicht so gut. Ich freute mich auf den Besuch von etwas Unbekanntem. Ich dachte, ob Marie sich überhaupt noch ein Leben ohne Zahlen vorstellen könnte.
 
 
radioeins
 
Seit Juli 2017 gibt es eine Bar im RRB-Gebäude. Wie gesagt im 14. Stock: draussen und umsonst. Man kann bei Wein und Snacks den Hörfunk live miterleben oder einfach draussen stehen und sich dem Himmel über Berlin näher fühlen.
 
 
22.8.
 
Heute war ich in der Banksy Ausstellung. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich einige seiner Antithemen ansehen konnte. Marie war nicht mitgekommen, weil die App Affectiva ihr zu negative Emotionen zeigte. Sie führte das auf den gestrigen Besuch in der Lounge von radioeins zurück. Alle ihre Selfies zeigten ein frustriertes Gesicht. Zudem wären die 500g Reis plus Hähnchenspiess für ihre Vitalwerte verheerend gewesen. Ihre FitBit hätte rot angezeigt. Seltsam, dass sich Marie körperlich so vermessen lässt.
 
 
The Art of Banksy
 
Das ist eine Ausstellung, die in der Behrenstr. 72, hinter dem Adlon gezeigt wird. Die Eintrittspreise sind hoch, Banksy soll nicht damit einverstanden gewesen sein. Wer ist Banksy? Er spricht nie im Radio, man sieht ihn auch nicht im TV. Wir wissen, dass er ein Streetart-Künstler ist und die bleiben bekanntlich im Dunkeln. „I don’t know why people are so keen to put the details of their life in public. They forget that invisibility is a superpower“. Banksy kann schocken, aber den Kontext kann man immer verstehen. „The Bomb Hugger“ drückt unsere Angst vor dem Atomkrieg aus. „Guantanamo Bay“ ist so heftig, dass ich mehrmals zu dem Bild lief. Wir wissen, dass Guantanamo in einer Sehnsuchtslandschaft liegt. Mir haben alle Werke kritisch, anarchistisch und gewagt den Blick auf die Welt werfen lassen.
 
 
23.8.
 
Heute besuchte ich das Pop-Kultur Festival in der Kulturbrauerei (Eberswalderstrasse). Marie blieb im Hotel. Sie war verärgert, weil ihre App Sleep Cycle Alarm Clock sie nicht geweckt hatte. Zudem seien ihre Schlafphasen falsch berechnet worden. Sie wollte den Abend nutzen, eine neue Schlaf-App zu finden und zu installieren. Ich hatte sie mit meiner Vorfreude auf eine von mir seit langem geschätzte Musikerin nicht anstecken können. Mein Gott dachte ich, sie verpasst das Leben.
 
 
Pop-Kultur Festival
 
Dieses Festival findet drei Tage statt. Ich wollte nur einen Abend dorthin, um Shirley Collins zu treffen. Auf Drängen von Patty Smith ist die 80 jährige angereist. Shirley erzählte, dass sie 30 Jahre nicht mehr singen konnte. In dieser Zeit hätte sie angefangen, Songs zu sammeln. Im 19. Jahrhundert nannte man England „the land with no music.“ Sie ging von Tür zu Tür und foderte die Landbevölkerung auf: „Sing!“ Ihre field-Arbeit nennt sie „Archäologie der Musik“. Es wurden Ausschnitte von dem neuen Film „The Ballad of Shirley Collins“ gezeigt. Danach sang sie lange Balladen. Touchy.
 
 
 


 
 
… wurde Shirley nicht erwähnt. So what, Mme Grütters.
 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 25. August 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

7 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Ein Lied für Marie:

    „Number Nine, number nine, number nine …“

    The Beatles, White Album.

  2. Gregor:

    Wunderbarer Text. Mit größtem Vergnügen gelesen.

  3. Lajla:

    Danke Gregor, das freut mich.

    Inspiriert wurde ich von meiner Lektüre: „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“ von Beate Rössler (Philosophin).

  4. Martina Weber:

    Ich betrachte Marie als Kunstfigur. In this case: Visibility as superpower.

  5. Lajla:

    Ja Martina, noch ist es ein Avatar. Bin gespannt wie sich mein Alter Ego entwickeln wird.

  6. Lajla Nizinski:

    Ergänzend für Gregor, mit Dank an Uwe für den Link, darf die wunderschöne Ausstellung von Peter Handke in der Galerie Frieze nicht unerwähnt bleiben. Er hat kleine gezeichnete Notizen aus seinen Cahiers geschnitten und einfach auf weiße Blätter geklebt. Er selbst findet das eigentlich unmöglich. Alles ist unverkäuflich. Typisch Peter Handke. Seine Miniaturen zeigen Blicke aus dem Flugzeugfenster oder einfach nur ein Vogelbad.

  7. Gregor:

    Von der Ausstellung habe ich gelesen. Hätte ich auch sehr gern gesehen. Vielleicht hast du auch schon gelesen, dass am 13. November ein neuer Handke erscheinen wird: Die Obstdiebin.


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