Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Was haben Sex, Musik, Meditation, im Gleichschritt marschieren, Depression und Demenz gemeinsam? Sie sind neurophysiologisch mit einer verlangsamten gleichsinnigeren Hirnaktivität verbunden, einem Modus, der für unser Gehirn offenkundig seit Jahrtausenden ein höchst wichtiger Attraktor ist. Aber deshalb empfinden noch längst nicht alle Freude daran: was des Einen Lust ist, ist des Anderen Horror vacui! Wobei es durchaus einen wichtigen Unterschied zu machen scheint, ob jemand diesen Zustand aktiv und erfahrungsoffen ansteuert (wollen kann man ihn scheinbar nicht) oder krankheitsbedingt einfach reinrutscht.

In angenehm lässiger Schreibweise begeben sich die Autoren auf eine Reise durch Philosophie, Neurowissenschaft (die eher beiläufig vermittelt wird und nicht unbedingt vorausgesetzt wird), Psychopathologie (Epilepsie, Depression und Demenzen) bis hin zu den Tätigkeiten, die in einem intendiert positiven Verhältnis zur Leere stehen: Neurofeedback und die Stille beim Meditieren, Reizdeprivation und das Floaten in Isolationstanks, der Flow beim musizieren und Musik hören und nicht zuletzt dem Ansteuern des Orgasmus, der von einigen Neurobiologen für die stärkste Triebfeder der Sehnsucht des Gehirns nach Leere gehalten wird. Der Beweis dafür steht aber leider noch aus …

Zumindest zeigen die Autoren auf, dass die bewertenden und handlungssteuernden Areale von der sensomotorischen Verarbeitung im Zustand der zunehmenden Leere im Kopf abgekoppelt werden und auch das für Gefahrenmeldung zuständige System heruntergefahren wird. Die Eigenwahrnehmung wird reduziert und bald entsteht im bewertungsarmen bis -freien Modus des Gehirns eine Entleerung des Ichs – es kann nicht länger verborgen bleiben, dass auch dieses nicht mehr als ein Konstrukt des Gehirns ist. Während der Zen-Mönch am Ziel seiner Aktivitäten angekommen zu seien scheint oder der Musiker einfach nur befreit und glücklich in Flow spielt, nimmt der Wegfall bedeutsamer Objekte und Beziehungen beim Depressiven oder Dementen schnell bedrohliche Dimensionen an. Denn wer die Leere fürchtet, leidet eher unter ihr.

Im Vermitteln von Wissen um diese Zustände und den Umgang damit wird dieses Buch ein kleiner Reiseführer durch eine vernachlässigte, aber außerordentlich wichtige Funktionsweise unseres Gehirns und vielleicht auch einiger Regionen jenseits davon. Denn, wie schon Albert Einstein sehr vorausschauend anmerkte, kann man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Vielleicht hilft hier eine echte Pause der Stille, der Reset durch die gelegentliche Erfahrung einer Leere im sonst so überfüllten Kopf?

This entry was posted on Sonntag, 25. Juni 2017 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

3 Comments

  1. Lajla:

    In Studentenzeiten war es mir ein Vergnügen und ein gutes Training, meinen „vollen Kopf“ mit Runterrattern von Fussballergebnissen leer zu kriegen. Heute stellt sich die Frage: Was macht der leere Kopf mit uns und will ich das überhaupt?

    Ich beschäftige mich mit dem jungen französischen Philosophen Garcia, der über das intensive Leben nachdenkt (ich werde es als Buch des Monats besprechen).

    Im Grunde sind solche Bücher Ratgeberliteratur, oder?

  2. Jochen:

    Mehr als der leere Kopf interessiert mich ja der „Stachel im Fleisch“: das, was auf solche Weise wurmt, dass eine gute Geschichte daraus entsteht.

  3. Michael Engelbrecht:

    Also, ich gestehe, ein angenehm leerer Kopf (als Nullpunkt diverser Erfahrungen) ist mir allemal lieber als ein „Stachel im Fleisch“.

    Der „Stachel im Fleisch“ erscheint mir zudem biblisch vorbelastet und wird stets gerne zur Rechtfertigung des Zölibats ins Feld geführt, und anderer katholischer Lebensarten des Irrsinns.


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