Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Café Frida (Bremen, Frida wie Kahlo) und Bagels & Beans, Aachen, sind die Schauplätze eines Kaffeehausgespräches der Manafonisten Ingo J. Biermann und Michael Engelbrecht. Mails wandern hin und her. Es geht um drei jüngst erschienene Aufnahmen, von A Winged Victory for the Sullen, The XX, und The Flaming Lips. Alben, welche allesamt die Fähigkeit besitzen, unter Oberflächen zu dringen. Man hat The XX schon in Modeboutiquen gehört, aber John Coltrane auch in Fahrstühlen – so what? Ein beherztes Plaudern, etwas Koffein, ein paar Abschweifungen – you’re welcome!

 
 

me: Ingo, kennst du eine Iris, persönlich? Ich nicht. Bei dem Namen stelle ich mir eine Frau vor, die Thomas Mann liest und sehr zartbesaitet ist. Lauter Klischees! A Winged Victory for the Sullen ist ein Duo mit Geschichte. Adam Bryanbaum Wiltzie ist eine Hälfte der Zeitlupenforscher von „Stars of the Lid“, Dustin O’Halloran ist der Pianist, der die wundervolle Titelmelodie für die Serie „Transparent“ komponierte. Nun also ein Soundtrackalbum, „Iris“. Ein 40-köpfiges Orchester aus Bukarest, lauter Streichinstrumente, ein Modularsynthesizer, und mehr. Ich kenne den französischen Thriller, der die Vorlage gab, nicht, aber wenn er so durchweg interessant wie die Musik der Beiden hier ist, bin ich gespannt.

 

ijb: Bei „Iris“ und „Film“ kam mir als erstes ein anderer, älterer Film namens „Iris“ in den Sinn. War der mit Judi Dench, oder verwechsle ich das jetzt? Auch der Freund, mit dem ich gerade in Bremen bin, zur Drehbucharbeit, dachte sofort an den Film. Der hatte, glaube ich, eine Musik von Philip Glass. Möglicherweise bringe ich hier aber auch was durcheinander. Iris lässt mich auch an das Auge denken… also Kino, Auge… mehr Visuelles als Musik… Den Film hier hab ich auch noch nicht gesehen, aber ich kenne und schätze den Regisseur, Jalil Lespert, bislang allerdings vor allem als Schauspieler. Etwa aus „Ressources Humaines“, dem tollen ersten Spielfilm von dem Regisseur, der später mit „Die Klasse“ („Entre les murs“) die Goldene Palme gewonnen hat, Laurent Cantet. Die beiden Winged-Victory-Leute kannte ich bisher nicht, erst Anfang Januar habe ich mir aber die „Salero“-CD von Wiltzie gekauft. Auch eine Filmmusik. Ein übrig gebliebener Tipp aus dem Jahr 2016…

 

me: Da ist mir wohl einiges entgangen. „Iris“ jedenfalls ist ein Soundtrack, bei dem ich keine Bilder vermisse. Und möglicherweise hat die Vorlage eines sicher alles andere als humorvollen Thrillers dazu beigetragen, das Duo aus der Zone des bloss „netten Experimentierens“ zu locken, wozu Pianisten gelegentlich neigen, die gerne melodisch und trickreich agieren, von O’Halloran bis Hauschka, oder dem mitterweile bei mir, nach den Vivaldi-Inventuren und „Sleep“-Banalitäten durchgefallenen Max Richter. „Iris“ aber schärft die Sinne.

 

ijb: Mir gefällt an dieser „Iris“-Musik vor allem der Einsatz der verschiedenen Synthesizer-Klänge. Hat mich sofort an die „Neon Demon“-Musik von Cliff Martinez erinnert. Vielleicht der gleiche Synthesizer. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Film ziemlich gut ist, weiß aber auch nichts drüber. Das Cover verspricht einiges, oder? Max Richter hat mich bis jetzt noch gar nicht überzeugt. Manche seiner Stücke sind ganz sympathisch, aber was ihn bei der Deutschen Grammophon so begehrt gemacht hat, kann ich nicht nachvollziehen. Da gibt’s so viele spannendere Komponisten aus dieser Ecke. Hast du gelesen, dass Laurie Anderson auf der neuen CD von The XX mitspielt? Bratsche, wenn ich recht erinnere.

 

2

 

me:  Ein „special guest“. „I See You“ ist das mittlerweile dritte Album des Londoner Trios. Ihr Debut hat über anderthalb Millionen Exemplare verkauft, und wurde in einer Garage aufgenommen. Der Grossstadtblues von Zwanzigjährigen interessiert mich nicht so sehr, aber dieses Trio hatte einen unerhörten Sound: schwarzer Bass, extrem zurückgenommener Gesang, aber auch ferne Echos der Young Marble Giants. „I See You“ ist opulenter, mehr Breitwand, mixt Neues dazu, ohne nun auf Stadion-Sound zu setzen. Berührt mich immer noch.

 

ijb: Beim ersten Album war ich anfangs auch noch distanziert, aus den gleichen Gründen, die du anführst, Befürchtung von spätpubertärer Poesiealbumsmusik, wurde dann aber schnell eines besseren belehrt. Mich hat immer sehr gewundert, dass viele Leute sagen, das zweite Album sei viel schlechter. Das ist doch genau das gleiche wie das erste, von Details abgesehen. Ich finde beide noch immer toll. Das dritte ist in meinen Augen näher am Clubsound, mehr Pop. Hat mich sofort begeistert. Würde sogar sagen: „Instant Classic“. Ja, muss man schauen, wie es sich entwickelt… ob ich das in einem halben Jahr immer noch denke … Aber „A Violent Noise“ und „On Hold“ sind echt großartige Popsongs.

 

me: Ich höre „I See You“ auch sehr gerne, ausgefeilt, aber nicht klinisch, und dann noch eine Bratsche von Laurie, ha! Ich mag es, wie die Band Zwischenzonen von Emotionen auslotet, die weit über „Boy Loves Girl & Loses Girl & umgekehrt“ hinausgehen. Eigentlich eine Schattenmusik, ich der ich die schwarzen Bässe sehr schätze, die Wechselgesänge sind auch alles andere als ein Abklatsch von Lee Hazelwood und Nancy Sinatra. Manche Momente gehen tief. Aber ganz teile ich deine Begeisterung (noch) nicht. Vielleicht ist mir die Fortschreibung ihres Sounds eine Spur zu clever. Mein Lieblingsalbum bleibt ihr zweites, „Coexist“. Aber auch auf „I See You“ vermeiden sie eine Falle sehr geschickt, den Bombast. Sie fetzen niemals ab.

 

ijb: Das stimmt. Guter Punkt. Trotzdem ist „I see you“ deutlich vielseitiger — oder vielleicht sollte ich eher sagen: heterogener als „Coexist“ und das Debüt. Das sage ich ohne Werturteil, meine es erst einmal rein objektiv. Freut mich zu hören, dass du „Coexist“ bisher am besten findest. Wie gesagt wundert mich, dass man total oft hört, es sei schwach. Was hören die Leute da wohl? Oder was hören sie nicht, um zu diesem Urteil zu kommen…? Ich habe irgendwo in einer Rezension gelesen, dass „Test me“, das letzte Stück der CD, mit Brian-Eno-mäßiger Suggestion begeistere. Was hältst du als Eno-Spezialist von dieser Beobachtung?

 

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me: Davon halte ich erstmal nichts, weil ich das Stück nicht im Ohr habe. Ich bin schon froh, dass ich während unseres Gesprächs die totlangweilige Klassische Musik im Hintergrund weghalluzinieren kann. Ingo, wir besprechen hier, glaube ich, drei verdammt gute Alben, lass uns nachher noch einmal auf „Iris“ zurückkommen. Das neue Album der Flaming Lips, „Oczy Mlody“, wirkt erstmal so, vom Cover bis zu allen den schwirrenden Sounds, als würde die Band aus Oklahoma City eine neue synthetische Droge testen, und alle Psychedelik auf die Spitze treiben. Was da so alles an Weltraum und mythischen Tieren durch die Lieder geistert! Aber dann: hier gibt es mehr als Weltflucht, mehr als nur e i n e n  doppelten Boden …

 
 
 

 
 
 

ijb: Also erstmal, ja, ich bin totaler Fan von den Flaming Lips, gerade auch mit den ganzen Sachen, die nicht so genial sind. Schon deshalb, weil sie wie vielleicht keine andere Band sich keine Schranken im Kopf setzen und, so scheint mir, komplett fern von jeder Erwartungshaltung operieren. Als würden sie jedesmal ein verrücktes Debütalbum aufnehmen. Da fällt mir akut keine andere Band ein, die das so konsequent macht. Diese neue CD gefällt mir erst einmal besser als „The Terror“, aber als so extrem psychedelisch habe ich sie bisher nicht empfunden. Bei mir entstand eher der Eindruck, dass das Album homogener und dichter ist als „The Terror“, ein einheitlicheres Gesamtbild als alle CDs seit „Yoshimi“, mindestens. So von der Gesamtstimmung erinnert es mich auch sehr an „Yoshimi“. Ruhigere, melodischere Lieder wie „The Castle“ und „Sunrise (Eyes Of The Young)“ auch an die verträumten von „Soft Bulletin“. Also gar nicht so „far out“ eigentlich.

 

me: Hmm … Diese Band ist so lange im Geschäft, und hat ihre Widerständigkeit von Anfang an gewahrt, das ist unglaublich! Sicher ist dieses Album zugänglicher als „The Terror“ oder „Embryonic“, diese wunderbaren, dunklen Zumutungen, aber auch hier müssen sich die Ohren öffnen wie Scheunentore. Ich mag es, wie die Musik sich scheinbar zerfranst, verliert, auflöst, wieder und wieder, um dann von einem Puls, einem Rhythmus, von der hereinschallenden Stimme eines Reggie Watts, von einem fast krautrockigen Groove, „gerettet“ zu werden, Form gewinnt, Struktur, Spannung. Das passiert mt der ganzen Trickkiste psychedelischer Musik“, und spiegelt, wie grosse Fantasy es eben schafft, existenzielle und auch dunkelste politische Realitäten. ich liebe es, wie der Gesang von Wayne Coyne auftaucht, verschwindet, so dass man mitunter nur Textfragmente erhascht. “One Night While Hunting for Faeries and Witches and Wizards to Kill” heisst ein Song. Wo-bin-ich-Musik.

 

ijb: Ja, volle Zustimmung. Besser hätte ich es nicht beschreiben können. Auch einige Songtitel sind wie immer genial. Meine Lieblingsstücke: „There Should Be Unicorns“, „One Night While Hunting…“ und „Listening To The Frogs With Demon Eyes“. Also nicht wegen der Titel — oder nicht nur. Frösche und Dämonen gab’s bei den Flaming Lips ja schon öfter. Erinnerst du dich an dieses lustige Froschlied auf einem Album Anfang der Neunziger? „I’m looking at the sky, waiting for the rain, waiting for the frogs to fall down on me“. Ich habe gerade nur das Albumcover vor meinem inneren Auge, aber der Titel fällt mir nicht ein. Mein Lieblingsalbum der Band ist wahrscheinlich „Embryonic“, da mag ich den psychedelischen Wahnsinn und diese Krautrock-Exkurse sehr. Hier, auf dem neuen Album, sind die Elemente vielleicht überall viel fokussierter und bewusster eingesetzt, eigentlich weniger ausgefranst.

 

me: Weisst du, was Flaming Lips-Platten und ihre Konzerte mir bedeuten, Ingo? Laut gehört, nachts gehört, in Köln und London gehört? Karthasis, pure Karthasis. Absolute Lebendigkeit! Wayne Coyne ist ein Meister darin, das Tragsiche, Surreale, Wundervolle unseres Lebens auf diesem Planeten zu inszenieren, ohne die gesammelten Betroffenheitskulte von U2 bis sonstwohin. Wenn ich auf ihren Konzerten bin, durchschauert es mich immer wieder, den Körper rauf und runter, ohne dass ich was eingeschmissen habe. Deshalb freue ich mich auch riesig auf ihren Auftritt in „Huxleys Neuer Welt“ in Berlin. Aber noch mal zurück zu dem Soundtrack „Iris“. Da höre ich neben Anklängen an John Carpenter auch, und, das wird dich vielleicht überraschen, eine Spur von Eleni Karaindrou…

 

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ijb: John Carpenter kann ich nachvollziehen, ja. Karaindrou: Hm, ja, überraschend. Aber dazu erzähle ich dir eine andere Assoziation: Ich wollte, dass mein Kind einen Namen bekommt, der bei mir keine Assoziationen zu nichts und niemandem weckt. Am Ende landeten wir bei Ida. Aus irgendeiner Laune heraus haben wir uns allerdings für einen zweiten Vornamen entschieden, obwohl wir beide keine Zweitnamen haben. Deshalb heißt sie nun mit zweitem Vornamen Eleni, wegen Eleni Karaindrou. Muss man also auch mit entsprechender kurzer Betonung auf der zweiten Silbe aussprechen. (Die meisten hier sagen ja „Eleeni“ statt „E-lenni“.) Als ich vor ein paar Jahren dann mal nach einem Konzert in Berlin, nur ein paar Straßen von unserer Wohnung entfernt, die Chance ergriff, mit Eleni Karaindrou (und Manfred Eicher) nach dem Auftritt in der Garderobe zu plaudern und eine Widmung in eine oder zwei ihrer CDs zu bekommen, erzählte ich ihr dies. Und sie war sehr gerührt und schrieb gleich einen kleinen „Brief“ in eines der CD-Booklets, an die ganze Familie gerichtet.

 

me: Schön. Bei „Iris“ gefällt mir, dass mich die Musik von Anfang bis Ende nicht loslässt. Das gelingt nicht mal Ennio Morricone auf seiner bepreisten Musik zum letzten Streich von Tarantino. „The Revenant“ hat das 2016 geschafft, Noto und Sakamoto. Der Griechin gelingt das unter anderem mit dem Wechselspiel, den Reibungen von Folkinstrumenten und Klassischem Instrumentarium, und keine zu grellen Crescendi. Da entwickelt sich ein vergleichbarer, leiser Sog, nur dass bei ihr, statt Elektronik, einzelne Folkinstrumente einen Kontrast bilden, wie „verlorene Gestalten in einsamer Landschaft“ wirken. Und diese Empfindung eines weiten Raumes erlebe ich bei A Winged Victory for the Sullen und bei Eleni Karaindrou. So gehört, könnte Iris auch die Musik für einen Science-Fiction-Film abgeben. Nichts Griechisches hier!

 

ijb: Ja, das ist wahr, gute Beschreibung. Vielleicht sollten wir das Gespräch fortsetzen, wenn wir den Film „Iris“ gesehen haben. Dann auch reflektieren, wie die Musik dann wirkt… Den Film „Iris“ mit Judi Dench habe ich übrigens nicht gesehen. Er erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Iris Murdoch, ist aus dem Jahr 2001. Und der Film, den ich im Kopf hatte, mit der Musik von Philip Glass, heißt „Notes on a Scandal“. Toller Film – und einer von Philip Glass’ besseren Soundtracks der letzten 15 Jahre.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 18. Januar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

4 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Her eyes were butterflies …
    Her smile was a rainbow
    Her hair was sunbeam waves …
    Shining round like a halo
    Her face was a fairy tale … that has a poison apple
    Her skull was a mighty moat …
    Her brain was the castle
    And the castle gets mistaken for a ship
    that is floating in the clouds
    And the castle is brighter than a thousand Christmas trees
    And the castle can never be rebuilt again … No way …
    One day a strange storm rolled in
    while she was riding on her dragon
    The mushrooms and the bumble bees told the flowers how it happened
    She was lost in the invisible war …
    Fighting in the battle
    Her love is still buried there in the ruins of the castle
    And the castle oscillates to the beating heart of her mind
    And the castle is taller than the northern lights
    And the castle can never be rebuilt again…
    No way …

    Wayne Coyne says:

    “An embarrassingly pure little song.. Ha.. I say embarrassing because as I wrote it (just a couple of lines, that didn’t end up in the song, and the one chorus line “and the castle can never be rebuilt again.. No way..” I was truly sad and I was singing and writing about this sad sad situation (a friend of ours had committed suicide) and felt like I was doing what a songwriter should do.. be real and let it flow … Ha …

    But the next day when I listened to it.. I thought it was really boring and approached the song as being about the person (who had killed themselves) instead of it (the song) being about me.. So yeah.. I’m embarrassed about that part.. But I think songs work like that.. They let you get something out..

    And I think this delicate whimsical song really came to life as soon as I sang (into my phone .. It was the only recording device I had in that moment) the very first lines.. ‘Her eyes were butterflies her smile was a rainbow’.. I still heard it (the song) as being very very sad and so, to me, because I was convinced of its power (the power of this sadness.. which, I think, was just me being still sad about the real life situation) it allowed me to sing these utterly silly romantic lyrics as a way of masking something horrible and brutal and fucked up and unspeakable.. it’s a motherfucker.”

  2. Lajla Nizinski:

    So wie Montaigne den Essay erfunden hat, um auch Persönliches von sich preiszugeben, so sollte das Kaffeehausgespräch wiederbelebt werden. Ganz nebenbei erfährt man dann hier durch den lebendigen Talk etwas über den neuen Manafonistas. Schön.

  3. Michael Engelbrecht:

    Ein sensationelles Kaffeehausgespräch konnte im Frühjahr stattfinden, wenn Gregs und ich, nach einer durchaus möglichen Londonreise, unsere Begegnung mit Ray Davies rückblickend bereden, von Café zu Café. Während im Hintergrund, in Stuttgart und Dortmund, „Americana“ aus den Lautsprechern zu hören ist.

  4. Lajla Nizinski:

    Könnt Ihr dann in einem coffeeshop in Muswill Hillbilly machen.


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