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2016 9 Dez

Rewind – Stop – Les Salauds

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  11 Kommentare

Auf Ingos Hinweis habe ich inzwischen zwei Filme von Claire Denis gesehen: Trouble Every Day (englisch/französisch, youtube) und Les Salauds (auf deutsch, arte+7, läuft noch 4 Tage). Beide Filme entwickeln von der ersten Sekunde an einen ungeheuren Sog, bei beiden gibt es zwei Handlungsstränge, deren Verbindung bei Les Salauds im Lauf der Zeit und bei Trouble Every Day erst spät erkennbar wird, beide Filme sind trotz ihrer Spannung sehr ruhig, fast meditativ, und gleichzeitig verstörend. Da gibt es viel Traumlogik, Existenzielles, es blitzen Bilder wie Fotos auf, ohne Verortung. Nachts in völliger Dunkelheit im Auto fahren, in einer unbekannten kurvenreichen Landschaft, mit zwei anderen, die nicht wirklich Freunde sind, da ist eine untergründige sexuelle Spannung, gegenüber beiden, eine Bedrohung, ein klares Machtgefälle, der Wunsch, wichtig zu sein. Und während der Fahrt darfst du ans Steuer und schaltest einen Gang höher und machst die Lichter aus. Die Schnitte zwischen den Bildern. Das Nicht-Gezeigte. Die Kinderzeichnung an der Wand. Großzügige Treppenhäuser, und immer nass geregnete Straßen. Ein mysteriöses Haus auf dem Land. Die Auswegslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und das Aufbegehren. Trouble Every Day endet – so habe ich es verstanden – versöhnlich, wobei dennoch der Atem stockt. Bei Les Salauds hätte ich darüber nachgedacht, die letzte Einstellung zu kürzen oder herauszuschneiden. Das war eine Erklärung von etwas, was schon mehrfach angedeutet war. Es ist natürlich ein Klassiker, irgendwann eine Pistole ins Spiel zu bringen, mit ungewissem Einsatz. Für mich ist Claire Denis eine Entdeckung.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 9. Dezember 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

11 Kommentare

  1. Jochen:

    Es beginnt mit minutenlangem, prasselndem Regen und kühl monotonen Keyboard-Klängen, a bit ECM like or John Cale.

    Der Film hat mich beeindruckt. Man fragt sich lange Zeit, was überhaupt passiert. Vieles bleibt in der Schwebe, bleibt ein Rätsel, wie ein Puzzle. Ingos Artikel und die dazugehörigen Kommentare habe ich danach zum ersten Mal genau gelesen – interessant, wie sich die ganze Materie dann öffnet.

    Eigentlich mag ich kein „Kunst-Kino“ und gegen französische Filme hatte ich schon immer eine tendenzielle Abneigung (leichte Frankophobie). Dann war ich aber recht dankbar, dass Ingos Tipp mir den Einstieg zu solcherlei ermöglichte.

    Da ich tags zuvor die finale aller grandiosen Mad Men Episoden gesehen hatte, fragte ich mich ständig, welche wesentlichen Unterschiede in der Machart zwischen Serien und Filmen wie Les Salauds bestehen. Vielleicht der markanteste: in Serien (oder Tatorten) wird immer sehr konkret erzählt, wenig abstrahiert, weniger Poesie.

    Allein schon diese Schlusssequenz mit dem Song der Tindersticks …

  2. Lajla Nizinski:

    Die Kameraführung ist ausgezeichnet. Wenn das geschundene Mädchen nackt durch den Film läuft, hat man den Eindruck, Mona Lisa ist aus dem Rahmen gestiegen. Der eigenartige Glanz in dieser Szene wurde ja früher in der Malerei durch Auftragen von Firnis hergestellt. Dass das Böse zuerst in der Fantasie entsteht, zeigt Claire Denis beeindruckend. Stimme dir, Martina, zu: die Schlussszene weglassen.

  3. Martina Weber:

    Die Kameraführung, die Bildauswahl bei den Einstellungen und die Schnitte – das ist alles unglaublich gut, geradezu poetisch, das ist das treffende Wort, Jochen. Poetisch erzählte Serien? Hmm … Mad Men hat poetische Passagen, zum Beispiel Donald Drapers Tagebuchnotizen, ist aber generell Prosa.

    Die Zusammenarbeit von Claire Denis mit den Tindersticks ist großartig.

    Interessant, Lajla, wie du die Prämisse des Filme in einen Satz fasst. Dass das Böse zuerst in der Fantasie entsteht, so habe ich den Film nicht gesehen. Wenn die Schlussszene nicht ein Rückblick, sondern ein Vorausblick wäre, wäre sie gerechtfertigt, finde ich.

    Ich wüsste gern, ob Claire Denis auch einen Film ohne verstörende Sexualität gedreht hat. Den würde ich mir gern als nächstes ansehen.

  4. Ingo J. Biermann:

    Freut mich, hier diese Eindrücke zu lesen.

    Also, die beiden Filme sind schon die „dunkelsten“ von Claire Denis ; es gibt von ihr sehr viele Filme, die nicht so dunkel und verstörend sind. Wer den besten Gegenpol sehen möchte, sollte vielleicht mit 35 Rum“ weitermachen, ein sehr fein-poetischer, wunderbar sensibler und bewegender „kleiner“ Paris-Film. Chocolat ist ebenfalls sehr subtil, aus der Perspektive eines kleinen Mädchens (10?) erzählt.

    In Vendredi Soir, eigentlich ein Erotikfilm, ist die Sexualität auch überhaupt nicht verstörend, vielleicht ist das der Film von Claire, der am ehesten „ein Film für Frauen“ ist? Auch Nénette et Boni, der erste Film mit Tindersticks-Musik, ist ein sensibler Film über die Nöte einer (jungen) Frau (bzw. sie ist eher noch ein Teenager), aber sobald ich etwas von der Handlung verrate, geht ein wenig der Seherfahrung verloren. Wunderbar sinnlich, mit Geräuschen, Gerüchen, Berührungen und Licht und Farben erzählt.

    In White Material, geschrieben mit der Autorin Marie N’Diaye, geht es um Isabelle Huppert als Gutsbesitzerin in einem unbenannten afrikanischen Land, zwar aufwühlend, aber eher auf eine schleichende Art, da die Hauptfigur die im Land aufkommende Bürgerkriegsgewalt versucht zu ignorieren.

    Bzgl. der letzten Szene in Les Salauds bin ich anderer Meinung; ich glaube, irgendwo in einem Interview habe ich auch gelesen oder gehört (vielleicht war das in einem der verlinkten Interviews auf YouTube?), wie sie diese Einstellung rechtfertigt; u.a. gibt es einen guten Grund, dass es sich um die Aufnahme aus der Videokamera handelt — und ich könnte jetzt ad hoc auch einige Argumente liefern, warum der Schluss so meiner Meinung nach konsequent(er) ist.

    Nur soviel: Ich fand die Aufnahme schlimm anzuschauen (habe den Film bislang drei Mal gesehen), und ich sehe diese Erfahrung als einen wichtigen Aspekt des Films, da der ganze Film von männlicher Gewalt gegen Frauen handelt (gesellschaftlich wie hintergründig wie im Konkreten), und ich denke, dass der Film sich nicht darum drücken will, diese Fakten auch klar auszusprechen, und gerade weil ja so vieles auf der Erzählebene fragmentarisch und inexplizit bleibt, umso mehr.

    Für mich wird in diesem letzten Bild handfest, dass es nicht um die reine filmische Erzählung geht, sondern dass da (in dem Anliegen) eine rechte Wut drinsteckt, die ich sehr teile. Auch kommt ja die Suche, die sich durch den ganzen Film zieht, hier zu einer Art Ergebnis (evtl. ist das noch prägnanter, wenn man den Film ein zweites Mal sieht und mehr auf den Handlungsfaden achten kann), und das spiegelt sich auch in der Musik wieder, die ja hier am Ende zum ersten und einzigen Mal zu einem geschlossenen Lied mit Gesang wird.

  5. Ingo J. Biermann:

    Ich glaube auch, es gibt bislang noch zu wenige „poetisch erzählte“ Serien. Mir fehlt das auch manchmal. Evtl. ist wirklich Mad Men von allen, die ich gesehen habe, noch am nächsten dran, weil da selten der „Drive“ der Handlungsstruktur entscheidend ist (weshalb ich immer wieder von Leuten höre, dass ihnen das zu langatmig und undramatisch sei).

    In True Detective gibt es zumindest eine leichte poetische Ebene, speziell durch Landschaften und Natur, aber das ganze ist ja auch eher ungemütlich. Vielleicht Treme? (Hab ich nicht gesehen.)

  6. Martina Weber:

    Vielen Dank, Ingo! Was mich angeht, muss es auf keinen Fall ein „Film für Frauen“ sein, was sowieso ein zweifelhaftes Label ist, aber ich ahne, was du meinst. Ein paar Freundinnen oder Schwestern gehen gemeinsam ins Kino, es darf ein bisschen Probleme mit Männern geben, aber letztlich wird´s dann schon wieder – oder sie beschließen, dass das Leben ohne Männer auch gut ist ;).

    Nicht mein Ding, nur weil ich Les Salauds und Trouble Every Day ein bisschen hart fand, ich habe die Filme immerhin gesehen. Durch deine Filmtitel und kleinen Andeutungen weiß ich jetzt, dass ich bei Claire Denis dranbleiben kann …

  7. Martina Weber:

    Für mich lautet die Prämisse von „Les Salauds“ so in etwa (es gibt je viele mögliche Prämissen. Prämisse verstanden als Kurzzusammenfassung des Inhalts ausgehend von der Hauptfigur, jedenfalls ist es in der Literatur so), also: Wenn du einmal drin bist im falschen Leben, kommst du nicht so schnell wieder raus.

    Sehr interessant ist die Szene mit dem Schuss aus der Waffe. Raphaëlle hat nachgedacht, auf wen sie schießt. Weil sie nachgedacht hat, hat mich das Ergebnis nicht überrascht.

  8. Martina Weber:

    Ich stimme dir zu, Ingo, True Detective (habe bisher nur die erste Staffel gesehen) fand ich auch poetisch. Gleiche Begründung. Plus: Die Figur des Matthew McConaughey.

    Und: Twin Peaks!

  9. Ingo J. Biermann:

    Haha, nein so hatte ich das mit dem Film für Frauen nicht direkt gemeint. :-)
    Nein, Vendredi Soir ist eine Art Liebesgeschichte in einer Nacht, erzählt rein über aller Art von Sinneswahrnehmungen, fast komplett ohne Dialog, obwohl es eine extrem reduzierte Handlung gibt.

    Das ist schon so ziemlich die komplette Filmhandlung:

    The night before moving in with her boyfriend Laure (Valérie Lemercier) wants to visit some friends and becomes stuck in traffic due to a Paris transit strike. Inspired by a radio news bulletin which encouraged drivers to car pool and offer rides to strangers, she decides to give a ride to a strange man named Jean (Vincent Lindon) after she spots him in the street and becomes immediately attracted to him. After cancelling on her friend the two spend the night together in a hotel.

  10. Ingo J. Biermann:

    Also, es ist schon interessant, wie geprägt wir von den ganzen Filmstereotypen sind, denn, klar, wenn ich meinen Kommentar bzgl. „Film für Frauen“ und „Nöte einer (jungen) Frau“ lese, dann ist es naheliegend, das so auszulegen, wie du es getan hast („Ein paar Freundinnen oder Schwestern gehen gemeinsam ins Kino, es darf ein bisschen Probleme mit Männern geben, aber letztlich wird´s dann schon wieder …“).

    Aber damit könnte man nicht weiter von den Filmen von Claire Denis entfernt sein. Das Publikum, das du quasi beschreibst, würde von Vendredi Soir wahnsinnig gelangweilt sein. Und auch von Nénette et Boni wahrscheinlich frustriert, weil die Handlung so wenig dramatisch erzählt ist.

    Hier hat jemand ein paar Bilder aus dem Film zusammengeschnitten, und auch wenn die nicht genau so in der Reihenfolge/Montage in dem Film vorkommen, gibt das Video doch ein bisschen einen Eindruck davon, was man erwarten darf.

  11. Ingo J. Biermann:

    Vendredi Soir:

    The screenplay based upon Emmanuèle Bernheim’s novel of the same name. The film premiered at the 2002 Venice Film Festival. Between Laure and Jean, almost no word is exchanged; almost no explanation is offered to us. This is Denis’s initial tour de force: succeeding in making us feel the emotions and the desires of her characters with recourse to neither dialogue nor voice-over.

    – Aimé Ancian, 2002


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