Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Eben sehe ich, dass bei ARTE in der Mediathek noch bis Mitte Dezember der Film Les Salauds von Claire Denis zu sehen ist. Also nehme ich das als Anlass, ihn hier in der Reihe „die besten Kinofilme des 21. Jahrhunderts“ zu empfehlen, zumal ich Claire Denis ohnehin für die beste lebende Kinoregieperson halte. Über den Film gäbe es unendlich vieles zu sagen, und da ich mich seit Ewigkeiten intensiv mit dem Werk der Autorenfilmerin beschäftigt habe, fällt es mir zusätzlich schwer, ein paar wenige Kommentare zum Film zu liefern.

Ich sah den Film bei der Premiere in Cannes in der Reihe Un Certain Regard (Es war ein offenes Ärgernis, dass der Film nicht im Wettbewerb gezeigt wurde, zumal in dem Jahr die Diskussion ohnehin hochkochte, dass kein Film einer Regisseurin in den Cannes-Wettbewerbs genommen worden war.), und weil ich schon ahnte, dass es schwer sein würde, ihn irgendwann wieder auf der Leinwand erleben zu können (Viele Filme von Claire Denis wurden in Deutschland nie im Kino ausgewertet; ich sah zwar schließlich alle auf der Leinwand, jedoch viele in Retrospektiven und einmaligen Sondervorführungen, wozu Berlin immerhin sehr gute Möglichkeiten bietet.), ging ich tags darauf gleich auch noch in die zweite Vorführung.

Gleichwohl muss man festhalten, dass Les Salauds kein Film ist, den man beim ersten Sehen erfassen kann, vor allem, weil die Handlung zu fragmentarisch und sprunghaft erzählt bleibt. [Weitere Informationen hierzu in den Verweisen in den Kommentaren.] Für mich blieb schon nach der ersten Vorführung in Cannes hängen, dass es sich hier wohl um ein Meisterwerk handelt, und spätere Sichtungen und Gespräche mit anderen Filmemachern und Freunden bekräftigten dies. Doch auch wenn das „Meisterwerk“-Urteil ohnehin streitbar ist, natürlich ist es erst einmal meine individuelle Meinung, und ich möchte nicht unterschlagen, dass ich ohnehin der Meinung bin, dass Claire Denis noch nie einen schlechten oder gar mittelmäßigen Film gemacht hat. So sehr ich ihre klaren, leise und warmherzig poetisch erzählten Filme wie 35 Rhums oder Vendredi Soir schätze, noch stärkere Beziehung baute ich stets zu ihren dunklen, (unter Filmleuten und Zuschauern) umstrittenen, schwerer greifbaren und „offeneren“ (erzählerisch unkonventionellen bis radikalen) Filmen wie Trouble every Day und L’Intrus auf. In diese Reihe passt Les Salauds hervorragend, ist dabei doch vollkommen eigen.

Als ich auf meiner eigenen Webseite noch (kurzzeitig) einen Blog pflegte, schrieb ich zu Claires 60. Geburtstag im April 2008 einen persönlichen Wertschätzungseintrag und Geburtstagsgruß. Wenige Jahre später bekam ich zu Ohren, dass sie für ein Regieseminar an die DFFB (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) kommen würde, wo ich zu dem Zeitpunkt zwar noch offiziell studierte, naja, eingeschrieben war, aber längst nichts anderes mehr aktiv machte als Technik für einzelne Projekte zu nutzen, da mein Abschlussfilm sich lange hinzog. Ich schrieb sofort an den Studienleiter, dass ich unbedingt dabei sein wolle, und sei es nur als Zuschauer.

Glücklicherweise sagten mehrere Teilnehmer ab, so dass ich schließlich doch einer der sechs Regiestudenten wurde, die teilnehmen durften. Es war tatsächlich überhaupt das erste Mal, dass Claire ein Seminar für junge Filmemacher gab, und mir ist vor allem ihre Bescheidenheit in Erinnerung geblieben, etwa als sie mir auf mein „Wie toll, dass wir von dir und deiner Jahrzehnte langen Erfahrung lernen können.“ entgegnete: „Ach, Erfahrung bedeutet nichts. Und beibringen kann ich euch sowieso nichts. Das einzige, was ich euch mitgeben kann, ist: Ihr müsst auf euer Bauchgefühl und euer Herz hören. Mehr gibt es nicht zu sagen.“ Sie selbst betonte allerdings, wie wichtig für sie eine extrem gute Vorbereitung sei und dass für sie die stetige kreative Herausforderung wesentlich sei. Und sie weiß natürlich sehr viel über Filmsprache und die Welt, wie ihre Filme bezeugen.

Ansonsten war es für mich natürlich ein Genuss, zwei Wochen lang einfach mit ihr zu sprechen, etwa über ihr Verhältnis zu ihren Mitarbeiter/innen („Jede Zusammenarbeit ist wie eine Beziehung. Man muss sich in die Leute verlieben, mit denen man Filme macht.“ Bin jetzt nicht sicher, ob sie das nur auf die Schauspieler bezogen sagte oder auch auf anderen Mitarbeiter, glaube aber schon.), auch über die Zusammenarbeit/Freundschaft mit Stuart Staples, die mich natürlich besonderes interessierte, aber auch über Lebens- und Filmerfahrungen, wie z.B. als sie Regieassistentin von Wenders war, bei Paris, Texas und Der Himmel über Berlin, der bekanntlich an etlichen Orten gedreht wurde, die mittlerweile nicht mehr existieren; und die DFFB liegt ja auch genau da mittendrin, am Potsdamer Platz, zur Zeit der Dreharbeiten 1988 ein Niemandsland.

 
 
 

 
 
 

Frankreich 2013 / R: Claire Denis / B: Jean-Pol Fargeau, Claire Denis / K: Agnes Godard / Musik: Tindersticks / 100 Min / FSK: 16 / D: Vincent Lindon, Chiara Mastroianni, Isolda Dychauk, Lola Créton, Grégoire Colin, Hélène Fillières, Alex Descas

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 2. Dezember 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

30 Kommentare

  1. ijb:

    Claire Denis über Les Salauds im Gespräch mit Daniel Kasman:

    It’s not like a story like „White Material“ or something … it’s been in me for years. This is, for me, the result of reading newspapers or going to the Internet and slowly I realized that the destiny not something you can domesticate. It’s something that jumps on your back and very often … hurts.

    When I was younger, I had sort of an imagination about the “tragedy of life,” like you could make a drawing of it, you know? Suddenly I realized it was not at all like that. The tragedy of life is something happens you have never expected; also my destiny showed me that things happened to me I had not expected. Therefore, I returned … not returned, I realized that all my life since I was a schoolgirl – I mean teenaged, college girl – I was marked, deeply marked, tattooed, by Faulkner’s mentality. Like, holding nothing.

    Especially the case of the young girl of „Sanctuary“, Temple. From the bourgeoisie, she’s well protected. I don’t think that the girl of my film…I didn’t want to adapt „Sanctuary“, but I had always in mind the end of „Sanctuary“ since I was eighteen. It ends in Paris, in the Garden of Luxembourg. She’s safe and sound, as you could say, with her father. He wants her to travel to change her mind, and probably doesn’t know what to do as a father. It’s the last lines of the novel. And she opens her bag and she has this little powder, and she powders her nose as if she wanted to escape any look…to not glance at her father…only her own face and a little bit of powder, to make clear that she was not going cry or to speak. I think from Faulkner, something that attracted me when I was very young, because it’s very attractive to a 15 or 16 year old, is that life is made of the only thing you can decide, the rest you can not: to commit suicide or to kill someone. The rest, happens.

  2. ijb:

    Sascha Westphal in epd film:

    Variationen von Dunkel, in denen man sich auf ewig verlieren kann: Claire Denis greift in ihrem neuesten und zugleich düstersten Film klassische Motive des Film noir auf.

    Unaufhörlich prasselt Regen herunter. Im Licht der Straßenlaternen schimmern die Tropfen, die schon eher Fäden gleichen, beinahe golden. Die Welt verschwimmt in diesem nicht enden wollenden Guss, und die Nacht hat fast etwas Unwirkliches. Ist das die Sintflut, von der einst Martin Scorseses Taxi Driver geträumt hat, der Regen, der den ganzen Abschaum von den Straßen spült? (…) Schon in diesen ersten Momenten entwickelt Claire Denis’ „Les Salauds“ eine Dichte, die fast schon erdrückend, zumindest aber verstörend wirkt.

    (…) Claire Denis hat sich von Akira Kurosawas bitterem, 1960 entstandenem Rache-Thriller „Die Bösen schlafen gut „inspirieren lassen. Etwas von der Wut des japanischen Filmemachers angesichts der damaligen Verhältnisse in seiner Heimat findet sich auch in diesem schwärzesten aller schwarzen Filme. Nur klagt Denis am Ende nicht an. Sie protokolliert eher die Leidenschaften der Menschen und lotet dabei deren Abgründe aus.
     
    Diesen Trip in die Finsternis, in der sich Befreiung und Zerstörung kaum voneinander trennen lassen, löst Claire Denis in einzelne kurze Szenen auf. Auf Übergänge verzichtet sie und akzentuiert stattdessen die Lücken in der Erzählung. Einige davon lassen sich leicht füllen. In anderen kann man sich auf ewig verlieren. Ein eigenes, zutiefst beängstigendes Dunkel geht von ihnen aus. Ein existenzielles Dunkel, für das Denis in ihrem ersten mit einer digitalen Videokamera gedrehten Film gemeinsam mit Agnès Godard zu neuen Schwarztönen und einem anderen, dem Kino bisher fremden Licht gefunden hat.

  3. ijb:

    Michael Kienzl bei critic.de: Verloren in der Nacht.

    Man kann sich die Handlung eines Films wie ein Seil vorstellen, an dem sich der Zuschauer langsam entlang hangelt. Was aber, wenn dieses Seil porös ist und immer wieder reißt? Dann fühlt man sich wie ein Taumelnder, der Halt sucht, aber nicht so recht weiß, woran er sich festhalten soll. Bei der französischen Regisseurin Claire Denis geht es einem mitunter so. Ihre Filme erzählen häufig keine klassischen Geschichten oder versuchen gar dem Publikum Bedeutung auf dem Silbertablett zu servieren, sondern vermitteln eher Gefühle, die zu unbestimmt sind, um sie mit Worten zu beschreiben. Sinnliche Werke wie „Vendredi soir“ (2002) und „L’intrus“ (2004) sind Collagen aus Bildern, Klängen und Einzelmomenten, die jemanden, der alles, was auf der Leinwand geschieht, auch verstehen möchte, zwangsläufig frustrieren müssen.

    (…) Wenn eine Regisseurin Gewalt gegen Frauen inszeniert, dann geschieht das meist aus zwei Gründen: Entweder, um diesen Akt zu rächen, oder um ihn als Mittel einer sozialkritischen Botschaft zu nutzen. Das Faszinierende bei Denis ist dagegen, dass sie sich von solchen Ereignissen ganz distanziert. Sie belässt die Dinge unbehandelt und fordert ihr Publikum damit indirekt auf, einen eigenen Weg zu finden, damit umzugehen.

    (…) Wie Verlorene taumeln Denis’ Figuren durch die Nacht und gehen damit eine Allianz mit dem Zuschauer ein, der sich ein wenig hilflos in diesem Reich der Dunkelheit zurechtfinden muss. Die an- und abschwellenden Synthesizerakkorde der diesmal mit elektronischen Mitteln operierenden Stammband Tindersticks sowie die düsteren Bilder von Agnès Godard erschaffen eine traumähnliche Stimmung. Erotische und gewalttätige Begegnungen sind zu sehen, ein ständiges Suchen erkennbares Ziel. Gerade in solchen kontemplativen Momenten vermittelt Denis vor allem ein Gefühl. Wenn es plötzlich keinen Halt mehr gibt für uns, die immer nach Bedeutung suchen, bleibt nur ein Ausweg: Man muss die Orientierungslosigkeit als Zustand zu schätzen lernen.

  4. Michael Engelbrecht:

    An diesem Film geht für mich nun wohl kein Weg vorbei, wo ich doch den Tindersticks und Stuart Staples seit dem zweiten Album gefolgt bin, auch ihren Soundtracks, und noch nie einen Film der Regisseurin gesehen habe …

  5. Ingo J. Biermann:

    Noch keinen Film von Claire Denis gesehen, als Liebhaber der Tindersticks? Oh. Immerhin hast du wahrscheinlich ihren Beitrag zum Waiting Room Film Project gesehen. Sie hat auch zwei Videos für Sonic Youth gemacht, zum Album Rather Ripped.

    Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob ihr Werk auf deiner Wellenlänge liegt. Aber man kann zumindest sagen, dass es extrem unterschiedliche Filme in ihrem Schaffen gibt, wie auch die Tindersticks-Musiken teils sehr unterschiedlich sind. Die zu Les Salauds fällt besonders auf, weil sie so elektronisch ist.

    Nach ihrem Studium an der FEMIS hat sie fünfzehn Jahre lang für andere Regisseure gearbeitet, u.a. Jarmusch (Down by Law), Wenders, Tarkowskij (Opfer) und Costa-Gavras, bevor ihr erster Langspielfilm Chocolat (nicht mit dem Johnny-Depp-Film von Lasse Hallström verwechseln!) im Wettbewerb in Cannes lief. Da war sie schon 40 Jahre alt. Der Film ist stark inspiriert von ihrer Kindheit in Afrika (wo ihr Vater in diversen Ländern Diplomat war). Fast alle ihrer Filme haben mit dem Fremden oder der Fremde zu tun, besonders markant etwa Beau Travail – mit einer wunderbaren Wüstenwanderung der Fremdenlegionäre zu Neil Youngs Safeway Cart.

    Bei Nénette et Boni war es wohl so, dass Claire ein Stück von den Tindersticks für den Film verwenden wollte (da sie schon Fan der Band war), die Jungs nach dem Konzert hinter der Bühne traf, und Stuart Staples dann wohl nicht so begeistert von der Idee war, weil er lieber endlich mal einen ganzen Soundtrack schreiben wollte. Und so hat er seither für fast alle ihre Filme die Musik komponiert.

    Hier erzählt sie recht heiter über Stuart und die schwierige Verständigung:
    https://www.youtube.com/watch?v=HSb_sMDLvns

    Und hier ein kleiner Text, in dem die beiden von ihrer Beziehung erzählen:
    http://www.independent.co.uk/news/people/profiles/how-we-met-stuart-a-staples-claire-denis-1749300.html

    Trouble every Day fand ich immer großartig, weil er so viel Irreales und Irrationales in den Horrorfilm bringt, dabei noch dazu einen überaus eigenen radikalen Ansatz findet. L’Intrus ist noch offener, aber auch noch ambitionierter, basiert auf dem autobiografischen Essay von Jean-Luc Nancy, in dem er vollkommen unverfilmbar von einer Herztransplantation erzählt.

    Vendredi Soir ist eine Romanverfilmung fast ohne Dialoge, ein film, der ausschließlich auf eine „One Night Love Affair“ zweier Fremder fokussiert ist.

  6. ijb:

    Hier meine unmaßgebliche persönliche Bewertung ihrer Langfilme:

    Chocolat (1988) ****½
    Man No Run (Konzertfilm mit Les Tetes Brulees, 1989) ***½
    S’en fout la mort (No Fear, No Die) (toller Soundtrack von Abdullah Ibrahim, 1990) ****
    Jacques Rivette, le veilleur (Dokumentarfilm, 1990) ****
    J’ai pas sommeil (I Can’t Sleep) (1994) ****
    US Go Home (1994), mit hervorragender Musikauswahl + starken Musiksequenzen ***½
    Nénette et Boni (1996) *****
    Beau travail (1999)****½
    Trouble Every Day (2001) *****
    Vendredi soir (2002) ****
    L’intrus (2004) *****
    Vers Mathilde (Dokumentarfilm über Mathilde Monnier, 2005) ***½
    35 rhums (2008) *****
    White Material (2009) ***½
    Les Salauds (2013) *****

  7. Michael Engelbrecht:

    Wow, that’s a true insider’s point of view! :)

  8. Martina Weber:

    Les Salauds läuft am kommenden Dienstag, 6.12., um 0 Uhr auf arte. Der Trailer hat schon die Atmosphäre vermittelt, die du geschildert hast, Ingo. Interessanter Tipp. Ich habe Claire Denis als Filmemacherin bisher nicht wahrgenommen. Und im Waiting Room film project der tindersticks ist es der track no. 4.

    Der kleine Film zeigt Eindrücke an einem französischen Flughafen, Nähe Paris, es wird suggeriert, dass es die Eindrücke eines dunkelhäutigen Mannes sind, und es wird etwas befremdliches in der Wahrnehmung spürbar, etwas fast surreales, obwohl alles eine Alltäglichkeit hat. Zum Beispiel wie jemand an einem durchdigitalisierten Getränkeautomaten etwas auswählt. Help yourself.

  9. Radiohoerer:

    Da hast du ja eine riesige Box aufgemacht, die sich durchzuschauen lohnt! Merci!

    Und Arte ist dann wohl Pflicht … Auf mich warten noch Yasujiro Ozu und Hou Hsiao-hsien.

    Empfehlung von Kaurismäki.

  10. ijb:

    Claire Denis über Yasujiro Ozu

    Ozu ist ein wichtiges Vorbild für Claire Denis (und bekanntlich auch für Wenders, der sich oft auf ihn bezog). Ihr Film 35 Rum ist ein „Remake“ von Ozus Später Frühling, nachdem sie feststellte, dass der Film praktisch die Geschichte ihrer eigenen Großmutter erzählt.

    Hou Hsiao-Hsien finde ich auch großartig; allerdings schwer, zu Hause auf DVD anzusehen. Habe auch nur wenige seiner Filme gesehen.

  11. ijb:

    “There’s no better filmmaker working in the world right now.” – Sight and Sound

    “No one in modern cinema has a more elastic syntax, the guts to build each movie according to its subject from the atoms up… see them all.” – David Edelstein, New York Magazine

    Claire Denis zieht mit ihren eigensinnigen Arbeiten eine autonome Spur durch das zeitgenössische Kino. Seit über 20 Jahren macht sie Filme, die ihresgleichen suchen. Ihr ästhetisches Projekt, jenseits von erzählerischen Routinen und formalen Standards angesiedelt, ist solitär und erschließt dem Gegenwartskino bis dahin unbekannte, fremde, aufregende Möglichkeiten.

    Das Kino von Claire Denis verhandelt immer wieder Erfahrungen des Fremdseins. In Afrika, in Paris, im Jura, in New York, in der Südsee. Es umkreist Figuren, die am Rande stehen, wortkarge Einzelgänger, Außenseiter, Neuankömmlinge, Heimatlose, Menschen, die sich nicht reibungslos anpassen – Fremde in vielerlei Hinsicht. Ihre Filme erforschen verschiedene Kodierungen von Fremdheit, die Grenze zwischen Eigenem und Fremdem in einer postkolonialen Welt. Doch werden die damit verbundenen Phänomene und Diskurse um Migration, Rassismus, Identitätspolitik, Abhängigkeitsverhältnisse und Überlebenskämpfe bei Claire Denis nie als Thema ausgestellt und plakativ formuliert, sondern sie sind den Körpern der Figuren, die sich in ihren Geschichten bewegen, immanent. Die Verhältnisse werden an den Körpern manifest. Der physische Einsatz in den Filmen von Claire Denis ist hoch – ein Kino der Körper. Nichts wird erklärt, Orte und Menschen behalten ihr Geheimnis. Nur wenig wird über Dialoge ausgehandelt – statt dessen erzählen Blicke, Bewegungen, Gesten und Körpersprache. Das Geschehen ist in lose verbundenen Strängen organisiert, verschiedene Geschichten laufen nebeneinander her, kreuzen sich manchmal, um bisweilen nie wieder aufzutauchen. Die Bindungen zwischen den Bildern sind oft sehr locker, die Ebenen von Wirklichkeit und Traum nicht klar voneinander geschieden. Aus Fragmenten, Rückblenden, Fantasien, Auslassungen und Andeutungen entsteht ein komplexes Gewebe, das nicht in Handlungsökonomie und kausaler Konstruktion aufgeht. Das hat manchmal verstörende Qualität, ist enigmatisch und faszinierend zugleich.

    (http://www.arsenal-berlin.de/kino-arsenal/programmarchiv/einzelansicht/article/2037/2804//archive/2010/october.html)

  12. Radiohoerer:

    Du bist gut :-) wo soll ich hier diese Filme schauen … ?!

    Geht nur zu Hause, im „Heimkino“ mit Freunden. Und dann muss man diese Filme auch erst mal bekommen. Aber, lieber das, als den anderen Müll.

  13. Ingo J. Biermann:

    Haha, ja klar, besser zu Hause als gar nicht, ich weiß.

    Ich schrieb das auch eher aus eigener Perspektive denn als Appell. Ich habe zwar nur wenige Filme von HHH gesehen, und als ich zu Hause z.B. den stimmungsvollen „Millennium Mambo“ auf meinem kleinen Bildschirm geschaut habe, fand ich das eher mühsam, leider.

    „The Assassin“ wollte ich tatsächlich auch hier im Kino sehen, aber da kam schon vieles andere zeitgleich … Ich finde auch, es ist immer noch mal was anderes, wenn man (die) Filme mit anderen gemeinsam schaut – und vor allem, wenn man einen Beamer zu Hause hat. Was ich nicht habe …

  14. radiohoerer:

    „The Assassin“ konnte ich tatsächlich im Kino schauen und war schwer beeindruckt !!!
    Ein Ereignis !

  15. Martina Weber:

    Es gibt einige Filme der Claire Denis in voller Länge auf youtube, einfach „claire denis full movie“ eingeben. „Trouble Every Day“ zum Beispiel unter diesem Link:

    https://www.youtube.com/watch?v=jyeMymwTZhM

    Hatte ich gleich meiner Filmdiskussions-AG vorgeschlagen.

    Der Film ist spannend von der ersten bis zur letzten Minute, auch wenn wir ihn auf meinem Notebook geschaut haben und die Anschlussbuchse für meine Super-Zusatzboxen leider defekt ist. Erst ab der 9. Minute werden ein paar Sätze gewechselt, Kaurismäki ist geschwätzig dagegen.

    Teilweise wird englisch gesprochen, teilweise französisch, der Film spielt in den USA und in Paris. Interessant ist, dass sich der gesamte, sehr raffinierte Plot auch ohne Worte erschließt und das erst in den letzten Minuten. Die Charaktere, die Einstellungen, aber vor allem die Schnitttechnik und das Nicht-Gesagte – das ist ganz großes Kino.

  16. Martina Weber:

    Im Mai/Juni 2012 habe ich die Poetikvorlesungen von Alexander Kluge besucht.

    Er hatte immer wieder Ausschnitte seiner Filme gezeigt. Er sagte, – und das spricht jetzt sehr dagegen, Filme auf dem Notebook oder auf sonstige Weise digital anzusehen – ganz entscheidend beim Kinobesuch sei das Ereignis, der Weg dorthin und zurück, aber noch entscheidender seien die Leerstellen zwischen den einzelnen Filmbildern.

    Letztlich würden diese Leerstellen (ich habe gerade meine Mitschrift nicht parat) einen beträchtlichen Bruchteil der Dauer eines Filmes ausmachen, kann sein, dass er ein Drittel genannt hat. Und, so Alexander Kluge, in dieser Zeit passiert etwas in unserem Gehirn.

  17. radiohoerer:

    Na ja, Martina, dass ist sehr schön gedacht von Herrn Kluge …

    Was aber vorausgesetzt, dass:

    1. ein Kino in der Nähe ist, wo diese Filme laufen.
    2. Man hat gerade dann auch Zeit.

    Oft bin ich viele Kilometer unterwegs, um gerade diese Filme schauen zu können. Klappt aber höchst selten. Und mit vielen schon gar nicht. Allein der Aufwand um The Assassin sehen zu können. Mit viel Glück ging es irgendwie …

    Dann lieber zu Hause und mit Freuden, mit denen man sich danach auch austauschen kann. Wichtig ist doch allein die Tatsache, dass man diese Filme schaut. Oder ?

  18. Michael Engelbrecht:

    Reine Infofrage:

    Was für Leerstellen, umd wieso sind die auf DVDs, BLURAYs nicht vorhanden. Ein Drittel????

    Aber eins ist sicher: der Weg zum Kino und zurück wird überschätzt! Es sei denn, man ist gerade frisch verliebt.

  19. ijb:

    Schätze, was Kluge meint, ist dass bei einer Projektion von Film das Bild nur 1/24 einer Sekunde zu sehen ist; dazwischen nimmt die Umlaufblende das Bild weg, und man sieht tatsächlich nur schwarz.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Filmprojektor :

    Ein Filmprojektor dient dazu, den mit einer Filmkamera aufgezeichneten Bildstreifen auf eine Bildwand zu projizieren. Dabei werden pro Sekunde normalerweise 24 Standbilder gezeigt. Da 24 Hell-Dunkel-Wechsel vom menschlichen Auge als störendes Flimmern wahrgenommen werden würden, wird jedes Bild im Stand zusätzlich von der Umlaufblende unterbrochen, wodurch für das Auge 48 Wechsel erzeugt werden, d. h. jedes Filmbild wird zweimal gezeigt.

    D.h. jedes Bild ist innerhalb einer Sekunde zwei Mal für scheinbar eine 48stel Sekunde zu sehen, aber dazwischen ist dann tatsächlich immer schwarz.

  20. Michael Engelbrecht:

    Jetzt erinnere ich mich auch. Das war ja schon bekannt, als die allerersten Filme gemacht worden, wieviel Bilder pro Sekunde die Illusion von Bewegung erzeugen.

    Ist das also heute bei Streaming, DVD, BLURAY nicht mehr der Fall? Wahrscheinlich nicht mehr… digital, aber: na und?

    Vinyl ist auxh nicht per se besser. Beides hat aeine Qualitäten. Das Fass maxhe ich hier aber nicht auf.

    Die psychologischen Implikationen dieser Leerstellen (über das Physiologische hinaus) sind aber eher Gegenstand diverser Spekulationen, und nicht gesicherter Erkenntnisse.

    Spekulatius. Passt zu Nikolaus.

  21. ijb:

    Ja, bei digitalen Vorführungen ist das nicht mehr der Fall. Das funktioniert vollkommen anders, sind ja im klassischen Sinn auch keine Fotografien mehr, wie noch beim Film.

    Aber ich denke auch: Keine Ahnung, wie viel da wirklich dran ist, an der Sache mit den Leerstellen.

    Bzgl. 35mm und digital kann man zumindest an der Qualität, Ästhetik, Haptik… des Bilds schon klare Vor- und Nachteile festmachen. Eine visuelle Ästhetik wie in „Arrival“ wäre mit 35mm nicht möglich. Dennoch stört mich an nicht wenigen digital gedrehten Kinofilmen die Flachheit des Bilds und das Farbgefühl, das im digitalen tatsächlich in bestimmten Farbräumen ganz anders ist als bei Zelluloid.

  22. Michael Engelbrecht:

    Well well, well …

    Mit meinem JVC Beamer etc. ist das Erleben der visuellen und auditiven Bearbeitung der Serien TWIN PEAKS und THE X-FILES grossartig. Die Entstörung und Verfeinerung des Bildmaterials bietet enorme Vorteile, ohne dass es deshalb kühl und glatt werden muss.

    Ha! Das gilt auch für die frühen Buster Keaton-Stummfilme, die kürzlich in einer tollen Edition erschienen sind.

  23. ijb:

    Ja, dem kann ich nicht widersprechen.

  24. Martina Weber:

    Hallo, Jungs, ich lese eure Diskussion erst jetzt. Und ich habe sogar meine Notizen zur Alexander Kluge Vorlesung nochmal kurz überflogen, aber den Gedanken mit den Leerstellen habe ich mir einfach gemerkt, ohne ihn aufzuschreiben.

    Ja, das hat den technischen Hintergrund, den ihr auch schon recherchiert habt. Ich fand den Gedanken einfach interessant, aber ich weiß nicht, ob ein Film, den ich im Kino (in nicht digitalisierter Fassung) sehe, stärker oder intensiver wirkt oder ob ich mich an ihn besser erinnern kann als an den gleichen Film in digitaler Fassung.

    Auf jeden Fall sprechen praktische Gründe fürs Heimkino. In einem richtigen Kino kommt ja auch noch die Werbung dazu und die Leute, die mit ihren Köpfen meinen Blick auf die Kinoleinwand beeinträchtigen.

    Und was das Verliebtsein angeht, das kann man zu Hause auch besser ausleben. Also: Schwamm drüber. Und viele Kilometer würde ich bestimmt nicht für einen Weg ins Kino fahren, höchstens gelegentlich mal, wenn es etwas Besonderes wäre mit besonderen Leuten. Werfen wir also die Notebooks, Beamer, Videorekorder und DVD Spieler an!

  25. radiohoerer:

    Schönes Schlußwort, Martina!

  26. Lajla:

    Danke Martina, dass du auf den „Dreckskerle“ Film heute Nacht auf Arte aufmerksam gemacht hast.

    Claire Denis ist herausragend und für mich schwere Kost. Ich bin z.B. begeisterte Kinogängerin. In den Art Kinos gibt es keine Werbung, aber Popkornfresser. Letzte Woche sah ich den schwedischen Film „Höhere Gewalt“ von Ruben Östlund im Kino. Solche Filme und überhaupt! sollte man in der Öffentlichkeit ansehen.

    Der Film ist pure Psychoanalyse, ziemlich männerfeindlich. Auf dem Sofa könnte es deswegen zu Unstimmigkeiten kommen. In public wird die Balance schneller wieder gefunden. Ich plädiere dafür: geht mehr ins Kino (Dorfkinos sind schon ++), kauft weniger Technik.

  27. ijb:

    Ah ja, Höhere Gewalt (Force Majeur) hab ich auch gesehen, im Kino.

    Ein in der Tat guter Geschwisterfilm von Les Salauds, thematisch verwandt, da sich beide mit Männlichkeitsbildern befassen, aber extrem unterschiedlich. Männer-„feindlich“ würde ich das allerdings nicht gleich nennen, denn ich fühlte mich von dem Männlichkeitsbild, das da thematisiert wird, nicht angegriffen. Vielleicht eine Dekonstruktion?

    Ist aber auf jeden Fall Gedanken anregend – und hervorragend inszeniert.

  28. Martina Weber:

    Tja, lieber Radiohoerer, so schnell gibt es hier keine Schlussworte, es gibt immer etwas zu sagen …

    „Trouble Every Day“ von Claire Denis habe ich ja vor einigen Tagen gesehen. Lajla, das war schon ein sehr verstörender und harter Film. Trotzdem ganz ausgezeichnet inszeniert. Hier waren auch wieder die Tindersticks für die Musik zuständig.

    Ich gehe quasi ausschließlich in Programmkinos, in denen es keine Werbung gibt, nur Filmvorschauen für den nächsten Monat, das ist ok. Und Popkorn verkaufen sie im Café Filmriss nicht ;)

    Und, @ Lajla und die anderen, Les Salauds könnt ihr, nchdem es heute um Mitternacht gesendet wurde, dann 7 Tage auf arte+7 online nachschauen.

    Vielleicht eignet sich das als Schlusswort, denn mit diesem Tipp fing Ingos Beitrag an ;)

  29. ijb:

    [Nachwort: Ja, schade, mich hätten ja noch Meinungen und Erfahrungsberichte zu dem Film interessiert. Dann vielleicht in einem neuen Blogeintrag?]

  30. Martina Weber:

    Ja, Ingo, in einem neuen Eintrag. Das ist die Bloglogik. Irgendwann wird an Beiträgen, die zu weit nach hinten rutschen, nicht mehr weiter kommentiert. Ich werde den Film noch schauen, aber wohl eher allein. Meine Film-AG macht bei Claire Denis Filmen nicht mehr mit. „Trouble every day“ war schon ziemlich tough.


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