Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 28 Nov

Hans Otte & Walter Bachauer

von: Hans-Dieter Klinger Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , 8 Kommentare

Hans Otte ist ein beinahe Unbekannter
 
 
ein kaum bekannter Pianist
es gibt Aufnahmen mit dem SWF-Sinfonieorchester und den Berliner Philharmonikern

ein kaum bekannter Komponist
sein bekanntestes Werk ist DAS BUCH DER KLÄNGE für Klavier

Herbert Hencks 1999 erschienene ECM-Einspielung dieses 12-teiligen Klavierzyklus hat die Erinnerung an einen unterschätzten Komponisten lebendig erhalten.
 
 
 

 
 

Auf dem kompositorischen Weg des 1926 geborenen Hans Otte scheint es keine kontinuierliche stilgeschichtliche Entwicklung zu geben.

Beiheft Zeitgenössische Musik in der Bundesrepublik, Vol. 5

 

Man hat keine Chance, diese Feststellung profund zu überprüfen. In Heft 17 der MusikTexte vom Dezember 1986 findet man neben einem überraschend umfangreichen Werkverzeichnis eine nur schmale Diskographie. Das ist bis heute so geblieben. Das widerspiegelt auch meine Tonträgersammlung. Neben einer Aufnahme von Das Buch der Klänge / Stundenbuch – gespielt von Hans Otte – ruhte viele Jahre eine Aufnahme von passages (1965) für Klavier und Orchester ungehört.
 
 
 

 
 
 
Die New Music aus Amerika kam in zwei Wellen. In den 50er Jahren war es der Kreis um John Cage, der die festen Burgen des europäischen Serialismus erschütterte.

In den frühen 70er Jahren fand die amerikanische Minimal Music essentielle Unterstützung in Deutschland. Die New Allies waren zahlreiche Kulturträger Westdeutschlands, allen voran die Rundfunkanstalten.
 
 
Die Festivals „pro musica nova“ und „pro musica antiqua“ in Bremen
 
 
Hans Otte gehörte zu den Neuen Verbündeten der American Experimental Music und war dazu ein Förderer der Alten Musik, ganz besonders der damals noch jungen historischen Aufführungspraxis. Nikolaus Harnoncourt hat ein erstes entscheidendes Podium in Bremen gehabt. 1959 war das Jahr, in dem Hans Otte die Leitung der Musikabteilung von Radio Bremen übernahm.

Als ich 1959 nach Bremen kam, hab‘ ich mir einfach das Konzertleben der Stadt angeschaut, und das war ja, wie man weiß, sehr traditionsbeflissen. Es waren in erster Linie eben die Philharmonischen Konzerte für klassische und romantische Musik da, dann gab es ein reges Kirchenmusikleben. Was der Stadt also meiner Meinung nach damals fehlte, war die gesamte alte Musik, vom Mittelalter bis zur Renaissance und in das Barock hinein, was der Stadt fehlte, war die Kenntnis der neuen Musik, und was der Stadt ebenfalls fehlte, war das, was man Informationen über die außereuropäischen Musikkulturen nennen kann. Also habe ich ein Festival für alte Musik aufgebaut und eins für neue. Im Zusammenhang mit anderen Festivals in Berlin, Rennes und München war es möglich, als Ergänzung auch immer mehr außereuropäische Musikensembles nach Bremen zu holen. Es war eigenttlich eine Liebeserklärung an Bremen, eines Tages sollte jeder wissen können, was auf dieser Welt musikalisch existiert. (Bei Pro Musica Nova) ging es darum, durch das Festival darüber zu informieren, was die mittlerweile längst schon arrivierten Komponisten der Welt denn gerade machen: Stockhausen, Cage, Boulez. Kagel. Ligeti und so weiter. Dann gab es natürlich die vielen ganz jungen Komponisten, die wir hier vorgestellt haben.

MusikTexte 17, 33

Ungewöhnlich detailreich, fast möchte man glauben lückenlos, wird in New Music, New Allies Hans Ottes Wirken in Bremen beschrieben, ein Engagement, das weit über die Hansestadt hinaus ausstrahlte. Und hier kommt Walter Bachauer ins Spiel, der am 3. Dezember 1971 der Uraufführung von Drumming im Museum of Modern Art, New York beiwohnte – am 3. Dezember 2016 wäre Hans Otte 90 Jahre alt geworden.
 

In the audience at Otte’s legendary 1972 festival sat a RIAS employee named Walter Bachauer (1942-1989). In July 1972 he hosted a similar eight-day series of avant-garde concerts in West Berlin (11-18 July), subtitled „Spiel, Klang, Elektronik, Licht.“ For this ambitious event, Bachauer took advantage of the European tours of Cage, Tudor, and Reich and other Americans like Feldman and Rzewski who resided in Europe that summer. Following Otte’s plan, Bachauer presented concerts as well as exhibitions, tape demonstrations, and three seminar series. […] Like Otte, Bachauer framed his festival with Cage and Tudor, who gave the first concert as well as the last. Three concerts featured works by Feldman. […] Many critics agreed that for better or for worse, Reich’s Drumming stole the show.

New Musik, New Allies, 184

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 28. November 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

8 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Herbert Henck schaut in dér Sylvesternacht in meiner Sendung vorbei und spielt ein Stück aus DAS BUCH DER KLÄNGE.

    Eine Freude, Henck einst dieses „BUCH“ spielen zu hören, live in Duisburg in den Neunzigern. Da warst du aber nicht dabei, woll? („Woll“ sagt man nicht in Kronach.)

    Das wäre sonst unser drittes „gemeinsames“ Konzert gewesen … ich habe HH hinterher interviewt, ein schönes Gespräch, leider ist das Band verloren gegangen, ein OTON immerhin hat es in eine lang vergangene Nacht geschafft.

  2. Rosato:

    Der Westen ist weit entfernt vom Frankenwald. Das Konzert hätte ich gerne erlebt. Das HH-Interview würde bestimmt gut in die Sylvesternacht passen. Ich hab es leider nicht im Archiv :(

    In Kronach sagt man „Ja“ oder „Jawoll“.

  3. Hans-Dieter Klinger:

    ADDENDA

    1
    Die folgende kurze akustische Kostprobe kann die stilistischen Unterschiede im Œuvre Hans Ottes nur andeuten und ist natürlich nicht in der Lage, seine stilistische Entwicklung zu demonstrieren.

    Ausschnitte
    passages (Hans Otte, Klavier – Sinfonieorchester des SWF, Ernest Bour)
    Das Buch der Klänge 1 (Hans Otte, Klavier)

     
    2

    Zitate mit freundlicher Genehmigung durch Frau Gisela Gronemeyer
    Verlag MusikTexte, Köln

     
    3

    The emergence of minimal music in New York was followed closely by Tom Johnson in his weekly columns in the ‚Village Voice‘. In some cases, especially in the early ’70s, when the music was still largely unknown, his articles were the only published reports of events and premiers that are now of historical importance.

    The Village Voice ist Public Domain (highly recommended),
    zugänglich hier auf der Webseite von Tom Johnson.

    Seite 276/294: December 14, 1982 – Piano Man: Hans Otte
    Seite 20/294: December 9, 1971 – Steve Reich’s ‘Drumming’

    Tom Johnson war also wie Walter Bachauer Zuhörer bei der Uraufführung von Drumming.

  4. Michael Engelbrecht:

    What you do here, Hans-Dieter, is pure joyful work, and you know me so much to know that this is not to be meant „gönnerhaft“.

    Meiner Kniescheibe geht es besser, ich habe Glück gehabt, und humpele nur noch wenig. Die Bretagne war grandios, besonders die Galettes und der Cidre.

    Dennoch will ich bald wieder in die Nordwestern Highlands, und bei meiner Reise dorthin Robert Wyatt in Lincolnshire besuchen. I love talking with this guy. He’s such a wonderful being!

    Es kann nicht sein, dass du nicht seine Platte ROCK BOTTOM besitzt :)

  5. Rosato:

    KOINZIDENZ

    am Tag, als ich von deiner lädierten Kniescheibe erfahren habe, hat mich mein Freund Peter aus dem Krankenhaus angerufen und mitgeteilt, dass er bei Glatteis ausgerutscht sei: Fraktur der Patella.

    Am 3. Dezember waren Steve Reich, Tom Johnson und Walter Bachauer im gleichen Raum. Der 3. Dezember ist Hans Ottes Geburtstag.

    Am 3. Oktober hat Steve Reich Geburtstag. Am 3. Oktober ist einer meiner Freunde gestorben.

  6. Hans-Dieter Klinger:

    ASSOZIATIONSKETTE

    Jarrett – Haden – Motian, Hamburg ’72
    Meine Rezension bei Amazon wurde kommentiert von einem gewissen song_x. Das zeigte mir den Weg zu den Manafonistas
    Video NDR Jazz Workshop 1972
     
    Jarrett – Haden – Motian, München ARRI ’72
    Obwohl der Bayerische Rundfunk gleich um die Ecke zu Hause ist, hat nicht der BR mitgeschnitten, sondern
     
    Radio Bremen
    Ich frage mich, ob Hans Otte – damals Leiter der Musikabteilung von RB (nicht verwechseln mit BR !) – wenigstens ein bißchen dafür verantwortlich gemacht werden kann ?

  7. Michael Engelbrecht:

    „Woll“ heisst in Westfalen eher „nicht wahr!?“ :)

    Kleine Sprachkunde für Kronacher …

  8. Hans-Dieter Klinger:

    aha, isn’t it


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