Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 12 Nov

Radio hören

von: Hans-Dieter Klinger Filed under: Blog | TB | Tags: , | 6 Comments

Ich muss wohl ziemlich verwirrt drein geschaut haben, denn der Verkäufer versuchte zu erklären: heute speichere man mit USB-Sticks, die eine enorme Speicherkapazität hätten, deshalb sei es wohl auch bald mit den CD-Playern im Auto vorbei, schon heute wären die neueren Modelle ja bereits mit USB-Schnittstellen ausgerüstet. Smartphone anschließen und fertig … Jetzt wurde es mir doch zu viel. Ich erläuterte dem jungen Mann nun meinerseits die Sachlage. Er möge sich mal vorstellen, dass man in einem Leben zunächst das Spulentonband als Speichermedium erlebt habe, dann die Kassette, dann die Minidisc, dann die DAT-Audio-Tapes und nun soll die Zeit der CD als Speichermedium auch vorbei sein???

(aus Gregor öffnet seinen Plattenschrank, Folge 116)

 
 
 

 
 
 
Aus dem Jahr 1877 datiert der Beschluss der Stadt Kronach zur Errichtung einer vierstufigen Realschule – Vorgängerin des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums. Im November desselben Jahres stellte Thomas Alva Edison seinen Phonographen vor. Ich weiß nicht, wie das Musikleben zu Kronach im Jahr 1877 beschaffen war. So viel ist klar: Musik musste man selbst machen oder sich handgemacht und mundgeblasen vorführen lassen – in statu nascendi. Es sind seitdem kaum 140 Jahre vergangen, da werden Gregor – und nicht nur ihm – die Speicherformate im Schnelldurchgang gegeben und genommen.

Als ich Kind war, noch im Vorschulalter, war für mich die Musikwelt kaum anders geartet als 1877. Zu Hause wurde nicht musiziert. Wie es dazu kam, dass mich Musik gepackt und nicht mehr losgelassen hat, lag vermutlich daran, dass es doch ein wenig anders war. Wir hatten ein Radiogerät. Meine Lieblingssendung war der Landfunk. Ach was! Es war die einzige Sendung, die ich mir anhörte. Die Beiträge zu Ackerbau und Viehzucht habe ich ertragen, der eingestreuten kurzen Volksmusik wegen.

Mundgeblasenes gab es einmal im Jahr zum Schützenfest, wenn die Helmbrechts Marching Band zum Festplatz zog und den Tag im Bierzelt verbrachte. Man hätte mich vormittags vor der Kapelle abstellen und nachmittags abholen können. Abends im Bett habe ich dann selbst Musik gemacht, vokale Variationen über Blasmusik, autodidaktische Stimm- und Gehörbildung bis ich in den Schlaf fiel.

Mit dem Spiel eines Instruments begann ich recht spät, im Alter von 9 Jahren Violine, mit 13 Jahren Klavier. Mein drittes „Musikinstrument“ war ein Plattenspieler. Da war ich 14 Jahre alt.

Das Radio jedoch war das Fenster mit weiter Aussicht zu Klanghorizonten – viel später auch zu den Klanghorizonten. Drei West-Sender konnte man in der Region über UKW empfangen: anfangs nur den Bayerischen Rundfunk, seit den 60er Jahren RIAS. Der DLF stellte erst nach 1980 UKW-Stationen entlang der Zonengrenze auf.

Vier Moderatoren haben mir viel gegeben. Ich mag sie wegen ihrer Kenntnisse und ihrer sprachlichen Eleganz.

 

Karl Bruckmaier BR

Karl Lippegaus DLF

Michael Engelbrecht DLF

Walter Bachauer RIAS

 

This entry was posted on Samstag, 12. November 2016 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

6 Comments

  1. Hans-Dieter Klinger:

    Ha, Karl Bruckmaier ist im Manafonistas-Blog auffindbar. Da möchte ich gerne an der Vernetzung weiter knüpfen. Bruckmaier schrieb vor Jahren in der Süddeutschen Zeitung, dass Lambchop, Is A Woman „vermutlich eine der zehn besten Platten sei, die jemals gemacht worden ist“.

    Ich gebe zu, ich weiß das nur, weil die Welt eine Google ist.
     
    Walter Bachauer ist vor dem Blow-Up des Internet verstorben. Vermutlich deswegen findet man wenig über ihn im Netz. Seine RIAS-Sendungen, vor allem das Avantgardemagazin und Musicarium, sind legendär – wie es scheint jedoch nur für mich und ein paar ganz Wenige mehr. Recherchiert man mit den Suchworten „Avantgardemagazin Walter Bachauer“ bzw. „Musicarium Walter Bachauer“ im Internet, dann ist der Output kläglich. Offenbar ist kaum bekannt, welch immense Rolle Bachauer für das Musikleben Berlins (und weit darüber hinaus) gespielt hat.

  2. Michael Engelbrecht:

    Was für eine schöne Geschichte aus alter unvergessener Zeit!

    Danke für die Blumen!:)

    Ich bin nicht sooo oft einer Meinung mit Karl Bruckmaier, aber da hat er Recht :) Obwohl, das war natürlich ein grosser rhetorischer Coup, und für das Stilmittel der sanften Übertreibung gabs dann hier und da auch Retourkutschen, aber der Lambchop-Satz hat sich bis heute als geflügeltes Zitat gehalten, und Wirkung gezeigt.

    Ein besonderes Duell der Schlagfertigkeit würde sich ereignen, wenn KL und meine Wenigkeit auf einem Symposium eine Stunde Scott Walker diskutieren würden. Das sind wir äusserst konträr eingestellt. Ich bin sicher, das Duell würde unentschieden ausgehen.

  3. Jan Reetze:

    Den Bachauer vom RIAS konnten wir in Hamburg nicht empfangen, und der Trenkler vom WDR war ebenfalls außer Reichweite. Wir mussten uns mit Lutz Ackermann zufriedengeben. Wenigstens hatten wir manchmal Michael Naura.

    Den Landfunk schätzte ich insofern, als ihm die plattdeutsche Morgenandacht folgte, für mich später ein jahrelanges Objekt von Parodien. Und dann nicht zu vergessen den ellenlangen und in Zeitlupe gesprochenen Seewetterbericht, kurz nach Mitternacht. Pure Meditation. Und noch heute fasziniert mich die Vorstellung von nächtens in die Nordsee fallenden Schneeflocken.

    Was hätten wir in der norddeutschen Tiefebene nur ohne das englische Programm von Radio Luxembourg gemacht? Das war zwar reines Top-40-Radio, aber immerhin zeigten die, wie Radio geht, ohne Landfunk und mit Grabesstimme gesprochene Wasserstandsmeldungen.

    Wie sagt doch Woody Allen am Ende seines schönsten Filmes Radio Days: „I’ve never forgotten any of the voices we used to hear on the radio. Although the truth is: With the passing of each New Year’s Eve those voices do seem to grow dimmer and dimmer.“

  4. Michael Engelbrecht:

    Ich habe diesen letzten Satz aus RADIO DAYS gar nicht mehr in Erinnerung.

    Und möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass jüngst die BLUE BOX, so nenne ich sie, erschienen ist, mit allen Folgen von NORTHERN EXPOSURE / AUSGERECHNET ALASKA, engl./dt., hervorragend restauriert, und mit meinem Lieblingsradio-DJ Chris und seiner Show „Chris in the morning“. ich glaube aber, manchmal in diesen sechs, sieben Staffeln aus den frühen Neunzigern sitzt er auch abends in Cicely, Alaska, erzählt Stories, zitiert Walt Whitman, Freud u.v.a., philosophiert, und legt Platten auf.

    Übrigens: nur diese neue Edition hat die Rechte erworben, die komplette ursprüngliche Musik zu spielen.

  5. Hans-Dieter Klinger:

    Gregors 116. Blick in den Plattenschrank steht nicht von ungefähr am Anfang. Der Beitrag hat bei mir eine Reihe von Assoziationen ausgelöst: über die Flüchtigkeit von Musik und Wort, über das Festhalten, Verbreiten und Kennenlernen derselben. Einstieg in einen Fahrstuhl zur Vergangenheit (in die eigene, in nahe gelegene und weit entfernte).

    Ich verkaufe bald meine Tonbänder. Bevor ich mich von ihnen trenne, höre ich Aufnahmen, denen ich ich das Prädikat „wertvoll“ verleihe, noch einmal an und führe sie dabei in ein zeitgenössisches Format über.
     
     
    Am laufenden Band (1)

    Zurück zu meinen ersten radiophonen Eindrücken, zurück zur Volksmusik des Bayerischen Landfunks. Sie war bestimmt nicht Silbereisenhaltig, eher von dieser Art:

    Der wampert Gust (Zwiefacher)

    Der wampert Gust, wampert Gust mit sein Drum Bumbardon,
    wampert Gust, wenn der blåst, ham di leit Glust.
    Und wia no do sei Wamperl auf und nieda schutzt, nieda schutzt,
    s’Wamperl auf und nieda schutzt,
    ja des is a Lust

    Der wampert Gust, wampert Gust hot halt koa Årwadslust,
    weil’s n packt, hot er gsoggt, glei af der Brust.
    Abber blåsn ko:n er scho mit sein Drum Bumbardon, Bumbardon
    blåsn glei den ganzn Tåg,
    ja weil er’s gern måg.


    Bumbardon = Basstuba, Helikon, Sousaphon
    wampert = dickbäuchig, korpulent
    Glust = Lust, Vergnügen
    Wamperl = dicker Bauch
    auf und nieda schutzen = auf und nieder wackeln
    Årwad = Arbeit

    (aufgenommen ca. 1975)
     
     
    Am laufenden Band (2)

    Wild Man Fischer
     
    Zündfunk, ca. 1985, unvollständig. Den Moderator kann ich nicht identifizieren. Dem Bruckmaier hätte ich das zugetraut, er ist es aber nicht.

  6. Lajla:

    In K-Town lebte ich an einer günstigen Schnittstelle. In der Garnisonenstadt empfing ich AFN und Salut les compains, Radio Luxembourg und den Piratensender, später dann popshop vom SWF, für den ich mal ein Musikfeature machte, das mir viel Fanpost von Knackis :) einbrachte. In der Berliner Zeit natürlich am Sonnabend 12:00 Uhr Friedrich Luft, einer meiner Kulturpäpste.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz