Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2015 18 Jul

Transparenz

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 10 Comments

Das ist das Zauberwort für diese drei Platten (alle gibt es derzeit auf Vinyl), jedenfalls in meinen noch ganz frischen (Gefion), sehr lebendigen (Five Years Later) und etwas verschwommenen (Animato) Erinnerungen: Transparenz. Es zielt auf die Durchlässigkeit und Durchsichtigkeit des Raumes. Es wäre interessant, einmal die Erinnerungen an das erste Hören alter Platten zu sammeln (je tiefer der Höreindruck, desto umfassender die Gedächtnisspur).

Gefion erschien in diesem Jahr, und wurde von einigen Manafonisten mit Freude wahrgenommen (wieder und wieder gehört). Five Years Later erschien 1982, Animato 1990. Wirft man einen Blick auf die Besetzungen, zwei Trios, ein Duo, rücken die Zeiten noch näher zueinander. Altvertraute, wiederkehrende Namen, die Gitarre tonangebend. Ohne die Transparenz zu behindern.

Five Years Later war, der Titel deutet es an, die zweite Zusammenarbeit der Herren Towner und Abercrombie, und, bei allem Zauber, den der Anfang innehatte auf Sargasso Sea: das zweite Werk war aufregender, intensiver. Oft verhält es sich umgekehrt. Und der Zweitling entpuppt sich als Nachklang, Wiederholung, Musik mit vertrautem Instruktionsmanual. Nicht so hier.

In der Erinnerung hat das erste Stück die markanteste Spur hinterlassen, besonders diese eine Passage aus Late Night Messenger, die John Kelman so beschreibt: „Building to a first inevitable peak, Towner quickly shifts to a simple but effective preparation device—a matchbook, interlaced in the strings of his guitar near the bridge that makes it buzz—adopting a more percussive and propulsive underpinning to allow Abercrombie to take flight …“

Ich bekam diese Schallplatte, als ich in Bergeinöden wohnte (eine Geliebte, drei Häuser sind ein Dorf, ein Auto) – ich bestellte sie, via „jazz by post“ aus der Gleichmannstrasse 10, ein mehrstöckiges Geschäft mit Staubsaugern, Waschmaschinen und dem aufregendsten Jazz der Welt. An das erste Hören kann ich mich nicht genau erinnern, aber ich sehe die Lautsprecher vor mir, die grosse Gartenwiese, den Ausläufer des Hohen Bogens.

Wenn wir miteinander schliefen, lief eher Remain In Light oder On Land – Five Years Later verlangte eine andere Aufmerksamkeit als Listening Wind oder Dunwich Beach, Autumn 1960. Die Talking Heads hatten sich unter die Haut gespielt, und die Musik war wie der Sex mit H.  vollkommene Gegenwart. Die Zeit stand still, die Zeit zerfloss. Ich glaube, ich habe Five Years Later damals ohne Ausnahme alleine gehört. In meiner Kammer.

Acht Jahre später war ich wieder in der alten Heimat, und legte Animato auf den Plattenteller meines mittlerweile dritten oder vierten Plattenspielers. Ich weiss noch genau, wie durchscheinend das Klangbild war, und doch war da etwas, das mir nicht gefiel: lag es an den Farben von Vince Mendozas Synthesizer, an John Abercrombies Gitarrensynthesizer, ich weiss es nicht mehr. Hinkte die Musik den geheimnisvollen Suggestionen hinterher, die das Cover auslösten?

Die zwei Liegestühle von Five Years Later waren das perfekte Bild für die Musik – gut, dass in den Liegestühlen keine depressiven Figuren a la Edward Hopper lagen, die illusionslos ins Leere blickten. Ich fürchte, Hopper mochte Häuser, Leuchttürme und Tankstellen mehr als Menschen. Und nun, ein typisches ECM-Bild, auf Gefion, anno 2015. Eine Gestalt am Meer. „Looks like someone pissing in the wind“, sagte ein Freund.

Diese Platte des Gitarristen Jakob Bro (der Bill Frisell nähersteht als John Abercrombie oder Ralph Towner) funktioniert wie eine perfekte Erinnerungsplatte, allein, dass all diese Dejavues ins Offene treiben, nicht stranden oder eingekastelt werden von den erschöpfend abgehandelten Dingen der Welt.

Die Transparenz zeigt sich auch in Thomas Morgans Basstönen, in Jon Christensens Handhabung des Schlagwerks: noch reduzierter, noch weniger, noch mehr. Beseelt, animato. So the wind won’t blow it all away.

Die Verflüchtigung. Die Verlangsamung. Nun, auf dem sechsten Plattenspieler meines Lebens, landet, in der kommenden Woche Animato – seit Ewigkeiten habe ich die früh zurückgewiesene Musik nicht mehr gehört. Ich werde das frische Exemplar, wie damals, aus der Hülle holen. Und ich werde sie allein hören. Witzigerweise schauen mich von der Seite (vom Boden) vier maskierte Gestalten an, auch Remain In Light legte ich mir jüngst neu zu. Die alte, lang verlorene, Platte habe ich vielleicht sechshundertfünfundzwanzig mal gehört, allein 1982 befand sie sich im Dauerspielmodus.

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10 Comments

  1. Andreas:

    Lieber Michael,

    das weckt Erinnerungen aus dem sommer 82:

    remain in light
    Gismonti’s Folksong +Solo
    Gismonti’s Academia de Dancas
    Third World (now that we found love)

    diese Musik hat immer noch Bestand, die damalige Freundin nur noch in der Erinnerung, der VW Käfer seinerzeit schon auf Sardinien zu Schrott gefahren

    5 years later erst vor 5 Jahren zu mir gekommen :)))
    ( damals waren es das Münchener SOLO Konzert und DIARY )

    Animato schien mir schon damals nicht so überzeugend wie Current Events und auch heute ist mir bei aller Musikalität der 90er Opus zu sound geprägt.

    Jakob Bro ist für mich ein Versprechen der Zukunft, das Gitarrentrio lebt noch !

    p.s. seine Quartet und Quintett aufnahmen auf loveland records nicht zu vergessen

  2. Michael Engelbrecht:

    Schöne Parallelen, Mein Sommer 68 war der Sommer 82, und mein Woodstock fand in Nürnberg statt, mit Jethro Tull, King Crimson (Discipline-Besetzung)) und Neil Young with Crazy Horse und Nils Lofgren.

    Und, genau, eine Erinnerungsmusik, die einen ganz in der Gegenwart aufgehen lässt, ist ein Versprechen für die Zukunft:) – Hatte gestern Julian Barnes‘ „Das Ende einer Geschichte“ ausgelesen, und das brachte meine Erinnerungsmaschine in Gang.

    Ich hoffe, ich liege nicht so falsch, wie der Protagonist des Romans – an dem Roman mossfiel mir, neben vielen fasinierenden Dingen eins massiv: die Tendenz der Beteiligten, sich selbst niederzumachen. Vielleicht was Calvinistisches.

  3. Andreas:

    Ja, die Katholiken haben es da einfacher: Mist bauen und dann beichten ;)

    speaking of literature, mir fällt von damals immer wieder mal Peter Henisch: Die kleine Figur meines Vaters
    ein.
    Damals habe ich es sehr gemocht, keine Ahnung ob es mich heute noch berühren würde.

  4. Michael Engelbrecht:

    Den Namen höre ich zum ersten Mal: mein „geheimes“ Lieblingsbuch der 70er (?) war Guntram Vespers „Nördlich des Hasses und südlich der Liebe“ oder umgekehrt. Den kennt kaum einer.

    Die Geschichte im Bayerischen Wald war schon sehr speziell. Ich war da knapp zwei Jahre, harte Arbeit in der Suchttherapie. Für einen Urdortmunder war dieser Grenzbereich zur ehemaligen Tschechoslowakei sowas wie in der deutschen Literatur jener Jahre ein Ort a la Fairbanks, Alaska.

    Die Seelennahrung liefertrn vor allem ECM, Eno, die Talking Heads. Ich weiss noch, wie ich SOLO von Egberto Gismonti in einer Ubahnunterführung in München kaufte und mit den Händen über das besondere, geriffelte Cover strich.

  5. Michael Engelbrecht:

    P.S. Ich bin sehr gespannt, wie ich ANIMATO demnächst erleben werde. Normalerweise decken sich in der Musik bei mir erste und letzte Eindrücke, egal, wieviele Jahre dazwischen liegen, bei Filmen und Büchern ändern sich Wahrnehmungen viel stärker.

  6. Andreas:

    Vesper kenne ich nun wieder nicht. (noch)

    Meine ästhetische Erziehung , nicht nur was die Musik betrifft, sondern damals eben auch durch die Haptik und spezielle Gestaltung der Cover, fand für mich als Oberhausener (quasi ‚umme ecke‘) auch nicht unwesentlich durch ECM statt.

    Vor 2 Jahren gab’s dazu übrigens eine interessante Ausstellung im Münchener Haus der Kunst.

  7. Michael Engelbrecht:

    Wieso ich da nie auftauchte, in München, ist mir bis heute ein Rätsel.

  8. radiohoerer:

    Mein Rundgang durch diese ECM Ausstellung mit Walter Meier, war sehr bedeutungsvoll. Zum einen traf ich einen Radiomenschen dort persönlich und dann wurde mir bewusst, wieviele ECM Platten ich in den Händen gehalten habe und gehört. Die Anzahl derer war beeindruckend. Allein dieser Raum mit den ganzen original Bändern … Wahnsinn. Das Plakat mit Don Cherry hängt noch immer in meinem Zimmer …! ECM war ein Teil meiner Hörgeschichte.

  9. Michael Engelbrecht:

    Kann ich gut verstehen. Und am 15. August gibts in meiner, das ist ja schon fast skurrill, fünfstündigen „Liveshow“ „Klanghorizonte“ natürliche das Neueste aus dem Haus Eicher (von den Werken natürlich nur, die mir sehr gut gefallen). Ich werde meine Crepemaschine mitbringen, und im Studiio drei Galettes Comeplete(s) anrichten! Auf den Cidre muss ich natürlich verzichten…

  10. Henning Bolte:

    Und Bros neuestes Werk natürlich, auch auf Loveland:

    HYMNOTIC / SALMODISK

    http://jakobbro.com/web/album/hymnotic-salmodisk/


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