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2014 28 Sep

Böenbläser, mach nicht so viel Wind.

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 6 Kommentare

Sie hatte irgendwo gelesen, dass die Japaner den Wind als Waffe eingesetzt hatten.

Im 2. Weltkrieg hatten sie Hunderte von unbenannten, mit Bomben bestückten Wasserstoffballons, die bis nach Nordamerika geflogen und dort explodiert waren, benutzt. Sie erinnerte sich an Bilder aus dem Alten Testament, wo Gott auf Winden in die Wolken schwebt, um von dort aus sein Volk durch seinen Atem zu bestrafen. Jeden Tag schaute sie zuerst nach der Windlage, wie sie wohl heute mit ihm in Berührung treten würde. Ein Mediziner hatte ihr einmal erklärt, dass der menschliche Körper von einer dünnen Luftschicht umhüllt sei, die zur Isolierung diene, jederzeit aber vom Wind durchdrungen werden könne.

Sie wusste, dass sie auf ihren Wärmeaustausch achten musste. Wenn sie ungeprüft den launischen Winden ausgesetzt war, empfand sie eine leichte Brise als körperliche und geistige Stärkung. Vor den Attacken der unberechenbaren Winde aber fürchtete sie sich. Südwinde verursachten ihr Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit, vom Nordwind bekam sie schutzlos Husten und Halsschmerzen. Auf einem ihrer letzten Rückflüge von Italien nach Deutschland traf sie ein fürchterlicher Wind: der Tramontana.

Sie hatte einmal bei Raymond Chandler gelesen, dass in Nächten, in denen er weht, fügsame Ehefrauen die Schärfe des Tranchiermessers prüfen und den Hals ihres Mannes mustern. Der Tramontana ist so ein giftiger Fallwind. An dem abrupten Übergang der Alpen zur Poebene hin kann er sich in einen unberechenbaren Sturm verwandeln, zu Boden stürzen und in der Ebene eine stehende Luftwelle bilden, ähnlich wie ein Brecher, der bei starker Strömung über eine Sandbank im Meer schäumt.

Sie hatte nicht mit starken Turbulenzen gerechnet. Sie war sofort betäubt. Sie wusste, dass starke Fallwinde immer Schaden verursachen. Sie versuchte, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihr laienhaftes Wissen über Winde zu richten, um sich zu beruhigen. Sie hoffte, dass der Pilot nicht unvorbereitet von den Luftschichten und den Scherungen des Windes getroffen worden war. Er musste doch jetzt die Maschine in die vorteilhaftesten Windströmungen steuern. War er geschickt genug, um die unterschiedlichen Druckverhältnisse der aufgewirbelten Luft zu umfliegen?

Sie dachte an Saint Exupéry: Wind, Sand und Sterne. Dort hatte er beschrieben, wie Luftschichten in Bodennähe aufgewühlt werden, hochsteigen und extrem tückisch wieder abfallen. Beim wiederholten Male des fast absackenden, zitternden Flugzeugs hatte sie sich aufgegeben. Sie phantasierte, sie sei eine Wellenreiterin, die sich ganz mit dem Wind, so wie es ihm gefiel, treiben ließ.
 
Will the Wind Ever remember
the names it has blown in the past …
It whispers „No, this will Be the last.“
And the Wind cries Mary …

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 28. September 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

6 Kommentare

  1. Norbert:

    Ist das ein Zitat, ein Auszug aus einem Buch? Wenn ja, welches? Danke.

  2. Lajla nizinski:

    Nein, kein Zitat. Ich hatte im Urlaub ein Buch über Winde gelesen. Mein Rückflug war wirklich der Horror. Daraufhin las ich noch einmal in dem Buch „Vom Wind“ von Jan DeBlieu die Stellen über den Fallwind nach.

  3. Michael Engelbrecht:

    Lajla, da haben wir ja bald eine schöne Sammlung von Hororstories für Sylt zusammen!
    Die Elemente toben :)

  4. Lajla nizinski:

    Ja wirklich. Uns treffen die Gewalten.
    Sylt hat aber dank ihrer die schönsten Dünen, die ich je gesehen habe.

  5. Martina Weber:

    Bin sehr beeindruckt von der Poesie dieses Textes, Lajla. Und auch von den Gedanken über die Bedeutung des Luftaustausches für den Körper. Ich spüre das sehr gern beim Fahrradfahren. Ob Jan DeBlieu sprachlich auch inspirierend schreibt? Fachbücher können durchaus auch gut geschrieben sein.

  6. Lajla Nizinski:

    Martina, ich glaube ich habe mit diesem Text versucht, dieses Horrorflugfeeling aus mir raus zu schreiben.
    Ja das stimmt, Fachbuecher koennen manchmal ganz schoen packend sein. Jan DeBlieu schreibt sprachlich eher arm. Aber das Fachliche gelingt durchaus praezise.


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