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2014 26 Apr

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (69)

von: Gregor Mundt Filed under: Blog | TB | 1 Comment

Julio Cortázar

 
Am 18.3.2014 fuhr ich von Freiburg nach Stuttgart, auf der Autobahn, keine besonderen Vorkommnisse. Das Radio hatte ich so geschaltet, dass sich nur der Verkehrsdienst melden konnte, also SWR1, sonst nicht gerade mein Sender. Um 22:00 Uhr wollte ich dann doch Nachrichten hören und drehte den Lautsprecherpegel hoch.

In Erwartung der Verkehrsnachrichten am Ende der Nachrichten, war ich denn doch erstaunt, ja geradezu total von den Socken, dass ebendiese nicht gesendet wurden, stattdessen wurde die Sendung Der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar | Von Eva Karnofsky angekündigt. Hallo? Wie geht das denn? Plötzlich hörte ich SWR2, ein Sender, der nie Verkehrsnachrichten bringt und den ich auch nicht eingeschaltet hatte. Cortázar, der Meister der fantastischen Geschichten, hatte mir eine unglaubliche Stunde beschert und ich habe – ich schwöre – den Sender nicht verstellt … das glaubt mir keiner, es ist aber wahr, echt! Julio Cortázar hätte am 26.August 2014 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert; er starb vor 30 Jahren, am 12.Februar 1984 in Paris.

Es gibt also in diesem Jahr gleich zweimal Termine um Anlass zu sehen, diesen fantastischen Autor mit Neu- und Wiederveröffentlichungen zu ehren: Im März dieses Jahres legte der Suhrkamp-Verlag zum Beispiel Die Autonauten auf der Kosmobahn: Eine zeitlose Reise Paris – Marseille neu auf. Bereits im Oktober letzten Jahres erschien die Studie Die Rolle des Jazz „Rayuela“ von Julio Cortázar im Vergleich zur Rolle des Jazz in Antonio Muñoz Molinas Roman „El invierno en Lisboa“. Und natürlich war auch die für mich überraschende SWR-Sendung den festlichen Anlässen geschuldet.
 
 
 

 
 
 
Während dieser Sendung konnte ich Julio Cortázar im Original hören, er sprach von seiner Geburt:
 

„Die Umstände meiner Geburt waren überhaupt nicht ungewöhnlich, aber doch ein wenig pittoresk, denn die Geburt fand in Brüssel statt, obwohl sie genauso gut in Helsinki oder Guatemala hätte stattfinden können. Alles hing von dem Posten ab, den man meinem Vater in dem Moment gerade zugewiesen hatte. Die Tatsache, dass er gerade geheiratet hatte und quasi auf Hochzeitsreise nach Belgien kam, führte dazu, dass ich in Brüssel geboren wurde, und zwar genau in dem Moment, in dem der deutsche Kaiser und seine Truppen dabei waren, Belgien zu erobern. Das hat mir meine Mutter erzählt. Meine Geburt war höchst kriegerisch, mit dem Resultat, dass ich einer der pazifistischsten Menschen wurde, die es auf diesem Planeten gibt.“

 
An anderer Stelle der Sendung erinnert sich Carlos Fuentes an ein Erlebnis mit Cortázar:
 

„Wir fuhren im Dezember. In einem Nachtzug von Paris nach Prag. Wir schliefen nicht, denn wir verbrachten die Nacht im Speisesaal mit Julio Cortázar, der sich der Geschichte des Jazz widmete. Cortázar wusste sehr viel über Jazz. Also erzählte er uns zwischen dem Pariser Gare de Lyon und dem Prager Bahnhof die Geschichte des Jazz, beginnend mit ihren Anfängen, Kapitel für Kapitel, Trompeter für Trompeter. Und Sänger für Sänger. Er wusste absolut alles. Das ist das Geheimnis von Cortázar: Er wusste immer viel mehr als alle anderen. Und er hatte den Takt, das nicht zu zeigen.“

 
1979 erschien in Frankreich eine Tango-Langspielplatte, deren Texte von Julio Cortázar stammen. Die Musik schrieb Edgar Cantón. Diese Platte fehlt natürlich in meinem Plattenschrank, nun werde ich mich einmal mehr auf die Suche begeben. Ein Song wurde in der SWR-Cortàzar-Sendung übersetzt, Las veredas de Buenos Aires:
 
 
Als Jungs nannten wir ihn den „Bürgerstieg“
Und es gefiel ihm, dass wir ihn mochten,
Auf seine leidgeprüften Huckel zeichneten wir
So viele Rayuelas.
Später, schon mehr Raufbolde, bewegten wir uns
tanzend ums Eck mit der Gruppe,
Laut pfeifend, damit die Blonde
Aus dem Laden mit ihren schönen Zöpfen
Ans Fenster käme.
Eines Tages musste ich sehr weit fortgehen
Aber nie vergas ich die „Bürgerstiege“
Hier oder dort, ich spüre sie
Wie die treue Umarmung meiner Heimat.
Wie viel würde ich gehen, bis ich
sie wiedersehen könnte.
 
 
 

 
 
 
Und hier kann man ein Manuskript der Sendung herunterladen oder sich die Sendung sogar noch anhören. – Noch eine gute Nachricht: es ist möglich einige Stücke aus der LP von 1979 auf Youtube zu hören, einfach Julio Cortázar und Edgar Cantón eingeben und schon erklingt zum Beispiel Las veredas de Buenos Aires.

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1 Comment

  1. Martina:

    Danke, Gregor, für den Hinweis auf die Radiosendung. Ich habe sie gerade gehört.
    „Wie alle erwählten Geschöpfe des Abendlandes, begnügt sich der Roman mit einer geschlossenen Ordnung. In entschlossener Opposition auch hier die Öffnung suchen und zu diesem Zweck jegliche systematische Konstruktion von Charakteren und Situationen mit der Wurzel ausrotten. Methode: Ironie, unablässige Selbstkritik, Inkongruenz, Phantasie in niemandes Diensten.“ (Cortázar: Rayuela, aus dem 79.Kapitel)


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