Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Herzlichen Glückwunsch, lieber Jazzfreund, wenn Sie dieses Trioalbum besitzen, in knisterndem Vinyl, Sie haben eine Rarität in Händen, ein lang vergriffenes Stück Historie, einen kleinen Meilenstein. Ich bekam diese Platte, wenn ich mich recht entsinne, von Jazz by Post zugeschickt,  meinem Pasinger Stammlieferanten für aufregenden Jazz in den 70er und frühen 80er Jahren. Jetzt habe ich dieses Werk wiederentdeckt, als ich Gregors Plattenschrank öffnete. Nach magischen schwäbischen Maultaschen. Offensichtlich habe ich es bei einem Umzug verloren, und all die Erinnerungen an diese vor viel zu langer Zeit letztmals gehörte Musik  strömten herbei. Carol Goss hat das Cover mit schneller Hand gezeichnet, in kurzer Zeit den Ideen in ihrem Kopf nur flüchtigen Halt geboten. Paul Bley hatte damals  ein eigenes Schallplattenlabel ins Leben gerufen,  Improvising Artists Inc. (I.A.I.), in welchem er  (naheliegend, weil ohnehin sein Ding) Elemente der  ECM-Ästhetik mit der eigenen Lust an poetischer Freigeisterei kurzschloss. Bei diesen Zeilen wird mir die Erinnerung womöglich mehrere Streiche spielen, doch ich müsste mich sehr täuschen, wenn sein Solo-Piano-Album „Alone, Again“ nicht auf I.A.I. erschienen wäre: ganz nah kam es heran an den Zauber seines Klassikers „Open, To Love“ (ECM). Ein Meister der Andeutung, der Pausen, des Ausschwingens einzelner Töne.  Auf „Open, To Love“, erzählte er mir früh in den Neunzigern, in einem Bremer Hotel, wollte er (neben allem, wer da eine Rolle spielte, Carla (Bley), Annette (Peacock), ihre Präsenz, ihre Schatten, ihre kargen Kompositionen), die Hüllkurven von elektronischen Sounds auf dem Flügel nachempfinden. Aber zurück zu der Platte, die ich bei  Gregor endlich wieder in Händen hielt, und die in einer „pianistischen“ Ausgabe der Klanghorizonte im März auftauchen wird: „Quiet Song“ ist ihr Titel, und Sie sollten, statt jetzt eine Rezension zu erwarten (in der dann Worte auftauchen würden wie „skelettiert“, „leuchtend“, „Gesänge“, aber  natürlich auch „Jimmy“ und „Bill“, dessen schönstes Soloalbum „Swimming With A Hole In My Body“ bitte bald von ECM wieder ans Tageslicht befördert werden möge), sich langsam, aber sicher auf die Suche machen nach dieser Produktion, vorausgesetzt, Sie mögen flüchtige Töne! Und lyrischen Kammer-Free-Jazz!

This entry was posted on Freitag, 24. Januar 2014 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

2 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ich weiss nicht mehr, ob Paul Bley in jenen Interview wirklich den englischen Azsdruck für „Hüllkurven“ verwendete, eher wird er von „decay of sounds“ gesprochen haben, aber sicher ist das auch nicht.

  2. Gregor:

    Die Platte Alone Again von Paul Bley erschien bei DIW Japan und – in der Tat – bei Improving Artists.
    Ich habe die japanische Ausgabe mit japanischen Textblatt beiliegend. Aufnahme am achten und neunten August 1974 in Oslo, in den Bendixen Studios. Auf der Platte befindet sich eine umwerfende Version von Ojos De Gato von Carla Bley …


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