Manafonistas

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2013 11 Jul

Chez Janou – eine Begegnung mit Robert Wyatt

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 6 Comments

Paris für einen Tag, eine kurzfristige Einladung von Robert Wyatt, der dort eine Vokalaufnahme machte für ein neues Album des Cellisten Vincent Segal. Ich fuhr direkt vom Gare de l’Est zum Tonstudio im jüdischen Viertel. Die Begrüssung war herzlich. Das erste grosse Interview machte ich mit Robert 1991 in einem Londoner Hotel, der Anlass war DONDESTAN. Das zweite Interview fand 1997 in einer relativ ruhigen Ecke der Queen Elizabeth Hall statt, der Anlass war SHLEEP. Das dritte Interview war vom Ambiente her kaum zu übertreffen: Robert, seine Frau Alfie und ich sassen auf der Bühne im holzvertäfelten Purcell Room (in dem sonst gerne Kammerkonzerte aufgeführt werden) und sprachen über CUCKOOLAND. Am heissesten Sommertag des Jahres 2003, abgeschieden von aller Welt, das Publikum bestand aus einem Mann vom Security Service. Jahre später sprachen wir dann am Telefon über sein Album COMIC OPERA. (In aller Bescheidenheit weise ich darauf hin, dass es ein Fehler sein könnte,  solche Melancolica ungehört an sich vorüberziehen zu lassen.)

 
 
 

 
 
 

Jetzt also Paris. Die Arbeit am Stück war fertig, es fehlte nur noch die Abmischung. „Chez Janou“ heisst der Song, besser, das Chanson, und schon beim Hören der rohen Fassung schmolz ich dahin: Robert Wyatt singt den französischen Text mit einer Anmut ohnegleichen, mit punktgenauer Zerbrechlichkeit. Die schmeichelnde Melodie stammt allerdings vom Cellisten, der offensichtlich die Robert Wyatt’sche Liederwelt gut kennt. Nur Gesang, Segals Cello in zwei Spuren übereinander geschichtet, und im Mittelteil ein paar asketische Farbtupfer von Roberts Trompete – keine Keyboards, keine Perkussion. Der Song erzählt vom Verschwinden des Zeitgefühls, wenn man sich eine Weile in diesem alten Bistro, das „Chez Janou“ heisst, einfindet. Die Hauptperson des Liedes beschreibt, wie die Uhren langsamer gehen, sich rückwärts drehen, kurz gesagt: jemand richtet sich in einem geträumten Stillstand der Zeit ein. Robert kennt sich damit aus, einem schwankenden Zeitempfinden nachzuspüren. Unvergessen sein Lied, in dem er den verschwundenen Jazzclubs von Paris nachspürt. Leider wird das Werk mit Roberts Gastauftritt erst 2014 erscheinen. Wer Vincent Segals Spiel näher kennenlernen möchte, sei auf die Duo-Arbeit CHAMBER MUSIC (mit Ballake Sissoko) hingewiesen, und auf Segals Mitte August erscheinendes Soloalbum T-BONE GUARNERIUS).

 
 
 

 
 
 

Robert und Vincent fanden es eine gute Idee, nach unserem Interview ins selbige Bistro zu gehen. Es findet sich nicht weit vom Studio, in der Rue Roger Verlomme. Die nächstgelegene Metrostation ist „Chemin Vert“. Es ist wirklich ein Bistro, das einem wie ausgedacht oder geträumt vorkommt. Wir tranken erst mal einen Pastis, wofür dieser Ladem berühmt zu sein scheint, schon im Lied erklang der Name dieser Spirituose des öfteren im Refrain. Dieses Bistro hat 80 Pastis auf der Karte, unglaublich. Von den Wänden lachen uns freundlich gesonnene Filmfiguren an, der Patron geht mit einem Bonbonglas von Tisch zu Tisch. Er kennt Vincent Segal seit vielen Jahren und freut sich über die Hommage. Die Speisekarte ist im übrigen sehr südfranzösisch. Mir schmeckt das Margret de canard au romarin köstlich, ein Entenbrustfilet mit Rosmarin. Eine Mousse au chocolat wird immer wieder in einer grossen Glasschüssel vorbei gebracht, jeder kann sich nach Herzenslust bedienen. Wir reden über Gott und die Welt. Die Zeit scheint wirklich etwas langsamer zu ticken, und es tut mir in der Seele weh, auf die Uhr zu schauen, und meine Rückfahrt in Angriff nehmen zu müssen. Aber nächste Woche bin ich wieder hier, und werde die Fotos dieses lauschigen Plätzchens nachreichen.

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6 Comments

  1. R3c.Kid:

    ….die Gleichzeitigkeit der Dinge ! Ich habe mir in der letzten Woche antiquarisch das Buch „Die Stille im Kopf“ von Karl Lippegaus gekauft und habe es nicht aus der Hand legen können. (Man kann das Buch auch immer wieder zur Hand nehmen; blättern, sich vertiefen). — Die Begegnung mit Robert Wyatt die dort geschildert wird („Old Rottenhat“ war gerade erschienen)hat mich sehr berührt.

  2. Michael Engelbrecht:

    Na, dann wirst du ja demnächst vieleicht auch bei den Robert Wyatt-Platten fündig, die berühren noch mehr:) – aber wahrscheinlich kennst du die auch schon…Gregory wird hier irgendwann noch (hoffentlich bald!) erzählen, was passierte, als ich ich ihm während seiner Sommerferien ein brandneues Album von Robert nach Frankreich nachschickte, das erst Wochen später erscheinen sollte. G. ist der grösste mir bekannte Robert Wyatt-Fan aus dem Schwäbischen.

  3. Nancy Bishop:

    I studied abroad in Paris for a semester last Spring, and Chez Janou was my go-to restaurant when I had visitors or wanted a nice meal without breaking the bank. The ambiance is great, and it’s a true French feel– although it can get pretty noisy due to its popularity, so go early if you’d prefer a quieter meal. I would highly recommend making reservations, and they only take them at 2 times, I think at 7:00 and at 10:00. It’s a great place to go with a group or on a date. The food is great– my personal favorites are the salad with shrimp, avocado, and grapefruit, as well as the scallops risotto. Also, a little fun fact– I once saw Reese Witherspoon and Jake Gyllenhaal there… which was surprising, because it’s not particularly fancy or a celebrity hangout… It’s just a great ambiance and good food!

  4. Henri Verlain:

    Great forthcoming album:

    “I always dreamt of an intimate record revealing our particularly erratic life as a musician. The movie “Steps across the Border”, the demos of the English Band X.T.C., Exile on Main Street, and Duke Ellington, lonely in the hubbub of his musicians, packing their instruments and leaving the studio, gave me the necessary swing for the making of this record.” Vincent Segal, October 2002.

    Cellist for all fields with Mathieu Chédid, Dick Annegarn, Nana Vasconcelos, Susheela Raman, Blackalicious or Elvis Costello, Vincent Segal is one of the most elusive musicians of his generation. Bumcello, his duo with the drummer Cyril Atef, hustled all French stages for the past three years.

    His first album “under his own name” had to be up to a persistent dynamiter reputation. Hidden under the colorful pseudonym “T-BONE GUARNERIUS”, Vincent recorded with his eight companions an “UFOs-album, a kind of crazy road-movie, both lived and dreamt, recorded live in selected locations and atmospheres according to the different tunes and Mr. Guarnerius’ imagination (a chapel surrounded by the sea, the Place des Vosges arcades, a section of the Porte de Bagnolet ring road…)

    T-Bone Guarnerius: album by Vincent Segal (cellos) with Magic Malik (song and flute), Seb Martel (guitar), Piers Faccini (song and guitar), Mama Ohandja (song), Glenn Ferris (trombone), Vic Moan (song and mandolin), Gilles Coranado (guitar), Pascal Palisco (accordion).

  5. Gregor:

    Die Geschichte ist so schön, ich möchte sie fast glauben, nein, ich glaube sie jetzt einfach mal, egal!

  6. Michael Engelbrecht:

    Ist schon wahr, Gregor, fast unglaublich, aber eben nur fast. Mir kam dieser Tag auch etwas surreal vor. Schade nur, dass der Song erst 2014 erscheinen wird, auf einer CD mit dem Arbeitstitel „Duets“, die diverse Sänger(innen) an der Seite Segals präsentiert, unter anderem auch Andy Partridge von XTC, von denen er ein grosser Fan ist..


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