Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2013 6 Feb

Big Bang

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , 3 Kommentare

Die mit dem Älterwerden verbundenen Unannehmlichkeiten würde man allzu gerne in einer Fußnote abhandeln oder frühmorgens auf einer To-Do-Liste streichen, um den restlichen Anforderungen des Tages dann mit flexiblem Tai Chi zu begegnen. Wo die Gefahr wächst, da wüchse das Rettende ja auch, tröstete Philosoph Heidegger und wir wollen es gerne glauben. Zuspruch und Zeugenschaft findet man bei so manchem Zeitgenossen. David Bowie etwa fragte gerade altersweise: „Where are we now?“ – und auf sein neues Album, das am elften März erscheint, darf man sich freuen, auch weil dort Gitarrist David Torn seine Finger im Spiel hat. David Sylvian sang auf Manafon die Zeilen: „Its not just the boredom, its something endemic – its the fear of disorder, stretched to its limits.“ Wo Utopia war, wird Entropia? Schöne Aussichten! Zur bevorzugten Literatur dieses Themas zählen Jean Amerys Über das Altern – Revolte und Resignation, ferner Der Knacks von Roger Willemsen und Silvia Bovenschens Älterwerden. Soeben von einem Zahnarzt kommend, der mir langfristig keine guten Aussichten prognostiziert, halte ich in der linken Hand deren Buch, in der Rechten ein Kühlpack, und lese:

„Jetzt, 2005, habe ich die Vorstufe zu Big Bang erreicht. Ich bin permanent beim Zahnarzt. Auf dem zurückgekippten Stuhl (…) denke ich an eine Geschichte, die mir meine Freundin (…) vor Jahren erzählte. Sie handelte von einem Mann, der sich erschiessen wollte, weil ihn die tägliche Zahnputzprozedur so langweilte. Das hatte mir sofort eingeleuchtet. Daher komme ich jetzt zu dem absurd tröstlichen Schluß: Je weniger echte Zähne du haben wirst, desto kürzer wird diese Prozedur dauern. Dann aber fällt mir ein, dass für Jean Amery, in seinen angenehm unbeschwichtigenden Ausführungen zum Älterwerden, allein die Aussicht auf einen partiellen Zahnersatz die Altersniederlage einläutete.“

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 6. Februar 2013 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Gregor:

    Hast du gewusst, dass ich gerade 60 Jahre alt geworden bin oder warum dieser Artikel gerade jetzt? Auf die neue Bowie freue ich mich auch, ein Lied war ja vorab schon zu hören … Übrigens: „Der lange Atem“ hat mir sehr gut gefallen!

  2. Jochen:

    Mein Beitrag war tatsächlich allein dem vorangehenden Zahnarztbesuch geschuldet! Dass du heute Geburtstag hast, wußte ich nicht. Dann also auf diesem Wege, lieber Gregor: Alles Gute, einen langen Atem, weiterhin viel Freude mit der Musik, beim Fussball (-gucken) und mit vielen anderen Dingen!

  3. Gregor:

    Danke, lieber Jochen. Heute war der Geburtstag zwar nicht genau, er war am 3.2., hat aber trotzdem gepasst.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz