Manafonistas

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2011 10 Jul

Der halb gefrorene Fisch auf Lanzarote

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Tags:  1 Comment

Michael Connelly schreibt Thriller. Ich hatte zwei Romane des Amerikaners im Gepäck, als ich vor Jahren, Anfang März, in den ewigen lanzarotinischen Sommer flog. Lanzarote garantiert ein immenses Aufkommen an krisensicheren Ehepaaren, glücklichen Kleinfamilien und entspannten Senioren. Man fliegt nicht dorthin, um sich zu verlieben. Oder Abenteuer zu erleben. Aber man kann auf Kamelen reiten und Kaktusgärten fotografieren.

Seitdem ein reaktionärer Bürgermeister die Tore des alternativen Musikfestivals (musica visual) vor etlichen Jahren schloss, spielt ein Arve Henriksen, ein David Darling, ein Brian Eno  hier nicht mehr. Die Vulkanmusik von Eno und Schwalm – tempi passati. Trinkt man seinen Michkaffee in dem atmosphärischen Bistro der Cueva de los verdes, hört man zuweilen vertraute Ambient Music durch die Luft geistern.

Meine Urlaube dort (wenn ich solo hinfliege) sind geradzu ritualisiert: ich miete ein Appartment in der Rummelstadt im Süden der Insel, und schwärme täglich von dort mit dem Auto aus. Zum Beispiel in  den Norden, zu dem Surfer-Strand, wo alljährlich ein paar Menschen wie du und ich von der Strömung in den Tod gezogen werden. Almodovar (oder Aldomovar, verwechsle ich immer noch!) drehte dort eine Filmszene. In dem kleinen Dorf neben dem Strand gibt es köstliche gegrillte Seezungen. In dem Urlaub war Michael Connelly mein ständiger Begleiter. Der Detektiv Harry Bosch war ziemlich hart drauf, auf der Suche nach einem Serienkiller in Los Angeles. Ich las die beiden Bücher im Original, ich sprach kaum  mit einem Menschen, ausser wenn ich „aqua minerale sin gas“ erbat oder eine Bestellung bei meinem Lieblingsitaliener aufgab (der Orangensaft in der Tratoria Neapoletana ist der beste der Welt; die Orangen kommen aus Afrika, es gibt eisgekühlte, kühle und warme Areale in dem Glas mit den frisch gepressten Früchten), aber ich schweife ab.

Die englische  Sprache wurde zu meiner Muttersprache für zwei Wochen – ich träumte schon englisch,  einmal irrte ich durch den „Echo Park“ und fand eine verweste Leiche –  mit der kleinen Besonderheit, daß ich immer tiefer eindrang in die „Cop-Sprache“ Kaliforniens: innerhalb kurzer Zeit, und dank Michael Connelly, hätte ich mich leicht unter die „private eyes“ der West Coast mischen können und kluge Befragungen nach Verschwundenen durchführen können. Meine Studienzeit in Würzburg hatte ich einst finanziell gut aufgestockt durch meine Mitarbeit in einem Detektivbüro: natürlich hatte ich keine Lizenz, aber die kleinen Jobs waren es wert, vorrangig waren es Beschattungen, die mich einmal sogar in die Provence führten.

Aber das ist eine andere Geschichte, wieder schweife ich ab.  Denn in diesem Urlaub traf ich auf einen echten Schurken. Nichts Böses ahnend, machte ich halt in dem kleinen Fischerort Orzola und hockte mich auf die Veranda eines mir bis dahin unbekannten Restaurants. ich bestellte gebratenen Thunfisch mit kanarischen Kartoffeln. Der Lanzarotekundige unter euch weiß,  das es dort  zu sehr vielen Gerichten  grüne und rote Sauce gibt, eine Spezialität, die man vor Ort auch in Fläschchen kaufen kann. Aber immer ist der Geschmack etwas anders, die Konsistenz von zäh bis dünnflüssig, das Ewiggleiche hält eine erstaunliche Vielfalt bereit. Nun denn, der Wirt bediente mich persönlich und servierte mir nach einer längeren Wartezeit meinen Thunfisch.

Ich fing mit den Kartoffeln an, testete die grüne und die rote Sauce auf ihre besondere Geschmacksnote, und kostete von dem Thunfisch. Er war noch halb gefroren. Ich rief den Wirt herbei und wies ihn daruf hin. Er sagte, er würde den Thunfisch noch einmal in die Pfanne tun (wir sprachen englisch miteinander). Ich sagte, nein danke, von dem Fisch esse ich nichts mehr. Und dass ich  kein Fan von einem Restaurant sei, in dem ein Fisch zweimal die Pfanne erblicken müsse (die Sprache ist hier etwas zu literarisch, ich sagte das nüchterner, musste ja sicherstellen, dass die Botschaft meiner Sätze rüberkam). Er brachte mir daraufhin die Rechnung, und ich sagte ihm, ich denke nicht daran, für dieses Essen  zu bezahlen. Er sagte mir daraufhin (und ich merkte, wie ihm der Kamm schwoll, bildlich gesprochen), ich werde jeden Cent zahlen.  Ansonsten würde er die Polizei holen.

Dieser Satz war einer zuviel, von diesem Bizepstyp, der sicher auch zu blöd war, Pfannkuchen zu schwenken. Ich mutierte daraufhin (aus lauter Spass an dieser Aufführung vor etlichen glücklichenRentnerpaaren, die jetzt ihr Abenteuer des Tages erleben sollten) in den kalifornischen „cop-mode“ und fühlte mich  geradzu heimisch in der rauen Sprachwelt von Harry Bosch. – I won´t give you a fucking cent for this fucking frozen fish, and, well,  look for my friends from the police, I am police myself, in Germany, you know! Die Situation eskalierte weiter, und mir blieb allein die Sprache als Instrument. Bei einer körperlichen Auseinandersetzung hätte ich gegen den tätowierten Affen den Kürzeren gezogen. Gewalt stand im Raum, und ich sagte: – Just dare to touch me, and i will bring you down. „To bring someone down“ kam recht häufig vor in den beiden Connelly-Romanen, und bis heute  weiß ich nicht genau, ob dieser Ausdruck mehrere Bedeutungen hat. „Jemanden auf die Erde werfen“, „jemanden festnehmen“, vielleicht sogar „jemanden umbringen“?  Die britischen Senioren, die Zeuge dieser kleinen Szene waren, hatten gewiss ein besseres Verständnis solcher  idiomatischen Ausdrücke. Der Wirt blieb bebend (und das ist hier keine Übertreibung) auf den Stufen stehen, als ich aufstand und zu meinem Wagen ging.

Ich drehte mich noch mal um und drückte ein letztes Mal (ich war jetzt richtig in Schwung gekommen)  meine Meinung zu seinen Serviceleistungen aus. Ich fixierte ihn dabei mit den Augen. Er rührte sich nicht. Ich fuhr los. Die Bücher, die ich von Michael Connelly in dem Urlaub las, hiessen, wenn ich mich  nicht täusche, „Echo Park“ und „The Brass Verdict“.

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