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2025 7 Juli

Die atomare Bedrohung des Iran – hier mal intrinsisch

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 7 Comments

 
 

Die Saat des heiligen Feigenbaums (D, F, 2024) von Mohammad Rasulof

 

Regisseur stammt aus dem Iran, wurde aufgrund regimekritischer Filme schon einige Male zu Haftstrafen verurteilt, nach der Premiere des genannten Filmes wurde erneut eine Haftstrafe verhängt, der er sich durch Flucht entzog. Sein Aufenthaltsort wird geheim gehalten.

Die Rezeption des Filmes begann für mich mit einer Verwirrung. Im Vorfeld hatte ich Rezensionen gelesen, in der der Plot als die Geschichte eines unter dem Druck des Systems zunehmend paranoid werdenden Teheraner Beamten und Familienvaters interpretiert wurde. Der Chatbot argumentierte auch in diese Richtung – beim Betrachten des Filmes kamen meine Mitgucker und ich selbst zu einem anderen Interpretationsansatz; diese Divergenz kann ich mir nur dadurch erklären, dass in totalitären Regimen die Trennlinie zwischen Normalität und Paranoia ohnehin sehr unscharf gezogen ist und der Aussenstehende zu anderen Bewertungen kommt als der im besagten System Grossgewordene. Wer da nicht paranoid wird, muss ein grosses Verdrängungspotential mobilisieren können und der Zuschauer hat erstmal Mühe, sich zu orientieren – immerhin gibt es beunruhigende Zeichen zu Anfang des Filmes: Der Protagonist blickt in den Spiegel und sieht dort einen verhüllten Kapuzenmann. Man ist also schon etwas psychiatrisch eingestimmt und ich musste mich erst mental umprogrammieren.

Der Film erweist sich also nicht als psychopathologische Studie, sondern als dramatischer Politkrimi mit sich steigernder Spannung und dem Dauerthema der Nahostländer: Den schweren Generationenkonflikten beziehungsweise dem Quantensprung der jüngeren Generationen vom Mittelalter in die späte Postmoderne – der in den westlichen Ländern in der Nachkriegszeit stattfand, aber nie diese Dramatik entwickelte, da dort keine so archaische Religiosität gelebt wurde – zumindest nicht mehr nach der letzten Hexenverbrennung – und die Säkularisierung früher stattfand; da setzte man dann doch zögerlich ein Bein auf die Erde und ins Zeitalter der Aufklärung, auch wenn’s zum Teil ein kühles Fussbad gab – aber alles besser als dieses Scheiterhaufengelodere.

Da entstehen in Old-Style-Familien in Nahost nicht nur die bekannten Generationenreibungen, sondern da muss man schon von Im- und Explosionen sprechen; somit ist die Entwicklung der Geschehnisse in einer soliden Teheraner Familie der gehobenen Mittelschicht wie eine Art Atompilz, der sich zerstörerisch – unaufhaltsam vergrössert und ausbreitet, bis ein Weiterleben in seinem Dunstkreis überhaupt nicht mehr vorstellbar und möglich ist, weil einem am Ende nur noch alles um die Ohren fliegt. Das Ende ist grausam, auch wenn es sich nur um den Mikrokosmos einer Familie handelt – aber eben der ist exemplarisch.

Der Familienvater-Jurist und Beamter in einem theokratischen Staatssystem – wird nach seiner Beförderung gezwungen, Todesurteile zu genehmigen, ohne den jeweiligen Fall geprüft zu haben – in den meisten Fällen scheint es sich um Regimegegner zu handeln. Die Mutter ist konservativ-regulierend und dem muslimischen Wertekanon verhaftet, die Töchter im bei Teenagern üblichen moderaten Revolutionsmodus mit Wünschen nach Nagellack, blauen Haaren und Märchenprinz und ganz wohlgemut in ihrem pubertären Transitraum agierend.

 
 

 
 

Die schwere Verletzung einer Freundin, der auf einer Demonstration mit der Schrotflinte ins Gesicht geschossen wurde, katapultiert die Mädchen in eine andere Bewusstseinsebene. Die ältere Tochter findet die Dienstpistole des Vaters und nimmt sie heimlich an sich im zunehmenden Bewusstsein einer Gefährdung andersdenkender Frauen und als Misstrauensvotum gegen den Vater, der bei Verlust der Dienstpistole mit schwerer Bestrafung rechnen muss – und als Symbol für Macht und Stärke, mit dem sie sich sicherer fühlen mag – die Interpretationsmöglichkeiten sind sehr vielfältig, wenn man einmal ans Ausloten der Vater-Tochter-Beziehungen geht, die anders verlaufende ödipale Entwicklung im muslimischen Kulturkreis mit dem wesentlich stärkeren Schutz- und Besitzanspruch des Vaters und das Funktionalisieren der Tochter als Selbstobjekt (das bei Heirat verschachert wird) zum Verständnis mit einbezieht. Papas kostbarer Schatz, der sich aber unterwerfen muss, damit er ein Schatz bleibt und nicht ausgestossen wird – welches Selbstbild kann ein Mädchen hier aufbauen? Ein weites düsteres Feld mit vielfältigen Möglichkeiten zu ungesunden Spaltungen und unscharf formulierten Identitäten, die die weitere Unterordnung gewährleisten. Kinder- und Jugendlichentherapeuten können ein Lied davon singen, das sie die Behandlung muslimischer Mädchen gelehrt hat. Für den Vater zieht sich eine Schlinge zu – das Volk beginnt ihn zu hassen, die Dienstherren misstrauen ihm zusehends, er beginnt ein detektivisches Forschen im Familienkreis nach der verschwundenen Waffe, die Töchter leugnen deren Besitz – eine hübsche Allegorie auf die Potenz der iranischen Frau, die sie sich nicht wieder wegnehmen lassen will. Der Vater, im Konflikt zwischen eigenen Befreiungswünschen (die ihm seine Töchter spiegeln) und seiner Identifikation mit dem System, dem er dient – aufgerieben dekompensiert und setzt seine Familie gefangen, um ein „Geständnis“ zu erpressen. Keine Paranoia, aber eine katastrophische Dekompensation und ein Struktureinbruch in einem Zustand der Aussichtslosigkeit und des Verratenwordenseins durch die Menschen, die ihm die liebsten sind.

 
 

 

 
 

Ebenso allegorisch das Ende: Beim Showdown zwischen Vater und Tochter auf den Ruinen eines antiken Höhlendorfes versinkt der Vater im Schutt der Vergangenheit, bevor es zu einem Schusswechsel kommt. Der Film endet mit einem starken Bild, das sich einbrennt beziehungsweise einem Rückgriff auf einen Mythos: Dem Toten wächst die Hand aus dem Grab – in verschiedenen Kulturen interpretiert als Hinweis, dass ihm Unrecht geschehen ist, öfter aber dass er selbst Schuld auf sich geladen hat, beispielsweise ein Dieb war – eine Hand, die Übles getan hat, vergeht nicht, sondern bleibt als überdauerndes Mahnmal einer Schande. Ein Bild das beim Decodieren wieder ins Mittelalter zurückverweist und ein starkes visuelles Symbol für ein Filmende: Ein schuldig Gewordener, dem Unrecht getan wurde – ein Anklang an die Figuren des griechischen Dramas, in dem die Schuld nicht auf persönliche Verfehlungen zurückzuführen, sondern unausweichlich ins Leben eingewoben ist und nur wartet, dass sie zubeissen kann und Ödipus dazu bringt, das zu tun, was er um jeden Preis vermeiden wollte. Unentrinnbar und sich allen moralischen Massstäben entziehend. Kein guter Anfang für die Menschheit …

Was bedeutet der Titel? Der Feigenbaum (das „heilig“ verweist hier bereits auf die religiöse Symbolik und die Metaphorik – Botaniker würden hier eher von der sogenannten „Würgefeige“ sprechen, die gibt’s wirklich) kontaminiert über Vogelkot einen beliebigen Baum, bildet Luftwurzeln, die bis zum Boden wachsen und die Nahrungszufuhr gewährleisten, schliesslich den Wirtsbaum umschlingen und ersticken – zurück bleibt ein stabil wirkender neuer Baum, der aber nicht verwurzelt ist – ein weiteres Bild für die tödliche Umarmung autoritärer patriarchaler Systeme und ihrer Traditionen, die sich einreden, dass sie etwas stützen und bewahren, während sie es in Wirklichkeit unter Zurücklassen massiver Kollateralschäden zerstören. Und sich dabei noch für fest in Gott verwurzelt halten.

 

This entry was posted on Montag, 7. Juli 2025 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

7 Comments

  1. Jörg R.:

    Oh, da wär ich gern dabei gewesen.
    Offenbar ein iranischer Blockbuster, hab schon öfter davon gehört. Erinnert ein bisschen an Farhadi – Le passe.

  2. Ursula Mayr:

    Le passé fiel mir auch ein – diese Tragik einer unausweichlichen Schuld, von Farhadi guck ich mir alles an,war ich noch nie enttäuscht – diese inhaltliche Dichte, die verschiedenen Ebenen, starke Bilder ohne viel Aufwand. Bei Hollywood läufts ja immer umgekehrt – setzen nur noch auf optische Effekte, die plots werden zusehends banaler – gestern “ Die Auslöschung“ geguckt – ein faszinierender LSD – Trip, aber das Drehbuch völlig ohne Sinn und Verstand. Aber wegen der Handlung geht ja auch kein Mensch in Avatar. Da kann man auch einen alten John Wayne gucken wenn er eine Häuptlingstochter heiratet.

  3. Anonym:

    You nail it!!

  4. Ursula Mayr:

    Ghettofaust!!

  5. Pharao:

    Interessant wäre jetzt eine Bilanz nach einem Jahr mit dem neuen Präsidenten. Noch ein bisschen die politische Ebene!

  6. Ursula Mayr:

    Die Frage ist was Peseschkian überhaupt machen kann mit dem Ajatollah im Genick – Kopftücher nicht mehr, okay, aber von wesentlichen Reformen hat man noch nichts gehört.
    Weiterhin ein Land mit enormem Aggressionspotential.

  7. Ursula Mayr:

    Lame Duck sozusagen …

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