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2026 13 Apr.

Antigone auf dem Highway – eine Tragödie ohne Chor

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | No Comments

 

 Locke ( GB, USA, 2013 ) von Steven Knight ( No turning back )

 

Nach langer Zeit wieder einmal ein zufälliges Fundstück das sich wirklich zu sehen lohnt: Locke, gelegentlich auch No Turning Back betitelt, wobei es mehrere Filme mit diesem Titel gibt, es existiert hier offenbar kein Markenschutz.

Ein Mann fährt durch die Nacht und gehorcht einem Gesetz, das kein Gesetzbuch kennt. Nicht der Staat verbietet ihm etwas, sondern das Leben selbst widerspricht ihm – in Gestalt von Ehe, Arbeit, Ordnung. Und doch fährt er weiter. Nicht aus Mut, nicht aus Trotz, sondern aus einer eigentümlichen Notwendigkeit: Als hätte jemand in ihm entschieden, lange bevor er selbst es wusste. Ein Film, der mit einem einzigen Darsteller und einer einzigen location – einem Auto nachts auf dem Highway – auskommt und trotzdem bis zuletzt die Spannung hält dürfte Seltenheitswert haben.

Der Bauleiter William Locke – ein hart arbeitender Mann und glücklicher Familienvater –  ist auf der Fahrt von Birmingham nach London zur Geburt seines Kindes; die Dame die in den Wehen liegt ist allerdings nicht seine Ehefrau sondern eine Kollegin und das Kind das Ergebnis eines One – night – stands. Am nächsten Tag ist ein gigantisches Bauprojekt geplant, das Giessen des Betonfundaments für einen Turm, für dessen Ablauf er verantwortlich ist; er hat sich entschlossen diese Aufgabe zu delegieren um bei der Geburt seines Kindes zugegen sein zu können während ihn gleichzeitig seine Familie am Abend zuhause erwartet. Der Soundtrack besteht aus wechselnden Fahrgeräuschen und dem unablässig klingelnden Telefon; W. versucht die Situation zu regeln und muss erleben wie sie ihm zusehends entgleitet, sein Stellvertreter ist betrunken,seine Ehefrau erfährt von seinem Seitensprung, eine Strassensperre am nächsten Morgen droht das Projekt zu verhindern, seine Kinder machen ihm Vorwürfe, bei der Entbindung scheint es Komplikationen zu geben. L. versucht in zunehmender Frequenz Dinge zu regeln die sich zunehmend seinem Zugriff entziehen und eine Eigendynamik entwickeln – und er will es nicht wahrhaben dass er auf verlorenem Posten kämpft, längst in einem Modus des Entgleitens verfangen ist. Zu Anfang bewundert man ihn noch….dann sieht man ihn als jemand der einem Gesetz zu folgen scheint das nicht gebrochen werden darf: Du musst alles erfüllen was das Leben fordert und wenn es unmöglich erscheint. Er macht weiter – nicht aus Mut, offenbar aus einer eigenen Art von Notwendigkeit. Leider gönnt sich der Film nun einen Ausflug in die Küchenpsychologie: W. beginnt einen inneren Dialog mit seinem Vater – offenbar einem Exemplar der Sorte die es trefflich versteht sich immer zu verpissen wenn sie gebraucht wird, der Sohn geht in die Gegenbesetzung und versucht allen und allem gerecht zu werden bis zur Selbstaufgabe – wie gesagt, ein etwas dünner Aufguss von Küchenpsychologie – was nicht heisst dass es dergleichen Konflikte nicht gäbe. Plötzlich bricht etwas anderes auf….und man versteht das Gesprochene nicht mehr – das innere Drama wird akustisch umgesetzt, die lärmende Welt überlagert die Spuren des inneren Dialoges der nicht zu einer Handlung oder Lösung kommen kann, Spuren des Vaters im halbbewussten Untergrund, kaum hörbar aber wirksam. Das hat was, das kennen wir alle, das ist der griechische Chor der uns im Leben begleitet und kommentiert. Und nun erfolgt der Quantensprung zum antiken Drama in dem Tragik aus einer Notwendigkeit des Handelns entsteht – die Handelnden wollen der Schuld entrinnen und landen genau deswegen in einem noch viel grösseren Schlamassel als dem den sie eigentlich vermeiden wollten – wer dächte da nicht gleich an Ödipus? Man ist bemüht die Fehler der Eltern zu vermeiden und landet in der gleichen Tragödie und grübelt über Magie, Flüche und sonstiges Karmisches nach. Antigone stellt die familiären und religiösen Verpflichtungen über ihr eigenes Weiterleben, Elektra und Orest sind an ihren Racheimpuls gebunden, sie wollen so handeln wie sie es tun, auch Locke will es so – oder er kann es auch gar nicht anders. Antigone könnte anders…oder vielleicht doch auch nicht? Wie fest sind solche toxischen Bindungen?

Am Ende verliert L. Arbeit und Familie – ein Opfer der eigenen Begrenzungen in dem Moment in dem er glaubte sie überschritten zu haben und allen gerecht zu werden. L. ist kein Held und kein Sünder. Er ist ein tragischer Funktionsträger: Er erfüllt eine Pflicht – und zerreißt dabei die Welt, in der er lebt, ohne Chor, ohne Pathos, ohne den Stolz, das Richtige zu tun.

Warum, bei Zeus und Poseidon und all den anderen Freaks in den verschiedenen Himmeln, die eigentlich nur Anteile von uns selbst sind, kommt eigentlich hinterher immer das heraus was man um jeden Preis vermeiden wollte? Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft? Muss der Rest immer das Schweigen der Götter sein nachdem wir ihnen doch willfährig waren?

Ein minimalistischer Film, aber: Welch grosser Denkraum, aber angefüllt mit Schrecken! Lasst uns die Götter bitten um ein einfach Herz; gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los! Und erspart uns jeglichen selbstzerstörerischen Schwurbel…

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