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2026 12 März

Im Tanz mit Luftwiderstand und Gravitation

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | No Comments

Fallende Blätter pflegen sich Zeit zu lassen im Spiel mit den Kräften die auf sie einwirken, ein pas de trois aus Gravitation, Luftwiderstand und Wind bis sie endlich auf dem Boden landen, eine Beschwörung der Entschleunigung bis zur Landung. Manche Personen in manchen Filmen verhalten sich ebenso.

 

Fallende Blätter ( F, 2023 ) v. Aki Kaurismäki

Kaurismäki muss man mögen – zweifelsohne, und mir scheint dass seine Fans bzw die, die sich zumindest auf ihn einlassen können besondere Persönlichkeitsmerkmale ihr eigen nennen müssten; leider weiss ich noch nicht welche obwohl ich selbst dazu gehöre – vielleicht wird es mir ein paar Absätze später noch klar, dann hätte sich diese Besprechung immerhin gelohnt.

 

Fallende Blätter ist sein bisher letzter Film, das hiess es aber auch von Le Havre ( 2011 ) und The Other Side of Hope ( 2017 ), es besteht also wirklich noch Hoffnung – fallende Blätter machen in ihrer Abwärtsbewegung ja oft einen ausgesprochen unentschlossenen Eindruck, warum also nicht auch der der sie auf den Weg geschickt hat?

Kaurismäkis Protagonisten leben in einer Art atemporalem Raum – starre Einstellungen, lakonische Dialoge ohne spürbaren Gefühlsausdruck leben sie in verschiedenen Zeitebenen – Gegenwart ( ein Bericht über den Ukrainekrieg läuft im Radio ) gepaart mit Kleidung, Frisuren und Filmplakaten aus den Fünfzigern – nicht aus Nostalgie, eher als Schutzraum gegen das Tempo und den Zynismus der Gegenwart dosiert eingesetzt, hier schafft er kurze Momente der Verwirrung für den Zuschauer. Beim mittelalterlich – höfisch klingenden Satz „ Sie haben mir einen Kuss geraubt “ ( Der Mann ohne Vergangenheit ) hat dann auch der Letzte verstanden dass hier mit Zeitebenen gespielt wird die übereinander geschichtet werden und sich wechselseitig durchdringen. Aquarianer berichten von ähnlichen Stimmungen beim Blick in ihr Aquarium – eine kleine Welt innerhalb einer grossen und von reizvoller Entschleunigung und Andersartigkeit.

K.s Figuren sind arm, einsam, alkoholgefährdet, arbeitslos – aber sie jammern nicht. Sie tragen ihre Beschädigungen wie eine schlichte Jacke – keine Pose, sondern Überlebensform, fast schon Selbstverständlichkeit. Und Würde. Freude entsteht nicht aus Fülle , sie entsteht aus Mangel, Erwartung und Hoffnung auf etwas Besseres. Und ein bisschen Geheimnis hinter einer Fassade von Beherrschung und Ergebenheit. Ein Kuss ist hier kein Zwischenschritt, nach dem man sofort übereinander herfällt – am besten noch im Lift und beim zweitenmal an der Garderobe, unsere Zeit hat offenbar die Fähigkeit zur Vorfreude verloren und merkts noch nicht mal – sondern noch Ereignis. Der Trieb wird nicht abreagiert sondern gehalten, es entstehen Leerräume für Phantasien die der Zuschauer mit Eigenem füllen kann.

 

Die Handlung ist einfach: Zwei Menschen beginnen sich aufeinander einzulassen und versuchen nicht weiter beschädigt zu werden – das genügt für einen fesselnden Film in dem nicht viel passiert und Beziehung wieder etwas Besonderes ist. Ein wenig erinnert dies auch an Perfect Days von Wim Wenders, in dem auch nicht viel passiert und man trotzden satt wird – Seelennahrung statt action – junkfood auf der Jagd nach einem Irgendetwas das noch mehr knallt. Bei K. knallt es so gut wie nie, vielmehr gerät man in einen meditativen Zustand und bleibt nah bei den Figuren in ihrem ruhigen Fluss des Lebens.

Und jetzt hab ich rausgekriegt warum ich Kaurismäkifan bin…

Ich sags aber nicht!

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