Zwei Filme waren es, in denen der Schauspieler und Pantomime Jean-Louis Barrault die Hauptrolle spielte, die mich als Kind beziehungsweise Jugendlicher (es war wohl die Übergangszeit) besonders beeindruckten. Kinder des Olymp habe ich nur wage in Erinnerung, zwei Szenen bleiben deutlich: der Protagonist sitzt als Clown auf einer Mauer und beobachtet das rege Treiben von Passanten. Es ist ein Schockmoment, wie ein aus einer anderen Welt hinabgebeamter Halbgott: der stille Zeuge. Er begehrt eine Frau, die sich für einen anderen entscheidet. Was ihm bleibt, ist jene, die ihn begehrt, die er aber nicht liebt. Die Vernunftehe wie ein Selbstverrat – das ging tief!
Mit dem zweiten Film adaptierte der Regisseur Jean Renoir den Horror-Klassiker Dr. Jekyll and Mr. Hyde in Das Testament des Dr. Cordelier. Barrault spielt den Wissenschaftler, der in einem Labor sich selbst in eine Monstergestalt namens Opale umwandelt, auf eine Schauder erzeugende Weise. Beide geschilderten Figuren, sowohl der ausserhalb der Welt stehende, dennoch liebende beobachtende Clown als auch das aus der Metamorphose einer seriösen, angepassten Honorität entstehende skrupellose und vom reinen animalischen Trieb getriebene Monster erzeugen bei mir einen Ahmungseffekt, als seien sie Anteile des eigenen Selbst. Daher wohl der prägende Eindruck. Ist nicht die Faszination des Bösen auch fühlbar in der Identifikation mit so manchem Filmschurken, ohne den manch eine Geschichte reichlich fade wäre. Ich denke an Billy-Bob Thornton als Lorne Malvo, der den Gegenpart zum Versicherungsangestellten Lester Nygaard (Martin Freeman) spielt, in der ersten Staffel der Fernsehserie Fargo der Brüdern Coen.
Zwei Männer auf weitaus ungefährlicherem Felde, nämlich der Soziologe Hartmut Rosa und der Sozialpsychologe Harald Welzer treffen sich zum Podiumsgespräch. Es geht, mehr oder weniger brav, um Wohnräume, Spielräume, Lebensräume. Rosa erläutert am Beispiel, wie man morgens seinen Filterkaffee zubereitet, den Ermessensspielraum mancher Handlung. In der Februarsonne neben dem Eingang einer gut besuchten Cafe-Bäckerei auf einer Holzbank sitzend, trotz Erkältung bestens gelaunt als stiller Zeuge Szenerie und Menschen beobachtend wie einst der Pantomime in Kinder des Olymp, lockern sich Erinnerungen. Ich denke an meine Lehrzeit als Möbeltischler zurück und die abwägend-prüfenden Blicke der Gesellen, wenn sie ein Stück Holz auf seine Verwertbarkeit hin prüfend in den Händen hielten: Ist das brauchbar, wo sind fehlerhafte Tücken? Genauso wird auch mein Interesse für neue Filme, Themen, Bücher und Musik angesprochen: Gibt es vorwärtstreibende Impulse? Und was lässt sich daraus machen, gibt das etwas her?