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Sirát (( F,E, 2025 ) von Oliver Laxe

 

Sirât ( arab. Weg/ Pfad ) bezeichnet im Islam eine Brücke, die am Jüngsten Tag über den Abgrund der Hölle zum Paradies führt. Sie wird als schmaler als ein Haar und schärfer als ein Schwert beschrieben. Nur die Gerechten können sie überqueren, während Ungerechte in die Hölle stürzen.

Der Film beginnt auf seltsam hypnagoge Weise: Ein Rave – Festival irgendwo in einem Felsental in Marokko: Zuckende Körper und rhythmisch wummernder Technosound inmitten einer indifferenten Natur und erstarrter Felsen, die trotzdem ein heimliches – und unheimliches – Leben zu bewohnen scheint – ähnlich den rauschenden Bäumen in Blow up. Ein immersiver Eindruck mit impact – quality, das Bild bleibt jedenfalls hängen, ebenso wie die Tänzer , die nicht lustvoll anmuten, auch nicht tanzen wie Sorbas, der am besten tanzt wenn alles verloren ist. Von oben besehen muten sie eher an wie eine zappelnde Beute. Beute für wen?

Der Soundtrack hat eine seltsam personale Qualität, er unterstreicht nicht, stimmt nicht ein, tröstet nicht, löst nicht auf sondern warnt und bedroht und sagt Unheil voraus wie der Chor im antiken griechischen Theater, ein dunkler pulsierender Klangteppich der den ganzen Film unterlegt. Danach folgt ein dystopisches Roadmovie – nicht von hier nach da, eher vom Nirgendwo ins andere Nirgendwo; Dinge kommen, passieren, verschwinden wieder, ähnlich wie bei Last Days oder Gerry von Gus van Sant. Die Landschaft wird zusehends diffuser und karger und die Grenzen zur Realität verschwimmen, die Figuren scheinen sich zusehends in ihren eigenen Träumen zu bewegen und zu verlieren.

 

                                                                 

 

 

Ein Mann in Begleitung seines kleinen Sohnes ist auf der Suche nach seiner Tochter, die zuletzt auf einem Rave – Festival gesehen wurde. Er schliesst sich einer Gruppe Aussteiger an – ausgemergelte, versehrte Körper die stets etwas somnambul agieren , weit entfernt von jedweder Art von good vibrations. Der Sohn stürzt mit dem Auto in einen Abgrund, zwei Mitglieder der Gruppe kommen um als sie in ein Minenfeld geraten, auch die Autos werden dabei zerstört.

 

Eine Dramaturgie verweigert uns der Film, ebenso ein in irgendeiner Art versöhnliches oder andernfalls tragisches Ende, Leben passiert und lässt sich nicht immer zu einem Narrativ formen, oder auch nicht einmal mehr zu einem Handlungsstrang. Die zwei übriggebliebenen Protagonisten sitzen am Ende auf einem Zug to some other town, in der letzten Einstellung sehen wir die Schienen am Horizont verschwinden. Sie führen nicht zu einem Ziel, sondern aus dem Bild hinaus, keine Ankunft, kein Versprechen, nur Richtung. Parallele Linien treffen sich im Unendlichen – in einer anderen Geometrie. Der Zug fährt nicht, weil etwas wartet, sondern weil Stillstand keine Option ist. Das Leben geht weiter – aber es erklärt sich nicht. Leiden ist hier nicht an Sinn gekoppelt. Ein bildgewaltiges, körperliches und gefühlsintensives Kino, das man schwer konsumieren kann sondern aushalten muss. Etwas passiert mit einem ohne dass es sich gleich in Bedeutung übersetzen lässt – Erlebniskino in einem ganz anderen Sinn, jenseits allen Action – Fetischistentums. Es verweigert sich unserem Deutungsfuror.

Ist das nun – ich hänge gern mal am Althergebrachten – existenzialistisches Kino? Ich denke eher nicht….dort lebt der Mensch ohne Sinn und trotz der Sinnlosigkeit, in Sirât stellt sich die Sinnfrage gar nicht mehr. Der Film verweigert uns alles was diese hervorrufen könnte: Keine Identifikationsfiguren, keine zwischenmenschlichen Konflikte, keine spürbaren interpersonellen Beziehungen, keine Steigerung, keine Erwartung, keine moralische Position, kein erwartbares Ziel, kein moralischer Kompass, keine Schuld, Erkenntnis, Lösung, kein Opfer und alles was so zwischen Menschen herumzuwabern pflegt. Sirât schafft die Bedingungen ab unter denen die Sinnfrage überhaupt gestellt werden kann. Nothing left to lose…. ein Entwurf von absoluter Freiheit? Was entsteht aus den Leerräumen, die der Film gelassen hat? Ich werde sehen….gerade fällt mir Maya Deren ein – mal sehen was ich heute Nacht träume.

Tag danach:

Ich habs verwertet: Mir träumte von einer Einladung auf einen Ball mit grosser Garderobe und musste mich in einem Messiezimmer, wo man nichts fand, anfummeln. Als ich dann auf dem Fest mit Reifrock und Allonge-Haaren aufrauschte war das Gastzimmer nur halb voll, alle sassen in Alltagsklamotten auf Matratzen auf dem Boden, es gab keine Musik und nichts zu essen.

Wenn das mal keine fundierte Aussage über das Leben ist.

Wenn das mal nicht Beckett ist – oder Kafka – vielleicht lass ich die KI ein Theaterstück drüber schreiben….

Wenn das mal nicht grosses Kino ist wenn das Kino nach dem Kino noch weitergeht….


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