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Archives: September 2023

2023 2 Sep.

The Party isn’t over!

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Ein Haus voller Gäste bringt Risiken, vor allem, wenn jemand dabei ist, der eigentlich auf der No-Go-Liste landen sollte. Am Ende wirbeln Schaumstückchen wie riesige Schneeflocken durch eine verwüstete Villa eines Hollywood-Studiochefs in Beverly Hills. Slapstick und komische Überraschungen, rasendes Tempo und Langatmigkeit, aber auch die melancholische Stimmung eines einsamen, ausgestoßenen Statisten, der in der Filmbranche Anschluss sucht, treffen in Blake Edwards Film The Party (auf deutsch: Der Partyschreck) zusammen. Bemerkenswert ist, wie hier der Zeitgeist der späten 60er Jahre eingefangen wird, inklusive der Gepflogenheit in der Filmbranche, Rollen an Frauen nur als Gegenleistung zu vergeben. Die Villa wirkt luxuriös, riesig und unüberschaubar, so wie die Flure in immer weitere Zimmer führen. Die technische Ausstattung ist exklusiv auf dem allerneuesten Stand und wird von einem Schaltbord im Wohnzimmer bedient, wodurch die Tretflächen über den geräumigen Wasserbecken im Wohnraum verschoben und ein Stimmungsfeuer in einer Schale entfacht werden können. An den Wänden hängen zahlreiche abstrakte Gemälde. Auch die Gastgeberfamilie selbst erscheint für die upper class repräsentativ: Der Sohn liegt bäuchlings im Schlafanzug auf seinem Bett, schießt – jederzeit einsatzbereit – Darts mit Gummipfeilen und trägt einen Soldatenhelm mit Camouflage-Gebüsch. Die Tagesdecke hat ein Ford-Design, neben dem Bett steht ein Telefon und auf einer Kommode lehnt ein Spielzeuggewehr. Die Tochter war unterwegs und kehrt mit einer Gruppe von Freunden zurück, mit dabei ein indischer Elefant, auf dessen Haut Hippiesprüche aufgemalt sind: „Go naked.“ „The World is flat.“ Gegen diese politisch nicht korrekte Verwendung nationaler Symbole seines Landes protestiert der Partyschreck Hrundy Bakshi. Um Peter Sellers einen indischen Touch zu geben, hat man seine Haut getönt und seine Augen mit Kajalstift umrandet. Außerdem spricht er so, wie man annimmt, dass ein Inder Englisch spricht. Im Jahr 1968 fand man das witzig. Heute würde es mit dem Label „kulturelle Aneignung“ versehen werden und die Sensitive-Reading-Abteilung würde das Filmprojekt stoppen. In der Schlussszene gibt es noch einen kleinen Trick, wie man nach einer Party eine weitere Verabredung arrangieren kann – und der seit Jahrzehnten erfolgreich angewandt wird.

 

 
 

Ich habe vorhin zum ersten Mal in diesem Jahr ein Album von Anfang bis Ende durchgehört. Slowdive’s everything is alive, heute erschienen. Allerdings habe ich etwas geschummelt. Ich absolvierte mein 27 Minuten-Programm auf dem Ergometer, konnte also gar keinen Track skippen. Die restlichen 14 Minuten des Albums hörte ich dann hauptsächlich in der Dusche. Die Platte zieht einen rein, Shoegazing at its best. Mit leicht melancholischem Unterstrom, ein ruhiger Fluss, die Computertöne sehr dezent eingesetzt, aber natürlich gibt es auch Gitarren. In alife höre ich den Gitarrenklang von Robert Fripp. Viele schöne, oft süßliche Melodien, there is a harmony in my head. Filler habe ich keinen gehört.

Ein organischer Soundteppich, auf dem man wegschweben möchte aus dieser völlig durchgeknallten Welt. Eskapismus ist zwar auch keine Lösung, aber was bleibt einem im Moment anderes übrig. Neil Halstead, Rachel Goswell und die anderen Mitglieder der Band haben ihr bisher reifstes und wärmstes Album vorgelegt. Ich höre es gerade im 2. Durchlauf und es haut mich immer noch ziemlich um. Eins ist klar, scheint mir. Die Halbwertzeit dürfte recht kurz sein: Every further listen will yield diminishing returns. Wir bewegen uns hier auf dem schmalen Grat zwischen Schönheit und Kitsch. Ich glaube, man sollte es jetzt hören und nicht zu lange damit warten. Anspieltipps: das meditativ-wehmütige prayer remembered, das verspielte alife, das poppige kisses, das lockere skin in the game und das überirdische chained to a cloud.

 


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