Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2021 22 Feb

The life and times of Lambchop

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 6 Comments

Kurt‘s Solo on Oh (Ohio) in Hotel Chelsea, Cologne

 

Ich hatte begonnen, ein paar Songzeilen zu schreiben, da rief mich meine Frau an, und sagte daß heute der National Talk Like A Pirate Day sei, eine verrückte Sache in den USA, aber einem Tag des Jahres dürfen alle in ihren Büros und Läden wie Piraten sprechen und sich maskieren. Nach dem Telefonat fiel mein Blick auf ein altes Bild meiner Frau als junges Mädchen, sie ist in ihren Pyjamas zu sehen, da ist ein alter Plattenspieler und das Hockeyspiel auf dem Tisch. Ich beschrieb das Photo und fügte Dinge aus der realen Zeit hinzu. Es sollte nur ein kleiner Folksong werden …

Ich bekam einmal von meinen Eltern mal so ein ganz dickes zweibändiges Wörterbuch. Neben den Wörtern finden sich darin auch Sprüche, in denen diese Wörter benützt werden, aus der großen Literatur, aber auch Trash. Alle möglichen Quellen von dem leider viel zu unbekannten Songwriter Terry Reid bis zu Zitaten aus dem New Musical Express und dem Literaturfeuilleton der New York Times. Sehr unverbunden. Aber so fliessen in einen kleinen Up-Tempo-Song Fragmente aus diversen Gedankenwelten, und man spürt verrückte Zusammenhänge.

Da spielt sich was Interessantes ab, wenn man das Cover von Oh (Ohio) beim ersten Mal wahrnimmt. Zuerst fällt das Paar auf, ihre Umarmung, ihre Nacktheit, wie ein eingefrorener Augenblick, eine Art erstarrter Melancholie, aber hinter ihnen ist ein Fenster, und draussen spielen sich schreckliche Dinge ab: Polizisten verprügeln einen Mann, eine Menschenmenge schaut zu und wird von Uniformierten  zurückgedrängt. Wie in guten Songs existieren da verschiedene Ebenen, die erst klarer werden, wenn man sich etwas mehr auf sie einlässt.

Traurigerweise ist unsere ganze Beschäftigung die Beschäftigung mit unserem Sterben hier bei uns zuhause, und für den Augenblick klingt das doch ganz gut”. Nun, auch so eine seltsame Songzeile. Ursprünglich ging es um die Erfahrung, die jeder kennt, Du siehst im Film Orte, an denen du wirklich einmal warst. Einmal sah ich den Film “The French Connection”. Gene Hackman spielt die Hauptfigur namens Popeye Doyle, und er versteckte sich im Flur eines Hotels, in den ich ein paar Wochen vorher eine Nacht verbrachte hatte. Aus bestimmten Gründen änderte ich bis auf den Titel alle Wörter. In dem jetzigen Lied geht es um das Älterwerden einer Familie, eines Paares, den Tod der Eltern. Auf  etwas andere Art wie in dem Film mit Gene Hackman, der sich ja auch durch ein dunkles Schattenreich bewegt, schwebte mit ein Charakter vor wie in einem Roman, der in lose verknüpften Szenen alle möglichen Sterblichkeiten durchspielte. Es waren einafch Projektionen, wie das alles sein würde, und so beschrieb ich all diese eher imaginären Momente.

Auf dem Song „Close Up“ ging ich einfach mit einer Erfahrung um. Da habe ich die Bilder geradezu vor mir, ein paar sehr schmerzhafte   tauchten auch auf, aber wenn man beginnt, mit Worten zu malen, kann man eine neue Gelassenheit entwickeln. Singenderweise kann man ein wenig aus seiner eigenen Existenz heraustreten – und in einem guten Moment wieder in sie hineinschlüpfen! Alle sechs Monate gehe ich zum meinem Arzt und mache einen Bluttest, um zu sehen, ob ich frei von Krebs bin. Nach meiner Erkrankung muss ich das nun meinen Leben lang machen. Aber ich komme damit jetzt klar, es ist gut.

Das ist seltsam: ich kann mich an das Zimmer erinnern, in dem ich saß, oder an den Stuhl, in dem ich es mir bequem gemacht hatte, aber aus irgendeinem Grund kann ich nie diesen Augenblick dingfest machen, in dem ein paar Töne zueinander finden, irgendwie genau richtig klingen und mich verblüfft denken lassen: oh, das ist gut. Das ist wohl so ein schwarzes Loch im Bewußtsein, allerdings ein gutes schwarzes Loch. Die Situationen sind mir gegenwärtig, aber ich kann mich nicht erinnern, was da exakt vor sich ging. Woran liegt das?

 

 

1994 i hope that you‘re sitting still ***  

1996 how i quit smoking ****

1997 thriller ****

1998 what another man spills ****1/2 

2000 nixon ****1//2 

2002 is a woman  *****

2004 ah c‘m on / no c‘m on *** / ***

2006 damaged *****

2008 oh (ohio) ****

2012 mr. m ****

2016 flotus  ****1/2

2019 this (is what i wanted to tell you) *****

2020 trip ***1/2

 

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6 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    In all den Jahren, und all den kleinen Begegnungen mit Kurt Wagner, war schon klar, dass dies eine meiner Bands sein würde, die mich durchs Leben begleiten, wie früher die Kinks und Beatles, später die Talking Heads, und dann eben Gruppen wie Radiohead, Tindersticks und Lambchop. Nie vergesse ich das Konzert der Band im Electric Ballroom, in Camden, London, 1998. ein paar meiner Interviews mit Kurz finden sich im Blog. Nach und naxh werde ich soe neu posten, als Soli, ohne meine Fragen. Ich finde, es macht Freude, ihm zuzuhören, mitunter haben seine Gedanken das Flair von Richard Brautigans Short Stories. Ohne Ingos tolle Tindersticks-Retrospektive wäre ich nicht auf die Idee gekommen. All meine Bewertungen der gesammelten Lambchop Alben stammen aus der Erinnerung.

  2. ijb:

    Weitgehend sind wir hier (bei den Lambchop-Alben) voll einer Meinung. Für mich war/ist Is A Woman, seit es erschien, ein Top50-„Desert Island Album“.

    Danach allerdings, haben mich die Alben schrittweise weniger und weniger gepackt. Nachdem ich das Doppelalbum in seiner sehr entspannten Leichtigkeit immer wieder gerne höre, auch wenn ich es echt selten einlege, würde ich Damaged dann auch als fast(!) wieder eben so grandios wie Is A Woman einordnen. Dann aber ließen mich die weiteren Alben leider mehr und mehr distanziert zurück, bis dahin, dass ich mit Flotus überhaupt nicht warm wurde, fand es stets zu monoton, konnte es oft gar nicht bis zum Ende hören – und das obwohl ich Lambchop da sogar mal wieder auf der Tour besuchte (aber das Konzert war mir auch eher etwas zu gleichförmig).
    So habe ich die letzten beiden Alben sogar ausgelassen. Auf deinen Eintrag hin habe ich mir aber eben This (…) bei JPC geordert, zusammen mit – I hope you’re sitting down* – dem neuen, Ende dieser Woche erscheinenden Detroit-Album (Detroit Stories) von Alice Cooper, das durch die Bank weg unglaublich interessante Rezensionen erhält (und eine Interpretation von Lou Reeds „Rock’N’Roll“ enthält). Wahrscheinlich werde ich die CD bei meinem nächsten „Heimurlaub“ meinem Vater mitbringen (habe deshalb die Edition mit einer Bonus-DVD eines kompletten, viel gelobten Konzerts bestellt), aber sollte es mich doch sehr begeistern, kaufe ich es für meinen Vater einfach noch einmal.

    *Den Titel hast du (bewusst oder unbeabsichtigt) falsch geschrieben (wie auch Ah c‘mon / No you c‘mon)…

  3. ijb:

    PS zu Flotus: Ich habe eine sehr schöne Maxi-Single, mit einer alternativen „Disco“-Version von „The Hustle“ und eine ebenfalls schönen Version von „When You Were Mine“ von Prince. Quasi eine kleine Retour zu Nixon.

  4. Michael Engelbrecht:

    I always loved THE HUSTLE like i do love Man Alone on the new Tindersticks.

    FLOTUS is a love it or love it not so much album, i think.

    Alice Cooper? Really. Possibly not my music, and i know a lot pf records that get overwhelming reviews that don‘t find my ear thrilled.

    That Alice Cooper? Never had a weak spot of him. Will get the one song – one chance treatment, promise.

    Okay. Einen Song gehört. Nichts für mich.

  5. ijb:

    Alice Cooper mochte ich gerne, als ich so 13, 14, 15 war. Da habe ich speziell die Alben Trash (1989) und Hey Stoopid (1991) oft gehört. Danach gab es noch ein Album, das objektiv betrachtet sogar besser, wahrscheinlich sogar das beste seiner ganzen sog. „Solo-Jahre“ (d.h. nach 1975) ist, The Last Temptation (1994?). Ich habe es wohl seit ca. 20 Jahren nicht gehört, es steht längst bei meinem Vater im CD-Regal (glaube ich).

    Meine Eltern hatten, schon als ich Kind war, Alice Coopers Killer (1971) im Plattenregal, und ich fand das (ähnlich wie Bat out of Hell von Meat Loaf) als Kind irgendwie seltsam (da sind ja Songs drauf wie „Dead Babies“). Erst viel später habe ich verstanden, was für ein famoses Album das ist.

    Seit der Last Temptation („Far surpassing anything Cooper recorded in almost 20 years, The Last Temptation is unquestionably some of his best work.“, All Music Guide) habe ich Alice Cooper auch nur im Interview mit Marc Maron gehört. Ich glaube, die Alben der letzten 25 Jahre nehmen sich nichts und sind wohl auch nur für Fans und Nostalgiker von Interesse. Der Typ ist ein grundsympathischer Mensch (also kein Vergleich emit Marilyn Manson, der ja einiges vom ihm abgekuckt hat), der sich auch seit Jahrzehnten make-up-frei für Obdachlose einsetzt und in entsprechenden Obdachlosen-Kantinen selbst Suppe ausschenkt.

    Ich ahne, dass sein „Rock’N’Roll“ nicht der Rede wert sein wird. Ich habe ein paar Rezensionen gelesen, und die lesen sich alle diesmal so interessant, als ob Herr Alice eine sehr gute Platte im Hardrock-Sound der Siebziger eingespielt hat, mit guten (d.h. humorvollen Texten) auch noch. Und es ist eine Hommage an Detroit, wo er ja geboren wurde und nach ein paar Kindheits- oder Jugendjahren in Albuquerque dann auch die ersten Jahre mit seiner Band aktiv war. Das interessiert mich, diese Detroit-Thematik.

  6. Olaf Westfeld:

    Ja – „Is a Woman“ kommt auch mit auf meine Insel.

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