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on life, music etc beyond mainstream

2019 6 Apr

Green Book

von: Jan Reetze Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , 3 Kommentare

 

 
 
 
Der New Yorker hat diesen Film ziemlich heftig verrissen, und die Gründe sind bestimmt diskutabel. Die Familie des realen Pianisten Don Shirley ruft zum Boykott des Films auf oder wünscht zumindest, man möge ihn sich erst ansehen, wenn er im Kabel-TV gezeigt wird, weil dann die Produzenten weniger daran verdienen.

Ich bin da etwas anderer Meinung. Dass Green Book deutliche Parallelen zu Driving Miss Daisy aufweist, ist nicht nur mir aufgefallen, aber das liegt im Sujet und ist wohl kaum zu vermeiden. Im übrigen kann man dem Film nur eines wirklich vorhalten: dass er vorhersehbar ist.

Der afroamerikanische Pianist Dr. Don Shirley (von dem ich bislang nie gehört hatte — sorry für den Fall, dass das eine Bildungslücke ist), lebt in den frühen 1960er Jahren in einem museumsgleichen Apartment über der New Yorker Carnegie Hall. Für eine zweimonatige Tournee durch die USA heuert er Frank „Tony Lip“ Vallelonga als Fahrer an, den italoamerikanischen Rausschmeißer einer New Yorker Bar. Die beiden Männer sind so grundverschieden, wie sie überhaupt nur sein können — hochgebildet, eloquent und bestens erzogen der eine, verfressen, grammatikalisch zweifelhaft und straßenerprobt der andere. Green Book zeigt, wie diese beiden Typen eine Reihe von Abenteuern im tief rassistischen „Deep South“ der Vereinigten Staaten zu überstehen haben, sich dabei zunächst zaghaft, dann zunehmend vertrauensvoll, manchmal heftig streitend, einander immer weiter annähern, voneinander lernen, sich helfen und letztlich dicke Freunde werden. Der eine kapiert, dass es Situationen gibt, in denen ein trockener Fausthieb in die richtige Visage das einzg mögliche Argument ist, der andere kapiert, dass es in anderen Situationen wichtiger sein kann, seine Würde zu wahren als draufzuhauen. Das alles ahnt man von Anfang an, und genau so kommt es.

Was Green Book trotzdem sehenswert macht, ist das, was quasi „nebenbei“ erzählt wird: Der tiefsitzende Rassismus war viel mehr als nur Gesetz. Er war in die DNA der Menschen eingeschmolzen, sicher bis weit über das offizielle Ende der Rassentrennung hinaus (bis heute), und selbst viele Schwarze hatten ihn irgendwie als „normal“ absorbiert. Es gibt eine Szene in dem Film, die Bände spricht: Bei einer Autopanne behebt Tony über den dampfenden Motor gebeugt den Schaden, während Don danebensteht und zuschaut. Einige schwarze Feldarbeiter beobachten das Geschehen — und können einfach nicht glauben, was sie da sehen. Es widerspricht ihrer gesamten Lebenserfahrung. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch gern nochmals an Joan Didions Buch „South and West“, auf das ich letztes Jahr hier hingewiesen hatte.) Die Zumutungen, denen Schwarze seinerzeit ausgesetzt waren, machen nicht selten sprachlos; desgleichen die Polizeiwillkür, die in den Südstaaten völlig normal war. Nicht zu sprechen von den heruntergekommenen Motels und Spelunken, in denen Schwarze unterkommen konnten. Letztere waren verzeichnet im jährlich zwischen 1936 und 1966 erscheinenden „Negro Motorist Green-Book“, herausgegeben von seinem Namensgeber Victor Hugo Green.

Das Ganze ist manchmal ziemlich dick aufgetragen, die Fallhöhen sind oft sehr hoch angelegt. Das ist natürlich Absicht, aber es funktioniert. Don Shirleys Familie liegt mit ihrer Kritik an dem Film insofern falsch, als Green Book eben nicht, wie sie anscheinend glaubt, die wahre Lebensgeschichte des Musikers Don Shirley zeigen will, sondern dass eine Episode seines Lebens als Folie für eine Geschichte dient — nicht mehr und nicht weniger. Was vielen (besonders deutschen) Kritikern offenbar ebenfalls nicht passt: dass der Film sein Thema nicht mit empörtem Gebrüll und ständig hängenden Mundwinkeln anpackt, sondern als Komödie daherkommt — na gut, als Tragikomödie. Das allerdings ist auf ganzer Breite gelungen, und deswegen halte ich den Film für sehenswert. Seine Oscars hat er allemal verdient.

Trailer

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 6. April 2019 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

3 Kommentare

  1. Rosato:

     
    1

    Ich habe den Film ebenfalls gesehen. Mir ist auch ein paralleler Film eingefallen – Driving Miss Daisy kenne ich nicht, werde mir das Movie bestimmt besorgen.
    Als erste unüberlegte Bemerkung nach dem Verlassen des Kinos kam mir „Ziemlich beste Freunde – part two“ über die Lippen. Naja, Parallelen schneiden sich letztlich doch irgendwo.

     
    2

    Unbedarft bin ich nicht in die Vorstellung gegangen, weil ich wusste, dass dem Film Oscar Awards verliehen wurden, dass er aber auch Missbilligung erfahren hat. Mir geht es genauso, nicht jedermann akzeptiert mich.

     
    3

    Da ich mich vor dem Kinobesuch kaum mit „Green Book“ beschäftigt hatte, war mir nicht bekannt, dass die Story keine reine Fiktion ist, sondern eine Geschichte von inzwischen Verstorbenen zum Vorwurf genommen hat. Spätestens als im Abspann zum Vorschein kam, dass der Sohn des Chauffeurs Drehbuchautor des Streifens ist, war klar, dass es kein Doku-Film ist.

     
    4

    Von der Vita des Pianisten Dr. Don Shirley war ich beeindruckt. Gehört hatte ich von ihm bis zum Betrachten dieses Films nie. Für eine selbst verschuldete Bildungslücke halte ich das nicht, viel mehr für das Vorenthalten von Wissen durch (Musik-)Historiker. Jedenfalls habe ich mich noch in tiefer Nacht nach dem Kinobesuch nach Hörbarem umgesehen. Auf moderne Streamingdienste ist Verlass …

     
    5

    Don Shirley hätte eigentlich gerne Klassisches Repertoire gespielt. Dass es nicht dazu kam, wurde im Movie deutlich gemacht. Aus anderer Quelle stammen diese Worte:

    Despite his training, Shirley in his 20s was dissuaded from pursuing a career as a classical pianist by impresario Sol Hurok, who said the country wasn’t ready to accept a black man in that arena.

    Mir ist im Vorführraum der Pianist André Watts eingefallen. Er ist als Sohn einer ungarischen Pianistin und eines US-amerikanischen Offiziers in Nürnberg geboren, ein Farbiger, der in den USA hohes Renommee als Klassischer Pianist genoss. Er ist etwa 20 Jahre nach Don Shirley zur Welt gekommen. Der Beginn seine Karriere als Konzertpianist fiel in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung.

    Dr. Don Shirley hätte als Jazzpianist sich vermutlich einen Namen gemacht, etwa wie die ca. 2 Dezennien vor ihm geborenen Teddy Wilson, Fats Waller, Earl Hines. Weil er kein astreiner Jazzer war, taucht er nie im Namensregister eines Berendtschen Jazzbuchs auf, weder in der 1. Ausgabe aus dem Jahr 1953 noch in der 7. Ausgabe des Jahres 2011. Wie schon gesagt: ein astreiner Klassiker war er auch nicht, es wurde ihm nicht gestattet. Er gehört nicht zu den jungen und alten weißen Männern und ihm fehlt auch der Stallgeruch von echten Black People, er kennt nicht einmal Little Richard.

     
    6

    In (Musik-)Filmen jüngeren Datums scheint man nicht mehr so hanebüchene manuelle Fakes bei der Schaustellung von Handgreiflichkeiten beim Spielen eines Musikinstruments zu dulden. Es war schon bei WHIPLASH verblüffend, was der junge Drummer-Schauspieler an der Batterie vorführte. Wenn ich mich nicht irre, war er ein hochtalentierter Amateur. Auch in ‚Green Book‘ darf man dem Pianeur auf die Hände schauen, und stellt fest, dass die Finger wirklich die Tasten treffen, die zu den wahrgenommenen Tönen passen. Weil ich am Ende eines Films bis zum letzten Buchstaben des Abspanns sitzen bleibe, habe ich auch gelesen, wer diese kühnen Piano Stunts ausgeführt hat. Leider habe ich den Namen vergessen …

     

    7
    Mit einer Szene des Films komme ich überhaupt nicht ins Reine. Dr. Don Shirley wohnt außergewöhnlich luxuriös. Das Appartement halte ich nicht für eine Eigentumswohnung, die Wohnlage ist exclusiv und teuer. Die Suite befindet sich in der Carnegie Hall, in einem Ort, der sonst eher „höheren“ Kunstformen – in erster Linie natürlich der klassischen Musik – vorbehalten war. Und dort residiert er wie ein König, umgeben von wertvollem Nippes. Das hätte mein Großvater sehen sollen, der Musik für eine brotlose Kunst gehalten hat.

     

    8

    Das Bild des Negers, das damals in den Vorstellungen der Sklavenbefreier entstand, war ein Trugbild mit einer schwarzen Haut und darunter einer weißen Seele. Dieses Trugbild scheint heute noch durch die gesamte Jazzliteratur zu spuken. Niemand hat das früher erkannt als der Afro-Amerikaner selbst, der dafür Ausdrücke wie „white man’s nigger“ und „to uncle tom“ erfand. Harriet Beecher-Stowe erwies mit ihrem Buche ,,Onkel Tom’s Hütte“ (Boston 1852) zwar der edlen Sache der Sklavenbefreier einen unschätzbaren Dienst, trug aber auch entscheidend zur Verbreitung jenes romantischen Mitleids bei, das viele für Humanität hielten. Man sah in den Sklaven hilflose Wesen, die sich nach Freiheit und nach einem menschenwürdigen Dasein sehnten. Menschenwürdig wurde stillschweigend gleichgesetzt mit „weiß“.

    Diese Einstellung ist nichts anderes als eine etwas verspätete amerikanische Variante des europäischen Naturalismus des 18. Jahrhunderts (die Soziologie nennt das einen „cultural lag“). Sie basiert auf der Idee vom „edlen Wilden“ (Rousseau), die man jetzt auf den „wilden“ Mann im eigenen Lande projiziert. Im Neger steckt ein „edler“ Kern. Man erkennt dies daran, wie gelehrig er ist. Der wirklich edle Neger ist ein „schwarzer“ Europäer. Das beweisen seine geistigen Schöpfungen, die man plötzlich entdeckt: seine Spirituals sind „schwarze christliche Kirchenmusik“, seine Blues „ein weißes Lied — schwarz“. Man ist überzeugt, daß die afro-amerikanische Kultur durch Verbildung der europäischen entstand.

    Alfons M. Dauer, JAZZ die magische Musik (Bremen 1961 – Seite 48)

     

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    Neymar wurde in der Nähe der brasilianischen Metropole São Paulo in Mogi das Cruzes in ärmlichen Verhältnissen geboren. Sport eröffnet einen Weg aus unteren sozialen Schichten nach oben. Im 19. Jahrhundert gab es noch keine Olympischen Spiele, American Football steckte in der 2. Hälfte des Jahrhunderts als College Sport noch in den Kinderschuhen. Musik aber – nicht erst seit der Etablierung der Musik-Industrie – bot eine vage Chance, widrigen Verhältnissen zu entkommen. Farinelli ist nicht nur der Titel eines Spielfilms. Er war der berühmteste Kastrat des 18. Jahrhunderts. In Italien fanden damals trotz offizieller Verbote im Verborgenen schätzungsweise mehrere tausend Kastrationen pro Jahr statt. Manchmal erfand man zur Rechtfertigung Geschichten von kleinen aber folgenreichen Unfällen, etwa wenn man im übermütigen kindlichen Spiel versuchte, auf Gartenzäunen zu balancieren. Teilweise kam es vor, dass Jungen für ein „Trinkgeld“ von Eunuchenhändlern ihren zumeist bitterarmen Eltern abgekauft wurden, um sie anschließend illegal zu kastrieren und hernach stimmlich und liturgisch auszubilden. Viele arme Familien erhofften sich eine finanziell einträgliche Karriere für ihren Sohn.

     

    10
    Jack Johnson (1878 – 1946) wuchs in armen Verhältnissen als Sohn ehemaliger Sklaven auf. Er war von 1908 bis 1915 der erste schwarze Boxweltmeister im Schwergewicht. Johnson eröffnete 1920 einen Nachtclub, den Club Deluxe, in New York und verkaufte ihn 1923 an den Gangster Owney Madden. Der machte daraus den legendären Cotton Club. Schwarze Musiker – zwischen 1927 und 1934 waren die Orchester Duke Ellingtons und Cab Calloways Hausband – spielten in diesem berühmten Club, allerdings nur für ein weißes Publikum, denn schwarze Zuschauer hatten keinen Zutritt. Don Shirley spielt bei seiner mutigen Südstaaten-Tournee nur vor weißem Publikum. Am Ende wird ihm vor Beginn seines Auftritts das Speisen im Restaurant des noblen Clubs verwehrt.

     

    11
    Green Book ist nicht der erste Film über eine Episode aus dem Leben eines afro-amerikanischen Musikers, der mir bekannt geworden ist. Im Jahr 2014 kam 12 Years A Slave in die deutschen Kinos. Der Titel des Films war mir lange vor seiner Entstehung bekannt. Es ist der Titel der Memoiren von Solomon Northup. Sie sind mir in knappsten Auszügen bekannt aus meiner Schulzeit. Ich hatte mir angewöhnt, in der 11. Klasse das Thema JAZZ zu behandeln, mindestens das halbe Schuljahr füllend. Es stand – so erinnere ich mich – nicht explizit im Lehrplan. Ich glaube „Außereuropäische Musik“ war vorgeschlagen. Ich begann mit einem kleinen Einblick in Westafrikanische Musik, bevor ich die Verschleppung von Afrikanern nach Amerika in die Sklaverei relativ ausführlich ansprach. Als Materialsammlung diente mir Wolfgang Wimmer, Die Sklaven – ein Buch, in dem Solomon Northup reichlich zitiert wird.
     
     

    Twelve Years a Slave is the memoir of a freeborn African American from New York who is kidnapped and sold into slavery. After being held for twelve years on a series of Louisiana plantations, he is eventually freed and reunited with his family. Solomon Northup published his memoir the year he was rescued, 1853, and, arriving soon after Harriet Beecher Stowe’s „Uncle Tom’s Cabin“, it proved a bestseller. It is notable not only for its lucid description of plantation life, with detailed passages on the methods by which cotton and sugarcane were harvested and processed, and how slaves were fed, housed and punished, but also for the author’s evenhanded treatment of his subject: although he denounces slavery as an institution, Northup expresses his gratitude to the masters who treated him with gentleness and generosity, and shows a surprising ability to forgive even the most unimaginable cruelties.

    Quelle: LibriVox

     

    12
    Wie Green Book im Jahr 2019, so wurde 12 Years A Slave bei der Oscar-Verleihung 2014 als *Bester Film* ausgezeichnet.

    Green Book
    ist der Film eines weißen Regisseurs und eines weißen Drebuchautors

    12 Years A Slave
    ist der Film eines schwarzen Regisseurs und eines schwarzen Memoirenautors

     

    13
    Vordergründig sind Green Book und 12 Years A Slave keine Musikfilme. Ob das wirklich so ist, hängt alleine davon ab, durch welche Brille respektive durch welches Hörgerät die Filme wahrgenommen werden. Für mich sind es auch Musikfilme, schließlich sind die Hauptpersonen professionelle Musiker, wobei es für Northup nicht der einzige Broterwerb gewesen zu sein scheint.

    Prior to enslavement, fiddling, “the passion of [his] youth,” provides Northup with supplemental income that helps to sustain his family during periods of insufficient employment in agriculture and carpentry. Music was an ideal side-career for someone in such circumstances, though, as Northup’s story shows, it did not protect him from the dangers of being black in the United States.

    Quelle: soundstudiesblog.com

    Neben Kompositionen von Hans Zimmer – das Main Theme „Solomon“ ist wirklich ergreifend – gibt es zwei Welten von Musiken in 12 Years A Slave. Worksong und Spiritual einerseits sind tief verwurzelt in afrikanischer Kultur. Die europäisch orientierte Fiddle Music – Northup hört man ein- oder zweimal als Fiddler während seiner Sklavenzeit in Louisiana – erinnert mich an Irish Fiddle Tunes.

    Negro jigs were produced by competition and cooperation among African and Irish musicians and dancers, who met and interacted throughout the Atlantic world. They represent one of many instances when white and black people communicated through culture and created something new to identify with individually and as communities.
    […]
    African and Irish emigrants uprooted from their homelands by economic and political aggression met and mixed in slave ships and plantation fields, city streets and cellar taverns, farmhouse kitchens and prison cells. But it wasn’t just poverty and displacement that brought them together in the New World. It was likenesses in their music and dance traditions. In western regions of Ireland and Africa, from which most of North America’s Irish and African populations came, dance and music were a part of everyday life. Not everyone in the old country was good at playing music or dancing, but everyone participated. These similar backgrounds offered people with different languages and cultures chances of communication.

    Quelle: common-place.org

    Als Fiddler gehörte man nicht zwangsläufig zu den extrem hart arbeitenden Feldsklaven. Mit einer Geige und einfacher Perkussion konnte man wenn es gebraucht wurde zum Tanz aufspielen, die Feiern und Feste der *Masters* schmücken. So wurden Sklaven ermutigt (oder gezwungen), das Instrument anzunehmen, und musikalische Fähigkeiten wurden als hoch geschätzte Fähigkeit angesehen. Das Fiddeln gewährte (vorwiegend männlichen) Sklaven ein ungewöhnliches Maß an Mobilität sowie wirtschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten. Die Tatsache, dass in zahlreichen Annoncen über entflohene Sklaven zu lesen war, dass die gesuchten Personen Fiedler waren oder eine Geige besaßen, deutet darauf hin, dass die erhöhte Mobilität und der Zugang zu Einkommen einigen die Flucht erleichtert haben.
     
     


     
     
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    Die Überlieferung afro-amerikanischer Musik vor der Erfindung der Schallaufzeichnung ist äußerst dürftig.

    Uncovering the sounds of vernacular music of the pre-recorded era can be incredibly challenging. For this reason, Northup’s descriptions, when coupled with musical notation, make it possible for us to hear something historically significant.
    […]
    Because Solomon Northup was a highly-skilled fiddler and a keen observer of plantation culture, his autobiography is one of the most substantive accounts of musical life during slavery and the only slave narrative that includes sheet music in its text.

    Quelle: soundstudiesblog.com

     

    14
    Das ist kein Kommentar zu Jans Blog-Posting. Wir beide haben den Film gesehen und ich habe durch Jans Brille auf den Film zurückgeblickt. Das hat mich dazu gebracht, meine Brille aufzusetzen, dahin und dorthin zu schauen. Da lagen noch mehr Brillen herum, zum Beispiel die von Alfons M. Dauer. Wenn man durchschaut, bekommt man viel mehr zu sehen. Interessanterweise färben die Brillen das Gesehene ganz unterschiedlich ein, ja sogar gegensätzlich. Das heißt nicht, dass ich mich bei konträren Blicken auf den Film gegen eine Sichtweise zu Gunsten einer anderen entscheiden müsste. Nein, sie öffnen verschiedene Perspektiven. Mir gefällt Jans Sichtweise und diese hier auch:
     
     
    ‚Green Book‘ Is A Poorly Titled White Savior Film
     
     
    Steht irgendwo, dass ein Film nur dann gut ist, wenn man völlig verstört aus dem Kino kommt?
     

    Ich frage mich, warum es den Film entwertet, wenn er Erbauung transportiert. Steht irgendwo im Kleingedruckten, dass ein Film nur dann gut ist, wenn man völlig verstört aus dem Kino kommt? Ich empfinde es als große Leistung, eine Geschichte mit so vielen Höhen und Tiefen zu erzählen – und das Publikum am Ende trotzdem mit einem guten Gefühl zu entlassen. Und ich halte es für wichtig, dass es auch weiterhin einen Platz für diese Art von Filmen gibt. Wir brauchen auch emotionale Diversität.
     
    Mahershala Ali

  2. Michael Engelbrecht:

    „Steht irgendwo, dass ein Film nur dann gut ist, wenn man völlig verstört aus dem Kino kommt?“

    Haha.

    Tolle Ausführungen.

  3. Hans-Dieter Klinger:

     
    White Saviors
     

    Solomon Northup wäre ohne einen ‘White Savior’ nicht mehr zu seiner Familie und in die einem Afro-Amerikaner gestattete Freiheit zurück gekehrt. Sklavenaufstände in den USA des 18./19. Jahrhunderts wurden allesamt niedergeschlagen. So kann man relativ sicher behaupten, dass die Abolitionistenbewegung von zahlreichen ‘White Saviors’ getragen wurde. John Brown’s body lies a-mouldering in the grave, nachdem sein Versuch, Sklaven zum Aufstand zu bewegen, gescheitert war.
     
     
    Sklaverei und Christentum

    Die Portugiesen hatten schon lange vor den großen Entdeckungsfahrten Sklavenjagd an der afrikanischen Küste getrieben. […] Sie brachten harmlose, zutrauliche Küstenbewohner durch Überfall oder Mißbrauch ihres Vertrauens in ihre Gewalt. […] Ihre Rechtfertigung lautete, sie wollten die Seelen der Schwarzen retten, sie taufen lassen und sie zu Dolmetschern heranbilden, um mit ihrer Hilfe den Glauben weiter auszubreiten. Sie konnten sich dabei auf eine lange Tradition stützen, in der die Sklaverei gerechtfertigt worden war.

    Wolfgang Wimmer, Die Sklaven (Reinbek 1979) Seite 111
     
     

    Was die Sklavenfrage angeht, hatte das christliche Gewissen eine Inkubationszeit von fast 2000 Jahren, das heißt, es schlief so lange. Natürlich hatte es sich immer wieder in einzelnen Christen geregt, die die Grausamkeit des Sklavensystems erkannten und sie wenigstens mildern wollten. Aber wirklich erwachte dieses Gewissen erst im 18. Jahrhundert in den Freikirchen Nordamerikas, die endlich mit der nötigen Klarheit feststellten, daß die Sklaverei keine Einrichtung für Sünder, sondern selbst eine Sünde sei.

    1780 erklärten die Methodisten,
    daß Sklaverei den Gesetzen Gottes, des Menschen und der Natur widerspricht und die Gesellschaft verletzt; daß sie dem Diktat des Gewissens und der lauteren Religion widerspricht; daß sie das tut, was wir nicht wünschen werden, daß andere es uns und unsern Lieben tun!

    Die Baptisten beschlossen 1789,
    daß die Sklaverei als eine gewaltsame Beraubung der Rechte der Natur mit einer republikanischen Regierungsform unverträglich ist und daß wir daher unseren Brüdern jede gesetzmäßige Maßnahme zur Ausmerzung des schrecklichen Landesübels empfehlen.

    Wolfgang Wimmer, Die Sklaven (Reinbek 1979) Seite 76

     
    Colored Saviors
     

    Ich muss zugeben, dass mir der Begriff *White Savior* erst im Jahr 2019 begegnet ist im Zusammenhang mit dem Film Green Book. Natürlich kann man sich fragen, ob es den Colored People in Amerika überhaupt möglich wäre, sich selbst zu erretten. Wohin? In unseren Zeiten in eine Gleichberechtigung ohne eine Spur von Diskriminierung – bestenfalls. Im 19. Jahrhundert war Freiheit zu erwarten im Promised Land der USA, in den Nordstaaten. Der Sklave der Südstaaten konnte nur durch Flucht eine freiere Existenz finden. Ohne Hilfe war das nicht möglich. Hilfe bot die informelle Underground Railroad, eine Fluchthelferorganisation, in der es auch ein paar wenige Black Saviors gab. Die berühmteste Persönlichkeit ist Harriet Tubman. Wynton Marsalis hat sie in seinem Album Thick in the South gewürdigt.

    Filmen wie Green Book12 Years a Slave übrigens auch – wird zuverlässig die White-Savior-Haltung vorgeworfen. Nun frage ich, weil ich es wirklich nicht weiß, ob die vielen Westernfilme, in denen die Indianer normalerweise nicht gerettet, sondern gemetzelt werden, ähnliche Wellen von Entrüstung auslösten. Meine Auffassung von Movies ist, dass in jedem Film mehr oder weniger der Keim von Ideologie entfaltet wird. Western sind für mich Propagandafilme der National Rifle Association.
     
     
    Carnegie Hall
     

    Im Podcast-Fundus des Deutschlandsenders gibt es eine Sendung des RIAS aus dem Jahr 1983 über die Carnegie-Hall. Einer der Autoren ist Siegfried Schmidt-Joos. Wegen seiner Neigung zum Jazz und zur Pop- und Rockmusikkultur rückt er das vorherrschende Bild der Carnegie Hall als eines Tempels der Hochkultur zurecht. Nicht erst 1938 mit dem berühmten Konzert Benny Goodmans war Jazz in diesem Haus zu Gast. Interessant finde ich die Passage ab 46:30. Dort erfährt man, dass wenige Jahre nach Bau und Eröffnung der Carnegie Hall mehrere Studios und einige Wohnungen eingerichtet wurden. In einer dieser Wohnungen hat Don Shirley tatsächlich gelebt, fast 6 Jahrzehnte lang!

    Der Photograph und Dokumentarfilmmacher Josef Astor, der den Film Lost Bohemia machte, über die Zerstörung der Künstlerstudios/wohnungen über der Carnegie Hall, in einer deren auch Don Shirley für fast 59 Jahre wohnte, hofft noch 2019 aus dem mit Shirley gedrehten Material einen vollständigen Dokumentarfilm erstellen zu können: Let It Shine – Donald Shirley In His Own Words (working title).

    Quelle: Wikipedia

     
    Don Shirley – Diskografie
     

    Qobuz bietet 12 Alben an. Eines davon habe ich komplett angehört – PIANO PERSPECTIVES, wirklich hörenswert trotz miserabler Tonqualität. Geistreich sind seine Intros. Das erinnert mich an Erroll Garner, der für seine hinterlistigen Einleitungen berühmt ist. Seine Affinität zur Klassik bricht immer wieder durch, zum Beispiel in imitatorisch polyphoner Stimmführung, darin vergleichbar mit Dave Brubeck. Shirley spielt aber swingender als Brubeck. Die Einleitung zu How High The Moon erinnert an Rachmaninoffsche Harmonik. In Blue Moon zitiert er gar aus Ravels Gaspard de la nuit. Sein Partner bei diesen Einspielungen ist der Bassist Richard Davis, der nach Discogs mit Jazzgrößen wie Eric Dolphy, Elvin Jones, Roland Kirk, Sun Ra zusammengearbeitet hat. Seit dem Film Green Book ist das Interesse an diesem vergessenen Künstler unverkennbar erwacht – How High The Moon (YouTube)
     
     
    Kris Bowers
     

    Er ist Mahershala Alis Piano Double – have a look
     
     

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