Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

  

Robert Fripp: Exposures

 

(1) Wie alles anfing, 1969. The gardener plants an evergreen / Whilst trampling on a flower / I chase the wind of a prism ship / To taste the sweet and sour“. Irgendwann, ganz sicher, ist mir auf einer Party, als es noch keine sozial-liberale Koalition gab und „Der Kommissar“ mit dem Stoiker Erik Ode zu den Innovationen des Zweiten Deutschen Fernsehens zählte, die Platte mit dem berühmten Cover in die Hände gefallen, und wir staunten nicht schlecht, als wir den wilden rhythmischen Verwirbelungen des „21st Century Schizoid Man“ folgten. Unerhörter Stoff.

Neben den karmesinroten Unheimlichkeiten, die sich auf dem Album bemerkbar machten, zogen auch diverse, mellotrongetränkte, Sehnsüchte ihre einsamen Bahnen. Und so  wurden diverse King Crimson-Alben Begleiter durch Lehr- und Wanderjahre. Seit einiger Zeit ist die Musik von Herrn Fripp und seinen Kollaborateuren Gast in meiner „elektrischen Höhle“, vorzugsweise in den Surround-Mischungen von Steven Wilson, die mich eher nicht in sog. gute alte Zeiten transportieren, vielmehr in entlegene Seelen- und Empfindungszonen. Die Höhle ist ein geschützter Raum, und gelegentlich findet sich ein Gast ein, der einen guten Rotwein mitbringt. Letztlich ist das Hören von Musik eine Form des Verweilens, der Meditation.

Und so begab ich mich in den letzten Wochen auf eine Zeitreise in die Jahre von Fripp, dem Solisten: zwischen 1977 und 1983, spielte er solo seine Frippertronics, erholte sich von der ersten langen Regentschaft von King Crimson, übte den „lateralen Drift“ frei nach Robert Pirsigs „Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten“, brachte diverse Musikproduktionen auf den Weg, widmete sich (etwas früher noch, zwischen 1974 und 1977), und sehr „diszipliniert“ (ein Schlüsselwort seines kreativen Credos), einer von Gurdjieff-Nachfahren befeuerten Schule der Spiritualität, und pflegte seine Freundschaft zu dem bekennenden Atheisten Brian Eno, den er stets „Captain“ nannte.

Wie das Leben eben so spielt, zwischen frühen Jahren des Ruhmes, zwischen dem heimischen Dorset und Manhattan – und einem mindestens grenzwertigen Hang zur Perfektion.  Von all dem handelt meine „Besprechung“ der neuen und, gelinde gesagt, opulenten Robert Fripp-Box, „Exposures“. Angefüllt mit Erinnerungen, Umschreibungen, Fantasien, Tatsachen, Empfindungen, Beiläufigkeiten. Alles endet auf dem Nürnberger Zeppelinfeld, auf welchem die neu formierte Ausgabe von King Crimson (mit Adran Belew, Bill Bruford, und Tony Levin) am 5. September 1982 aufspielte. Und aus allerlei Gründen kann ich mich an jenen heissen Spätsommertag besser erinnern als Mr. Fripp. Um es mal so zu umschreiben: ich war als Gärtner unterwegs und pflanzte einen Evergreen, und während ich auf einer Blume herumtrampelte, jagte ich ein Prismenschiff, um das Süsse und das Saure zu verkosten. Damals, die Bilder hinter den Bildern, sie verschwanden nicht. Auch später nicht.

 

 

 

(2) I’m a member of the league of gentlemen.  Nennen wir diese Box eine Schatzkiste!  „Robert Fripp: Exposures – Studio, Live 1977-1983“. 25 CDs, 3 DVDs, 4 Blu-rays. Viele Memorabilia, ein 38-seitiges Booklet, etliche Memorabilia und Faksimiles. Wo soll man da ein-, wo auftauchen?

Alle Platten aus jenen Jahren habe  ich mir seinerzeit gekauft, und sie bilden, neben zahllosen Abschweifungen zwischen Frippertronics, Live-Auftritten und Studiosessions ein Kernelement von „Exposures“.  Musik, die sich nicht mit intensiv gelebtem Leben verbindet, ist sowieso zum Vergessen.

There is no replacement for fire, schrieb der Architektur-Philosoph Christopher Alexander in seinem Buch „A Pattern Language“ über die besondere Magie von Kaminen im Wohnzimmer. Für das Hören von Musik gibt es auch keinen Ersatz. Und eins garantiere ich, mit einem Schmunzeln, für einige der folgenden Folgen: sex and drugs and rock‘n‘roll – nicht in dieser Gewichtung, und sowieso viel mehr!

 

 

 

 

(3) Let The Power Fall, und grüner dekoffeinierter Tee für Herrn Fripp. 1981, als das einzige pure „Frippertronics“-Album der frühen Jahre rauskam, erntete es gemischte Reaktionen, aber der „down beat“ vergab fünf Sterne, einen klugen Text, und bei mir landete „Let The Power Fall“ gewiss auf den vordersten Plätzen meines damaligen Jahresrückblicks, und 1981 war ein schwergewichtiges Jahr für richtig gute Platten. Ich liebte die Schallplatte, legte sie gerne nach der Arbeit in der Fachklinik Furth i. W. auf meinen Dreher, und, gemäss dem Aufruf des Titels, liess ich all meine „power“ fallen. Es war wie eine Reinigung der Sinneskanäle, und ich tendiere nicht zu Feng-Shui und esoterischem Small Talk. „Wenn Robert Gitarre spielt, klingt das, als würde das Universum weinen.“ Der Satz stammt nicht von mir, das sagte Daryl Hall.

Wer das Album nicht mag, spricht von grossem Gebrumm und endlos repetitiven Tonschleifen zweier präparierter Revox A-Tonbandmaschinen, zu denen sich Fripps Gitarrenimprovisationen mischten. Wer die Musik nicht mochte, erlebte sie als harte Kost, mathematisch, kalt, unheimlich, schockierend, langweilig ohne Ende. Die Gegenseite empfand die sechs Stücke, die nachfolgende Jahreszahlen zum Titel erklärten, also auch „1984“ mit seinen Orwell‘schen Anklängen, als unheimlich, umfassend, dunkel, hinreissend, meditativ. Tja, Sie wissen schon, die Sache mit dem Auge des Betrachters, und dem Ohr des Hörers.

Die Pressungen der Schallplatten-Editionen waren sehr unterschiedlich, und Platten leiden über die Jahre – es knisterte zu viel. In den letzten Jahren erstand ich auf Discogs ein miserables Exemplar dieses Albums, und ein ganz ordentliches. Ich liebte die Klangqualität, den Sound, und der Sound WAR die Musik. Ich träumte davon, „Let The Power Fall“ – hochauflösend – und im Surround zu erleben, und dieses „Box Set“ liefert dazu den ultimativen Stoff – der Stereo-Mix pure Freude, die Abmischung für Surround „frippertronics for the heavens“. Mit vielen Extras: Basisloops des Albums, Live-Konzerte, nicht verwendete Kompositionen.  Akustische Archäologie solcher Art mag nicht jedermans Hobby sein, aber das Material ist gehaltvoll. Dokumentarfilmer können hier in über 80 Stunden auf diversen Blurays gespeicherten „Solo-Mediationen“ fündig werden. „A long weekend with Frippertronics“ – wer ein Wochenend-Retreat plant, braucht sich über verwandelte Bewusstseinszustände nicht mehr über Gebühr kümmern.

Ich bin in meiner elektrischen Höhle und werfe die Maschine an. Fripp nimmt neben mir Platz, und die Surround-Wirkung setzt ein. Ich sage: „Mr. Fripp, über die Jahre habe ich diese sechs Kompositionem stets als sehr unterschiedlich erlebt, die exstatischen Sci-fi-Wirbelungen im langen Auftakt, das enorm weite Frequenzfeld, die Art, wie plötzlich kurze dunkle Sounds aufwallen und schneller verschwinden als sie auftauchen.“

Ich lachte über meine Sprechweise und war schon still. Was ringsum anbrandet, an delikaten Texturen, während ich uns einen weiteren grünen dekoffeinierten Tee einschenke, ist seit 1981 erstaunlich. Als „1987“ durch die Höhle strömt, glaube ich, Fripp flüstern zu hören: „You can dance to it“. Glauben Sie keinem, der sagt, da könne man sich auch das Brummen des Eisschranks anhören! Das Album ist einzigartig und so endlos faszinierend, wie, etwas länger her, „No Pussyfooting“ und „Evening Star“ (Seite 1) von Fripp & Eno.

 

Interludium Mark Smotroff. „Frippertronics is almost like Jazz but it isn’t anything like Jazz. Its almost like minimalist classical music but it isn’t anything like minimalist classical music. It is just… Frippertronics! When you stop to think about all he was doing then on these recordings, you realize this is the work of a master musician/composer at an early peak.“

 

(4) An Englishman in New York“. Es gibt in dem grossen Beiheft der Schatzkiste ein witziges Foto: Robert Fripp im heimischen Dorset, in einer Art „Umerziehungslager“ bei der Gartenarbeit. Der junge Mann hatte bereits kleine und grosse Rockgeschichte geschrieben, mit zwei Fripp & Eno-Alben (die damals nicht gerade als Klassiker erkannt wurden, selbst der geschätzte Manfred Sack (Die Zeit) empfand die Musik des Duos als tendenziell zugedröhnt und wenig berauschend), darüber hinaus und vor allem mit King Crimson und diversen Erkundungen am Hof des kamesinroten Königs – aber King Crimson hatten sich vorerst in die Historie, Abteilung Mottenkiste, verabschiedet. Die englische Presse liess kein gutes Haar an den Überkomplexitäten des „Progressiven Rock“ – das preisende Etikett wurde zum Schimpfwort, und der Punk als Stunde Null einer neuen aufregenden Kultur gefeiert.

Robert gestaltete seinen Nullpunkt anders und zog sich in ein „spirituelles Zentrum“ im englischen Hinterland zurück, „Guru“ inklusive, um auf den Spuren der Lehren des Mystikers Gurdjieff eine neue „Verortung“ seines Selbst vorzunehmen, Meditation, Gartenarbeit, Stille. Nebenbei – Gurdjeff hatte ja auch ein Händchen für Musik, war ein Globetrotter und Sammler fast verschollener Lieder und unerhörter Töne. Keith Jarrett zauberte einst aus alten Transkriptionen  die entrückten Solo-Piano-Meditationen von „Sacred Hymns“ (ECM) – hören Sie sich die Schallplatte mal an, und hinterher  Fripps Soloexkursionen von „Let The Power Fall“. Zum Versinken.

Und alsbald verschlägt es ihn,  im Jahre der Dame 1977, nach  New York, und Er gerät in eine kulturelle Szene, die er, rückblickend, als immensen „power spot“ erlebt, so überbordend wie der wilde Teil der „Sixties“ im Mutterland der Popmusik. Er reaktiviert die Revox-Tonbandmaschinen, und, die wandlungsfreudigen Gitarren-Loops der „Frippertronics“ wurden seine spezielle Art der „Selbstversenkung“ (meditationstechnisch wird das alte Ego natürlich nicht wirklich „versenkt“, es befreit sich lediglich, wenn es gut läuft, von eingeschliffenen „patterns“).

Mit einem guten Vorrat an neuer Energie ausgestattet, reihen sich in den Jahren zwischen zwei „King Crimson-Inkarnationen“ Abenteuer an Abenteuer  – und genau davon handelt „Exposures“. Weihnachten 77 verbringt Fripp zum ersten Mal fern der alten Heimat, und ein anderer New York-Umsiedler bringt die Glöckchen für den Weihnachtsbaum mit, Brian Eno. Die beiden Pop-Intellektuellen mit einem Faible für „(wild card) collaborations“ und einem geschätzten IQ von 300 (addiert, wir wollen ja nicht übertreiben) mischen die Karten neu. (Das Foto: Frippertronics Performance at Peaches record store, St. Louis, July 19, 1979 – übrigens, am 28. Mai 1979 spielte Robert solo im Govi Schallplattenladen in Hamburg.)

 

 

 

Eno produziert, mit seinen „Oblique Strategies“ zur Hand, drei grandiose Talking Heads-Alben. Nachts schaut er aus seinem Dachgeschossfenster und entwickelt „Mistaken Memories Of Mediaeval Manhattan“. Fripp rockt die Bühne mit Blondie und gibt sein erstes Frippertronics-Konzert in „The Kitchen“. (Das kann man sich auf „Exposures“ anhören, das alte Bootleg verströmt, bestens restauriert, einen frischen dunklen Glanz.) Fripp gibt Greg Lake von Emerson, Lake & Palmer spät abends in einem Taxi einen Korb, der ihn überreden will, „King Crimson 69“ zu reformieren. No way!

Auch seine „Persona“ erfährt eine dezente Wandlung, vom gelockten Kruselhaar zum Typ mit Nadelstreifenanzug. Einen kleinen Kulturschock gibt es für manche Leser des Londoner Magazins „Melody Maker“, als dort auf einmal Deborah Harry aka „Blondie“ und Robert Fripp posieren – der extrem cool und etwas finster dreinblickende Brite ist, neben Mrs. Harry, vorgesehen für die Rolle des Privatdetektivs in einer Neuverfilmung von „Alphaville“.

Hallo, was ist denn hier los… the times they are a‘changin‘ … „It is impossible to reach the aim without suffering“ (Oton von Fripps altem Guru J. G. Bennett, der es, natürlich geloopt, auf die verzweigten wie verwegenen Songs von „Exposure“ schafft.) Im Jahr der Dame 1998 nimmt die Musikzeitschrift „The Wire“ das Soloalbum des Gentleman aus Dorset in ihre Reihe auf:  „100 Records That Set The World On Fire“.

P.S. An early unreleased 1978 version „Exposure“ had an alternate title: „Breathless or How I Gradually Internalized The Social Reality of Manhattan Until It Seemed To Be A Very Reasonable Way Of Life“. It is now Disc 9 of the box set.

P.P.S. Divertimento with Brian Eno, from an interview for a „Klanghorizonte“ radio night, remembering the special atmospheres of New York between 1978 and 1983,  inspired by Rick Holland‘s poem „Pour It Out“ from the Eno – Holland album „Drums Between The Bells“ / and another talk,  from quite long ago (a younger voice …)

 

 

 

 

(5)  – „Exposure“ – „die volle Dröhnung“. „Exposure“ ist langlebig. Ich vergleiche das Hören von 1979, 1980, 1981, in Würzburg, dann in einem Dorf im Nirgendwo, mit der „remasterten“ Begegnung, nach so langer Zeit. Ich bin sofort „drin“. Der flow-Faktor 10, (still) gooseskin attacks. Es gelingt der Zusammenfall der Gegensätze, die berüchtigte coincidentia oppositorum.

„…One of those records that set the world on fire“, diese Übertreibung ist nicht nötig. Aber was sonst der „Wire“ schreibt, im Rückblick, macht Sinn: das im April 1979 erschienene erste Soloalbum von Robert Fripp, sei klipp und klar „the Sgt. Pepper of Avant Punk“. Wie bei „Pepper“,  ausser Intro und Outro, gleicht kein Stück dem andern.

Kurz vor Erscheinen war Fripp unsicher, ob „Exposure“ überhaupt „relevant“ sei – dieses kunterbunte, kuntergraue Gemisch – gerade hier kommt das Besondere zum Vorschein, in harten Schnitten, „audio verité“, Apokalypse, Alltag, Hymne, Rohheit – zum Glück ist Exposure“ auch separat, als CD/DVD (incl. Surround) oder Vinyl brandneu verfügbar.

Die Szene betritt: Peter Hammill, in wallendem Flanellmantel, links das Rauchwerk in der Tasche, rechts sein Brandy zum Auflockern: flüchtig studiert er Song und Text, und legt eine derartige entfesselte Gesangsimprovisation vor, dass Fripp ihn  „co-composer“ nennt. Und dann zweiter Auftritt: Peter mit Terry Roche, Auge in Auge, hinter Glas. Zweite Entfesselung.

Erste Sessions* beginnen früh: mit Jerry Marotta, Phil Collins u.a.: erste Ansätze von „North Star“. Zudem später nicht eingeschlagene Wege, eine Sphäre wie aus „Another Green World“, eine taumelnde Bluesfigur. Improvisationen im Studio sind, typisch Fripp, fokussiert. (Disc 29 / Disc 30: Blasts  & Blasms: Sessions, Jams and Rehearsals (London, New York City, 1977, 1978)

 

 

 

Die Szene betritt: Daryl Hall. Und gleich sein Abgang hinterher. Seit Fripp dessen „Sacred Hymns“ produzierte (wurde erst mal auf Eis gelegt), wittern die Labelbosse von Hall & Oates kommerziellem Selbstmord. In der einen Version fast sowas  wie Leadsänger mit fünf Auftritten, werden seine „guest vocals“ auf zwei limitiert. Erst viel später werden die Rechte freigegeben, für die Albumversion mit „viel“ Daryl Hall (so ein falsches Theater um die Vocals – kein Wunder, das Fripp sich zunehmend unabhängiger machte vom „big business“ und, nach diversen Gerichtsveranstaltungen, „Discipline Global Mobile“ ins Leben rief). 

Die Szene betritt: Brian Eno. „Indiskretionen“ zur Musik, kleine schräge Einwürfe, Humor haben die Zwei. Mit all den found voices ensteht allmählich ein  fulminantes „Theater der Stimmen“, zum Ende Peter Gabriels „Here Comes The Flood“, eine end-of-times-Vision, eine langsame Auflösung ins Nichts, die einzige Aufnahme ever des Trios Fripp-Gabriel-Eno (entschädigt in seiner Abgründigkeit fast dafür, dass es nie zum Trio Walker / Eno / Lanois kam.) Der „Flickenteppich“ von „Exposure“ enthüllt seine Textur, das Richtungslose seine perfekte Gestalt.

Und, in aller Ruhe, noch einmal, ganz langsam: Der „Flickenteppich“ von „Exposure“ enthüllt, mit der Zeit, seine  ausgefeilte Textur, das Richtungslose eine nahezu perfekte Gestalt. „Resplendant in Divergence“.

Und langsam sollte es klar werden: Fripps Musik der New Yorker Jahre ist ein Bruch mit den Mythen und Göttern, die am Hof es Kamesinroten Königs rumschwirrten, aber sie ist kein Bruch mit der eigenen Klangsprache. Das Wurzelwerk erweitert sich einfach.

In the words of my old Punktfestival-compadre John Kelman: „With the New Wave movement in full force, Fripp’s musical background seemed too studied to fit in with the raw and unschooled approach of a New York scene centered around the infamous CBGB’s club. But with Exposure he managed to combine complex ideas with an aggressive punk sensibility.“

 

 

 


(6) „God Save The Queen / Under Heavy Manners“
. Nach dem Erscheinen von „Exposure“, diesem fragmentierten Song-, Stimmen- und Stimmungsalbum, wäre es normalerweise an der Zeit gewesen, damit auf Reisen zu gehen. Stattdessen setzt Fripp seine intimen Solodarbietungen mit den Frippertronics fort, die Reisekosten sind gering, die Gerätschaften anfällig (die Revox-Maschinen haben ihre Tücken, einmal gerät eine in Brand), und manche Kunden und Zuhörer wundern sich, warum es diesen einstigen Hero einer Superband in Pizzerien, Büchereien,  Kaffeehäuser, Schallplattenläden und Kirchenhöfe treibt.

Er liebt den direkten Kontakt mit den Menschen (wenn sie nicht gerade Harcore-Fans der guten alten Zeit sind, und Poseidon, Druiden und den Maskenspielen des Königs nachstellen), was man bei seinen oft hyperintellektuell wirkenden Diskursen nicht unbedingt vermutet. Es ist auch ein Spiel mit der Enttäuschung von Erwartungen: kann man sich auf dieses vermeintlich karge Szenario seiner Improvisationen einlassen, das so wenig mit Rock und Roll zu tun hat, und so viel mit weiten Räumen, die auch in ganz kleinen aufleuchten?!

Bald erscheint ein Album, mit einem seltsamen Doppeltitel (nicht eingängig), einer Seite „Frippertronics“ (nicht eingängig) und einer Seite „Discotronics“ (auch nicht eingängig). Widerständige „soundscapes“ (ein einst modernes Wort dafür), von Fripp absichtsvoll in keiner Weise geschliffen. Die Lust an den Eingebungen des Augenblicks, das Skizzenhafte von „Exposure“  – es  setzt sich fort in der provokativen Unmittelbarkeit von Meditation und Tanz.

Die drei Frippertronics-Stücke sind alles andere als Repetitionen des Immergleichen,  die beiden Groovenummern entkommen der „Disco“ und landen (mit unendlichem Abstand, im Jahre 2022 darf man diese Behauptung anstellen) in jener Art des Zeitlosen, in der das Hören nicht historisierend ist, nicht akademisch, nicht erinnerungstaumeln – und weitaus mehr Meditationsort, Untergrundhöhle, Niemandszone.

Und so machtvoll wie die drei Solostücke diverse Schalter unseres Wahrnehumgsapparates umlegen (können), so sehr bringen die dezent überdrehten Vokalismen von David Byrne und die Bass-Schlagwerk-Stimulationen der „Discotronics“ eine andere Art von Tanzmusik ins Spiel, eine, die auch im Sitzen funktioniert. Zudem präsentiert der Abräumer „Zero Of The Dignified“ eine der verwegendsten, zum Finale hin (nach diversen inneren wows und ahhs) noch  sprachloser machenden, Gitarrensoli seiner Laufbahn. Aus der Abteilung Asche, Glut, und Feuer.*

In Surround pures Surrender, in Stereo  audiophil.  

Das Cover ist dann noch eine Geschichte für sich.

* in ein paar ruhigen Atemzügen zu nennen, beispielsweise, an der Seite von  Terje Rypdal auf „Whenever I Seem To Be Far Away“, Neil Young auf „Like A Hurricane“, David Torn auf einem Track von „Sky Only“ (dessen Titel mir gerade nicht einfällt), John McLaughlin w/ Mahavishnu auf „Sanctuary“, Steve Tibbetts auf „Full Moon Dogs“, und, noch einmal, Robert Fripp auf „Sailor‘s Tale“. Wie gesagt, Glut, Asche, Feuer.

 

 

 

 

„War alles nur ein Spuk, wie Ari-Ups Erlebnisse im Wald, oder in einer Kirche, wo sie mit einer alten Frau über den Teufel gesprochen hat? Sind sie buchstäblich im Untergrund verschwunden? Ist die Provinz die Provinz oder ist sie das Aufmarschgebiet für einen Aufstand gegen die Metropolen? Ein Tag Später war in Hamburg die Strassenschlacht im Karolinenviertel, Mai ’80.“  

(Diedrich Diederichsen, Sounds, Juni 1980)


„Wir sind so oft wie möglich nach Weißenohe gefahren: Robert Fripp + League of Gentlemen, Gong, Soft Machine, Nucleus, Hardin + York, Osibisa, Wolfgang Dauner, Livin‘ Blues, Chicken Shack, Hawkwind, Johnny Winter, Volker Kriegel, Alexis Korner. Bin selbst Musiker geworden, ohne das to Act hätten mir einige wichtige Inputs gefehlt.“

(Rainer Berneth,  To Act-Insider) 

 

 

 

 

(7/1) Ein Tag im Mai in Weissenohe. Im Mai 1980 lebte ich eine Zeitlang in den Gedichten von Jürgen Becker, und hätte der Meisterlyriker nur Edwin und mich am 22. Mai nach Weißenohe begleitet, in die Fränkische Schweiz, hätte gewiss ein einziges Gedicht gereicht, diesen Ort im Jahrbuch der Lyrik unsterblich zu machen.

Jürgen Becker erzählte mir die Dinge aus dem Alltag der BRD, unverbraucht von Bildungsdeutsch. Wie eine Vaterfigur, der einen Kosmos-Baukasten der Lyrik öffnet. So erfuhr ich auch, wie der alte Krieg sich immer noch einnistete an den Randzonen des Bewusstseins, in altem Geld und Finsterkatholizismus. Manchmal war das eine Art Geschichtsunterricht, der den Blick klärte und leerräumte, in reine Gegenwart vewandelte. Wie der Sound der Rillen beim Auflegen einer ECM-Platte, in den frühen Zeiten, vor dem ersten Ton. Kein Jahr, ohne Ralph Towners „Diary“ aufzulegen!

In den Wochen vor dem Fripp-Konzert in Weißenohe blockierten (soweit ich mich erinnere) zwei Platten abwechselnd meinen Dreher: Linton Kwesi Johnsons „Bass Culture“, und Robert Fripps „Fripper“- und „Discotronics“ von „God Save The Queen / Under Heavy Manners“. Ich hatte unlängst beim Magus der Verhaltenstherapie das  Thema für meine Diplomarbeit durchgesetzt, „Funktionen der Sprache, dargestellt an Konzepten der Kognitiven Verhaltenstherapie“, mein Psychologiestudium neigte sich dem Ende entgegen.

Meine Verlobung war Geschichte, die schönste Frau im Frankenland trieb sich zu meinem Leidwesen an einem Golfplatz in Nova Scotia herum (Teil meiner Trauerarbeit war das  Hören von „Darkness at The Edge of Town“), und das erste Mädel, das ich nach der  Trennung aus der Halbdistanz ihres Arbeitsplatzes in einer Apotheke (zumindest ein wenig) anhimmelte, wurde von einem Auto überfahren. Obwohl Ed und ich schon Jahre lang in Würzburg lebten, erfuhren wir erst jetzt von diesem Powerspot für neue Klänge: Punk, Art-Rock, Reggae, Experimente, underground, Vorhang auf für einen ehemaligen Pferdestall, und einen Bahnhof, der nur mühselig aus dem Norden Nürnbergs mittels Bummelzug zu erreichen war. Ich hätte hier Stammgast sein müssen seit 1975. Verschüttete Milch.

Wir kamen mit meinem VW 1303 herangerauscht, und hinter Wiesen, Kirchtürmen und anderen Requisiten einer stehengebliebenen Zeit,  landeten wir beim „To Act“. Als erstes fiel mir ein Graffiti ins Auge, das ich eher in Earl‘s Court an einer Metro-Wand vermutet hätte: „Tom Verlaine Superstar“.

Erst vor Wochen war hier Ari Up beim Reggae-Schuhplattler ertappt worden, während die beiden anderen von den Slits Gitarre und Bass probten. In dieser Parallelwelt gab es Volkswandertage, ein „traditionelles Schlachtfest“, und den Einbruch der Avantgarde in die Provinz. Dass die Slits und die Pop Group hier auftraten, war für Insider der Normalfall in Weißenohe, um uns herum parkte eine muntere Wagenkolonne aus München, Regensburg, Kaiserslautern, Nürnberg, Hof und Stuttgart.

Wir waren im Hinterland angekommen,  und vom Hinterland fühlte ich mich von früh an angezogen. Gerne hohe Wellen, gerne wildes Grau, gerne grüne Wiesen, Auen, Almen. Der Name der Sehnsucht hatte vorzugsweise einem weiblichen Vornamen. Die  Brünette, die ich an einem Bach, nah des Dorfes, um einen Kuss bat, frech wie ich war, und die retournierte: „Macht ihr Landeier das so?“ „Ich bin kein Landei. Ich bin der letzte Romantiker  des Internationalen Studentenhauses zu Würzburg.“ „Guter Versuch, Schätzchen.“ Netter Korb. Hippie baggert Punk an – „es wird böse enden“.  Ed und ich gingen nach zwei Gläsern Bier in einem zünftigen Wirtshaus in die Scheune, und es gab dort eines dieser Konzerte, das ich nie vergessen würde: „Robert Fripp & The League of Gentlemen.“

 

 

 


(7/2) Eine kurze Geschichte zur League of Gentlemen.
 Ich weiss gar nicht mehr, sassen wir in der alten Scheune auf Stühlen, oder standen dicht gedrängt? Dem Punk, der Lisa hiess, warf ich eine Kusshand zu, und sie rollte mit den Augen und lachte. Der erste Ruf aus dem Publikum, Fripp möge sich erheben. Fripp entgegnete: „I have to sit. I‘m only a limited guitar player.“ Es wurde gelacht. Aber tanzten wir? Schliesslich wurde das Quartett mit den Toobads (Sara Lee, klassisches Training, Bass), Johnny Toobad (Schlagzeug), Barry Andrews (keyboards) und Fripp (Gibson, Synthi) als „second wave dance band, with an emphasis on spirit rather than competence“ (OTON Fripp) umschrieben.

Da das Album erst Ende 1980 rauskommen sollte, hatten wir keine Idee, was uns erwartete in Weißenohe. Nun: eines  von 77 Konzerten dieser kurzlebigen Formation, und auf der Rückseite der LP sollten all diese Orte und Nächte vermerkt sein. So roh und pink wie das Cover war auch diese deep rockende Veranstaltung: ein dichter, rein instrumentaler, repetitiv durchgegroovter „Art Punk Rock“, so herrlich dirty, dann wieder feingeschliffen, pirouttendrehend, von klarer, Fripp’scher Handschrift konzipiert. Wir lauschten gebannt.

 

 

 

 

Man konnte nicht nicht hinhören – die Musik bewegte sich auf einem immens hohen Energielevel, den Joint reichte ich ungeraucht weiter. Eine Liga der Gentlemen mit einer Frau, das hatte was. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft, schön laut, Disc 17 der Exposures Box, der Auftritt im Paradise Club in Boston vom 26. Juni 1980. Es fiepst und zischt.

Und wie es halt so Geschichte ist in den Gruppen von und mit Fripp – es geht es nicht ohne gruppendynamischen Stress ab. Fripp, der Eigensinnige, Fripp, der Disziplinfanatiker, Fripp, der Sarkast, Fripp, der Humorist, dessen Humor nicht jeder versteht. Mr. Toobad hatte eine Neigung zu Heroin, und reiste einmal vom europäischen Festland nach London und zurück, um sich den Stoff seines Vertrauens zu  besorgen – er wurde bald gefeuert und durch den talentierten Kevin Wilkinson ersetzt. Barry Andrews fühlte sich zeitweise wie in einem „Gurdjieff‘schen Sozialexperiment“, und Sara Lee behielt Lust und Nerven, immer, und sorgte mit ihrem Spiel für gute Erdung und grossen Anklang – die B52‘s nahmen sie alsbald mit Kusshand.

Dieses Quartett hatte auch einen Beat-Combo-Sound der frühen Sechziger, das liess sich nicht auf Punk und  New Wave runterbrechen. All diese rauchgeschwängerten kleinen Clubs am Rande der grossen Städte und des Hinterlandes, die dieses Quartett beherbergten – da waren sie in ihrem Element, fraglos. Wie John Kelman in seiner XXXXXL-Besprechung der Schatzkiste in „allaboutjazz“ vermerkt, gehe bei diesem Quartett etwas verloren, wenn man es jenseits der Bühnen hört, in den „cleanen“ neuen Stereo- und Surroundmischungen.

Ich verstehe seinen Punkt, und erlebe es doch, zu meiner eigenen Überraschung, anders (so toll es auch ist, auf „Exposures“ zwei bestens abgerockte Live-Dokumente geliefert zu bekommen). Der Surround-Mix zieht mich ins Zentrum der  Musik, die für mich damals wie heute etwas von dem Rumstreunen auf einer riesigen Kirmes meiner Kindheit in Dortmund-Hombruch hat: an jeder Ecke wird die Aufmerksamkeit eingefangen, beim Autoscooter, bei der Geisterbahn, bei der Zuckerwatte, bei jedem Geplärre aus einem Transistor, bei all den Kindergesichtern. Reines Staunen, schöner Krach, Twists und Turns. Für jede mögliche Zukunft von damals ein verrückter Sound im Hier und Jetzt. (Und mit diesem letzten Satz will  ich nur der guten alte Tante „Retrofuturismus“ aus dem Weg gehen.)

 

 

 

 

 

 

 

 


(8) Nachspiel auf dem Zeppelinfeld (King Crimson 1982).


We were lying on the grass, the heat was on,
the lightnin in the sky, Like A Hurricane,
Nils Lofgren was still so young. As  were you and me.
We were bloody everything, our faces east, our feet dancing,
Robert, Tony, Adrian, Bill. And they naturally played
Heartbeat – at  that moment,  night included,
eternity, too (the one in decay mode), the gloom of the moon
on your nakedness , in that odd old town hotel,
windows to the heavens,  i can still feel    
your heartbeat (in the song), and though everything
was loss later, pictures running on empty,
in circles through my mind, it doesn‘t matter.

Jk

kkö

 

Fg
hk

„I’m wheels, I am moving wheels
I am a 1952 Studebaker coupe
I’m wheels, I am moving wheels, moving wheels
I am a 1952 Starlite coupe
En route, les Souterrains
Des visions do Cody, Sartori a Paris
Strange spaghetti in this solemn city
There’s a postcard we’re all seen before
Buck wild-haired teens in dark clothing
With hands-full of autographed napkins
We eat apples in vans with sandwiches
Rush into the lobby life of hurry up and wait
Hurry up and wait, hurry up and wait
For all the odd-shaped keys
Which lead to new soap and envelopes“

 

 

Jl
k

 

(9) Zum Ende ein „kleines Ranking“. Small „ranking exercise“.


The early years:

King Crimson: In The Court of the Crimson King (1969)    🎩🎩🎩🎩🎩
King Crimson: In The Wake of Poseidon (1970)   🎩🎩🎩
King Crimson: Lizard (1970)  🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Islands (1971)   🎩🎩🎩🎩(side 1) / 🎩🎩🎩  (side 2)
King Crimson: Earthbound (live, 1972)  🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Lark Tongue‘s In Aspic (1973)   🎩🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Starkess and Bible Black (1974)  🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Red (1974) 🎩🎩🎩🎩1/2


„Lizard feels downright insane – full of dissonant grooves and free-jazz woodwind chaos, it’s the photo negative of their studious early work.“
The opinions about this third King Crimson album are very mixed. i love it, Mr. Fripp himself is not that fond of it. There were troubles in the making. That  they didn‘t start fistfights in the studio, is the good news.

Or, after wonderful beginnings in the early 80‘s: Fripp and Belew, no friends. Hard time, strong language. Or, tell me another ending: the touring of „Earthbound“, another daily misery. Nick Cave loves that album. Very, very bad vibes within the group. KC are specialists in swansongs, or so it seems. „Another Red Nightmare“.

But think of the recording of Van Morrison‘s Astral Weeks. No good group chemistry at all. But the music, gorgeous. And so the history of King Crimson is a history of good vibes turning into bad vibes turning into great music, somehow, and most of the time. Shit and roses, you know, the strange kybernetics of making IT happen.

 

The studio albums of the „EXPOSURES BOXSET TIME“:

Robert Fripp: Exposure (1979)   🎩🎩🎩🎩🎩*
Robert Fripp: God Save The Queen / U. H. M.  (1980)   🎩🎩🎩🎩**
Robert Fripp & The League of Gentlemen (1981)   🎩🎩🎩🎩

Robert Fripp: Let The Power Fall (1981) 🎩🎩🎩🎩🎩***

 

* released, too, on dvd audio with stereo and surround, and vinyl 
** also released now on vinyl   
*** also released now on vinyl


(for further information go to discipline global mobile)

(nice review of the box by Peter Kemper, FAZ net)

(thanks to John Kelman for minor corrections and kind support)

(thanks to Sid Smith and his long essay accompanying the box, caring for solid background knowledge l‘ve been using without quoting, from time to time, for the flow of storytelling)  

(thanks to lessons of love and letting go in 1982.)

(click on the photos for larger pictures.)

 

„Wir gehen also auf die Bühne und präsentieren uns der Musik. Bei King Crimson kann ich spüren, wann King Crimson sich in die Männer hineinbewegt, die die Musik spielen. Ich verlange nicht, dass Sie das glauben – ich präsentiere das nur als Bericht.“ (R. Fripp)

 

IN THE COURT OF THE CRIMSON KING (OFFICIAL TRAILER)

 

The later years:

King Crimson: Discipline (1981)   🎩🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Beat (1982)   🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Three of A Perfect Pair (1984)    🎩🎩🎩
King Crimson: Thrak (1995)   🎩🎩🎩🎩
King Crimson: Thrakattak (1996)    🎩🎩🎩🎩1/2
King Crimson: The ReKConstrucKtion of Light    🎩🎩🎩
King Crimson: The Power To Believe (2003) 🎩🎩🎩1/2

 

 

(10) Postskriptum. The gardener plants an evergreen / Whilst trampling on a flower / I chase the wind of a prism ship / To taste the sweet and sour“.


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