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Archiv: Breakfast

Aber selbstverständlich ist es auch identitätsstiftend, Gregor, den Musikgeschmack aus der Vergangenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen und das nicht Passende (vielleicht sogar: das noch nie Passende oder mindestens: das nicht hinreichend Passende) beiseite zu legen. Im Unterschied zu wahrscheinlich allen anderen Manafonistas habe ich leider nicht schon mit zwölf damit begonnen, die Schallplatten zu entdecken, die mich wirklich berührt haben. Wer weiß, ob mein Leben dann sogar anders verlaufen wäre, weil andere Seiten in mir gestärkt worden wären und ich ein paar andere Entscheidungen getroffen hätte.

Ebenfalls in der Ecke der fast vergessenen Tonträger: Suzanne Vega. Es gibt für mich Musik, die sehr direkt mit bestimmten Zeiten oder Situationen verbunden ist, und es gibt solche, die losgelöst und irgendwie zeitlos ist. Suzanne Vega zählt ganz klar zur ersten Sorte. Ich muss nur ein paar Takte von ihr hören, da kommt auch gleich wieder so eine melancholische Stimmung auf, durch die ein paar zarte lebensbejahende Fäden durchschimmern, und manchmal auch etwas Sozialkritisches. Suzanne Vega hörte ich im Studentenwohnheim. Es waren zwei Hochhäuser zu je 15 Stockwerken mit insgesamt etwa 900 Bewohnerinnen und Bewohnern. So viele wie ein kleines Dorf. Nicht alle waren Studierende, denn in Zeiten knappen Wohnraums gab es einen boomenden Schwarzmarkt. Da wohnten ein paar ägyptische Passhändler, immer geschäftig in ihren weißen Hemden und Berufstätigenhosen, und ab und zu saßen Obdachlose in unserer Küche und benutzten unsere Dusche, denn man gelangte ohne Schlüssel in die Stockwerke. Als ich die meterlange Reihe von Briefkästen zum ersten Mal sah, war ich schockiert. Die Zimmer auf der Westseite hatten einen Blick auf die A 66. Es war aber romantisch, wenn das warme Licht der untergehenden Sonne auf die Regalreihe mit den Suhrkampbüchern im Zimmer von S fiel und wir nachts Pink Floyds „Wish You Were Here“ auflegten und harmlose Drogen nahmen. Die Sache wurde kompliziert, sowohl S als auch P waren aus den Zwillingstürmen gezogen, ich fühlte mich in meinem Erdgeschosszimmer mit Blick auf die Müllpressanlage etwas zurückgelassen, andererseits allein auch stärker.

 
 
 

 
 
 

Es sind Songs, die sich ziemlich schnell erschließen, die konventionell gebaut sind. Es gibt wenig Überraschendes, und selbst das bemerkenswerte Rhythmusgefühl wird nach kurzem Zuhören berechenbar. Ein Lied, das mich damals aufhorchen ließ, weil es ohne Instrumentalbegleitung auskam und weil ich Suzanne Vegas Stimme immer mochte, ist Tom´s Diner.

 
I am sitting
In the morning
At the diner
On the corner

I am waiting
At the counter
For the man
To pour the coffee

And he fills it
Only halfway
And before
I even argue

He is looking
Out the window
At somebody
Coming in …

 
(Fortsetzung zum Mitsingen unter Kommentar 3)
 

Kein Wunder, dass man sich nicht von verlorenen Liebschaften lösen kann, wenn man diese Musik hört.

Sehr zeitlos dagegen, für mich: „Trespass“ von Genesis. Was hier seit Tagen läuft. Songs, die ich immer nur allein gehört habe und die mit niemandem verknüpft sind. So ein trotziges „Nobody needs to discover me” baut doch gleich mehr auf als die geheimnislosen Texte der Suzanne Vega. Nein, Freunde, ich habe keinen Liebeskummer. Ich sortiere nur meinen Plattenschrank.


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