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„Avatar 2 – The Way Of Water“ – eine psychoanalytische Dekonstruktion

 

 

Man war in AVATAR 2.

Als Cineastin mit immer einem Auge auf die Entwicklung des Trivialfilms, kommt man natürlich an den jetzt erwachsen gewordenen blauen Schlümpfen nicht vorbei. Eines steht fest: Um der Handlung willen geht niemand in „Avatar“ oder dergleichen, da kann man sich ebenso gut Winnetou oder Pocahontas oder den König der Löwen als Culture-Clash-Melodram reinziehen. Der Evaluationsstatus der special effects und 3D-Kapriolen ist bekanntermassen immer umgekehrt proportional zum künstlerischen Wert des Filmwerks und der Differenziertheit der Figurenzeichnung. Lohnt also nicht, denn 3D hat man ohnehin den ganzen Tag. Wenn man um derlei Einschränkungen weiss, ist man auf alles gefasst und hält dergleichen aus, auch wenn noch so viel geemmericht wird. Das All-in-one-Paket „The Way of Water“ arbeitet sich gerade wacker zum Titel „erfolgreichster Film der Pandemiezeit“ mit bereits 1,5 Mrd Einspielergebnis nach vorne und hat den Doppelnullagenten samt Olive bereits geschüttelt, durchgerührt und überholt.

Dabei begann alles durchaus charmant: Teil 1 „Aufbruch nach Pandora“ (aus deren Büchse allerlei Unheil über die Welt kommt; ein Schelm wer bei diesem Mythos an Sexualsymbolik denkt!) hatte ja anno 2009 noch den Reiz der Neuheit und die Na’vi – Schlümpfe, ein spirituelles und im Einklang mit der Natur lebendes Volk (den Apostroph nicht vergessen, es handelt sich nämlich nicht um das Dingens, das einen beim Autofahren immer in den Wahnsinn treibt) vermochten das Herz derer zu rühren, die immer schon gern Indianerfilme geguckt und blutige Stammesfehden, Skalpierungen, Folterungen und Marterpfähle geflissentlich ausgeblendet hatten. Ab 1962 gehörten die Indianer zu den Guten, aber das ist eine andere Geschichte und hat mit deutscher Nachkriegspsychodynamik zu tun.

But back to Pandora Teil 1: eine kühne Mischung aus Western, Science-Fiction, Antikriegsfilm und Magic-Mushroom-Drogentrip mit Anklängen an das schon in der „Matrix“ intelligent angerissene Thema über den Charakter von Realität, und wie wir uns ihrer Authentizität versichern können – nämlich eigentlich gar nicht. Das hat ja schon die alten Griechen beschäftigt. Das Ganze natürlich in 3D, ein Effekt, der zunächst überwältigt, aber den Film nicht über Stunden zu tragen weiss.

Doch bekommt die Räumlichkeit eine eigene Poesie – weniger in den hintereinander gestaffelten Landschaften, die wir betreten dürfen, sondern in den kleinen Dingen: dem Wassertropfen, dem Funkenflug, den kleinen Insekten und Medusen, die in den Zuschauerraum zu schweben scheinen und für kurze Momente eine Verbindung zwischen irdischem Kino und Pandora herzustellen verstehen. Freilich donnern uns auch Pfeile entgegen. Und wir teilen die Freude des querschnittgelähmten US-Marines Jake Sully, der sich in einem unversehrten Avatarkörper wiederfindet und damit auf einen anderen Planeten geschickt wird und dort keinen Rollstuhl mehr braucht, sich wie ein Schimpanse von Ast zu Ast schwingt und dann die schöne Häuptlingstochter kennenlernt, die allerdings blitzblau ist; aber wer fragt danach in einer Schäferstunde? Hier lassen schon mal Tarzanund Pocahontas grüssen. Das ganze gekonnt gemacht mittels des aufwendigen Motion-Capture-Verfahrens, wofür sogar Schauspieler von Rang und keineswegs No-Names herhalten mussten, damit der Sigourney Weaver-Avatar auch wirklich wie Sigourney ausschaut.

Jetzt, 13 Jahre später, wird die Büchse der Pandora erneut geöffnet, und es entweichen ihr neue Schrecken und Freuden. Cameron entführt uns in die Welt am, auf und unter dem Wasser, mit einer Tierwelt, die merkwürdig unschön und gestaltlos anmutet, aber dem Volk, das sie als Reittiere zu zähmen wusste, treu ergeben sind. Die Idylle wird aber immer wieder gebrochen durch den Überfall der schurkischen Komantschen in die Jagdgründe der edlen Apatschen … ähm … sorry … ich meinte der Orks in das Reich der Elben … nee … von Lord Voldemorts Dementoren nach Gryffindor … auch nicht? … wurscht! Langsam kommt man wirklich durcheinander bei diesen ständigen Deja-vus, die sich im Verlauf des Filmes immer zahlreicher einstellen.

Als die braven Na’vi zum Wasservolk der Metkayina flüchten (sehen genauso aus, nur mit Maori – Ornamenten im Gesicht) und sich dort integrieren müssen, entsteht eine Anmutung von West Side Storymit Spannungen zwischen Zugewanderten und Ureinwohnern bei gleichzeitigem Knüpfen zarter Bande zwischen den verfeindeten Fronten. Das Romeo-und-Julia-Drama in Teil 3 wäre damit auch gesichert, gottlob singt niemand „Maria“ oder „Tonight“. So manches erspart man uns doch.

Danach cirka eine Stunde ein „Flipper“ – Verschnitt, eine symbiotisch-telepathisch getragene Liebesgeschichte zwischen einem Jungen und etwas Walfischartigem, bei dem man bis zum Ende nicht dahinterkommt, wo hinten und vorne ist, aber auf jeden Fall ist es edel und herzensgut wie Lassie. Oder Fury.

Zunehmend sieht man sich also in immer kürzeren Abständen mit Versatzstücken anderer Filmgenres und deren Erzählmustern und Trivialmythen konfrontiert, ausgelutscht wie die Kaugummis, die man in der Schule zurückbekam, nachdem man sie vorher an sämtliche Freunde verliehen hatte. Und die einem den Spass an der ausgefeilten Optik gründlich verderben; nicht zuletzt die Familienpimpelei zwischen Winnetou, Ribanna und ihren adoleszenten Kindern nee, natürlich Franz Josef und Sissi, ach zum Teufel, ich brauch ne Pause!

Ich meinte den Clan um Jake und Neytiri – ganz im Sinne einer american suburbian family. Wobei es übel aufstösst, dass die Kinder ständig „Yes, Sir! „zu ihrem Vater sagen. (Bei Marines heisst es korrekt „Sir! Yes, Sir!“. Warum auch immer!). Good american education auch bei spirituellen Naturvölkern, warum auch nicht? Die unterwandern wir doch auch noch mit dem american way of life, ist schliesslich der einzig richtige … wer daran zweifelt bekommt sowieso immer gleich eins auf die Zwölf!

Ein Ziehsohn der Sullys entpuppt sich als genetischer Sprössling des Hauptbösewichts und teilt damit das Schicksal von Luke Skywalkerals heimlichem Sohn Darth Vaders der auch …psst … der Vater von Prinzessin Leia … oder so! Irgendwie …! Dann hätten wir diese Herrschaften auch noch mit drin. Blickt noch jemand durch? Nö, oder? Aber warum solls Euch auch besser gehen?

Nachdem hinreichend mit Flipper geflirtet worden war, bricht für cirka anderthalb Stunden eine Orgie der Gewalt los, als die in Avatarkörper gesteckten US-Marines in die Idylle einbrechen, um Pandora zu kolonisieren und den aufrührerischen Sully zu finden, der sich auf die Seite der Pandoraner geschlagen hat wie Old Shatterhand zu den Indigenen, nur mit dem marginalen Unterschied, dass ersterer seine NschoTschi heiraten durfte anstatt sie zu Grabe zu tragen. Es hebt also ein ohrenbetäubendes Geballer, Geflüchte, Explosionen und Feuersbrünste und sonstiges Martial-Arts-Gefuchtel an, das mit einer Akribie und Begeisterung dreidimensional auf die Leinwand geklatscht wird, als wäre es das Hauptanliegen des Filmes und das die gesamte Gutmenschenbotschaft konterkariert.

Aus guten Filmen lernt man etwas über den oder die Menschen, aus schlechten Filmen etwas über den Zustand der Gesellschaft und ihrer Wünsche und Ängste – was lernen wir also hier?

Vor einigen Monaten habe ich wortreich das Verschwinden der inneren Bilder unter dem Trommelfeuer äusserer Reize beklagt (Juni 22). Den hier zu verkraftenden Bilderfluten in ihren raschen Schnitten, Schuss-, Gegenschuss-Einstellungen und den mentalen Anstrengungen der Handlung zu folgen (da sich die Bläulinge alle irgendwie ähneln, ist es schwierig zu identifizieren, wer nun gerade mit wem agiert und aus welchem Grunde er das tut, was er gerade tut) ist genauso unmöglich wie Reflexion, Nachspüren, und einen eigenen Standpunkt zu finden – die nächste lautstarke Sensation durchbricht sofort den Reizschutz.

Das ist bekannte Strategie von Kriegspropaganda und hat schon immer funktioniert, das beherrschen scheinbar nicht nur Reichspropagandaminister,  sondern auch Regisseure. Nur nicht in die Reflexion kommen – was richtig ist, sagt uns die Leinwand. Auf dem Heimweg fühlte ich mich auf Krawall gebürstet, reizbar, zuviel action, zuviel Gewalt, zuviel B-Movie. Nachdem die Vorbereitung des Filmes sich über viele Jahre hinzog, ist auch schwer zu sagen, inwieweit das Pentagon hier wieder mitgemischt hat und auf welche Aktion hier eingestimmt werden sollte.

Der Film ist ein unverbundenes und sorgfältig in der Spaltung gehaltenes Nebeneinander von Zerstörung und breitestgetretener Sentimentalität, die bekanntlich das Alibi der Herzlosen ist (nicht von mir, sondern vom geschätzten Kollegen Schnitzler so formuliert). Am Ende dann der übliche Cliffhanger: Jake Sully gibt den Selensky und teilt dem Zuschauer eben mal Auge in Auge mit, dass man für seine Heimat kämpfen muss anstatt sich aus ihr vertreiben zu lassen – klar, die Fortsetzung ist für 2024 geplant, da muss ja auch irgendetwas passieren und Krieg hat immer seinen Unterhaltungswert. An Ende beschäftigen wir uns nur noch mit Natur, Liebesgeschichten und Spiritualität …. schnarch!

Und über dem ganzen Getöse haben vermutlich sämtliche Rezensenten und Woker versäumt, den Tatbestand der kulturellen Aneignung der Dreadlocks tragenden Schlümpfe zu rügen. Für ein Wasservolk ohnehin ungünstig, die Dinger trocknen nämlich ewig nicht. Und schliesslich sind die auch keine Rastafari, wo kommen wir denn da hin? Und die Maori sind sicher auch wieder nicht gefragt worden, ob man ihr Make-up so einfach abkupfern darf. Da hätten die Designer und Maskenbildner wirklich originellere Trachten kreieren können – das wäre dann aber wirklich das einzig Neue in diesem Film.

 

 

Als Kontrastprogramm dann heute früh die immersive (das Wort kannte ich auch noch nicht)  virtuelle Ausstellung über Frida Kahlo in München genossen: ein auch räumliches Eintauchen in den Seelenkosmos einer vor Schmerzen und Kreativität berstenden Künstlerin, von deren Innenwelt man eine Stunde lang geradezu schwindelerregend umkreist wird. Das hat die blauen Schlümpfe endgültig aus dem Gehirn gepustet oder anderweitig verstoffwechselt.

 

geschrieben von Ursula Mayr


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