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Neil Young: Young Shakespeare

 


Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 1971. Sie haben Tickets, um Neil Young auf seiner aktuellen Akustik-Tour zu sehen. Seit seinem Ausstieg bei Buffalo Springfield hat Young 1969 zwei Alben veröffentlicht – „Neil Young“ und den Proto-Grunge-Klassiker „Everybody Knows This is Nowhere“ – bevor er mit „After The Gold Rush“ nachlegte.

Sie lassen sich am 26. Januar 1971 im Shakespeare Theatre in Stratford, Connecticut nieder und er eröffnet mit ‚Tell Me Why‘ unter donnerndem Applaus. Danach spielt er ‚Old Man‘ mit einer herrlich abschweifenden Einleitung. Dann  spielt er ‚The Needle And The Damage Done‘ mit einer Warnung über den Heroinkonsum, ‚Ohio‘ unter weiterem tosendem Beifall und dann ‚Dance Dance Dance‘ vor ‚Cowgirl In The Sand‘. Drei dieser Songs waren zu der Zeit unveröffentlicht. Das Publikum hört buchstäblich zwei von Youngs beliebtesten Songs zum ersten Mal. Was geht ihnen dabei durch den Kopf? Haben sie gehofft, dass er „The Loner“ oder „Only Love Can Break Your Heart“ spielen würde?

Young spielte dann ein Medley aus ‚A Man Needs A Maid und ‚Heart Of Gold‘ am Klavier. Bevor er zu singen beginnt, sagt Young: „Ich spiele noch nicht sehr lange Klavier, Leute. Das nächste Stück, das ich spielen werde, ist meine aufwändigste Leistung auf diesem Instrument. Was ich damit sagen will, ist, dass ich es normalerweise in der Mitte versaue, weil ich es nicht spielen kann. Aber da Sie es sowieso noch nie gehört haben, werden Sie wahrscheinlich denken, das ist es und es wird schon gut gehen…“ Diese Ehrlichkeit ist etwas, das Young bei den Fans erdet. Er weiß, dass es ihm gut geht und versucht nicht, es herunterzuspielen. Es gibt eine Bescheidenheit bei Young, die heute so erfrischend wirkt, wenn man bedenkt, was nach diesem Gig passiert ist, aber zu der Zeit muss es so gewesen sein.

A Man Need a Maid“ hat einen etwas anderen Text als die Studioversion. Die Zeile „Afraid / A man feels afraid“ wurde aus der Studioversion entfernt. Hier bekommt der Song eine tiefere Bedeutung. Das Original wirkte immer wie ein reicher Rockstar, der sich nicht die Mühe machen konnte, hinter sich aufzuräumen, aber jetzt bekommt es die Bedeutung, dass Young fast Angst hatte, allein zu sein, so dass es seine Existenz normalisieren würde, wenn jemand käme.

Man munkelt, dass der Song Wochen vor der Tournee geschrieben wurde. Was umso bemerkenswerter ist, dass er live daran herumgebastelt hat. Auch wenn „Heart Of Gold“ das letzte Drittel des Songs ausmacht und nicht mit Linda Ronstadt besetzt ist, kann man die Qualität des Songs immer noch hören. Dadurch, dass Young ihn auf dem Klavier statt auf der Gitarre spielt, bekommt der Song eine intimere Qualität.

Das Album schließt mit ‚Sugar Mountain‘ ab. Er bittet das Publikum, mitzusingen, damit er sich „nicht unauffällig fühlt“. Im weiteren Verlauf von ‚Sugar Mountain‘ wird das Publikum immer vertrauter mit den Worten und die Stimmen werden immer lauter. Ungefähr auf halber Strecke gibt Young zu, dass er 126 Strophen für den Song geschrieben hat, als er 20 war. Das Publikum ist begeistert und genießt seine Ehrlichkeit und seine allgemein freundliche Art.

Während des gesamten Auftritts klingt Youngs Gesang leicht und beschwingt. Er brüllt nicht wie bei „Everybody Knows this is Nowhere“, sondern klingt wie ein Hauch, der aus den Lautsprechern strömt. Seine Gitarren- und Klavierarbeit ist vollendet und dennoch funktional. Er spielt keine Soli. Stattdessen dehnt er die Akkordprogressionen aus. Das ist ebenso interessant wie fesselnd.

Wenn man sich die Trackliste anschaut, ist es schwer vorstellbar, dass 1971 die Hälfte der Songs noch nicht veröffentlicht war, doch das Publikum ist durchweg gefesselt. Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Konzert und hören ‚Old Man‘, ‚Needle And The Damage Done‘, ‚A Man Needs Maid‘, ‚Heart of Gold‘ und ‚Journey through the Past‘ zum ersten Mal?

‚Young Shakespeare‘ ist ein faszinierendes Artefakt. Das Album ist eine weitere makellose Veröffentlichung, bei der Young in seinen Live-Aufnahmen wühlt und interessante Alben herausbringt. Wenn ein Album dieser Qualität schon seit 50 Jahren im Tresor liegt, was hat er dann noch in der Schublade?

 

geschrieben, in einem Rutsch und ohne viel nachzudenken,  von Nick Roseblade, clashmusic; ein wenig unvollkommen übersetzt und leicht gekürzt von D.L. und M.E. (aber das Wesentliche kommt schon rüber…)


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