Manafonistas

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Promising Young Woman

(GB, USA 2020) von Emerald Fennell, auf Amazon prime,
eine Empfehlung von Micha hier vor einiger Zeit.
5 Oscarnominierungen, einer verliehen für das beste Drehbuch.

 

Warum fühle ich mich, als hätte mich jemand in den Solarplexus geboxt? Bekanntlich bleibt einem da die Luft weg – wie man aus den Zeiten von Schulhofraufereien weiss. Und kommt erst ein bisschen später wieder … die Luft.

Der Film mit einer furios und facettenreich aufspielenden Carey Mulligan (hier Carrie), die auch die verborgensten Seiten ihrer Figur, einer Frau mit einem Vergewaltigungstrauma, auszuloten versteht, erzählt zweifellos nichts von Realität: zu gut funktionieren ihre Rachefeldzüge, zu verängstigt sind die Männer, die nächtens von ihr in die Mangel genommen werden – in der Realität wäre sie vermutlich schon viel früher um die Ecke gebracht bzw zumindest gnadenlos verprügelt und sicher noch einige Male vergewaltigt worden. Das geht alles zu easy und zu nahtlos, und die Zuschauerin geniesst das Triumphgefühl der Protagonistin und ihren Sieg über schwanzgesteuerte Machos identifikatorisch mit. Das hat den Charakter einer bitteren Komödie. Das kindlich-süsse Dekor, in dem sich Carrie vor allem in ihrem Elternhaus bewegt – die Farben Rosa und Hellblau dominieren – ist kontrapunktisch eingesetzt zu den Düsterwelten testosteronmarinierter Männlichkeit, zynischer und zusammengeschweisster Machobündelei.

 
 

 
 

Der Ton des Films ist leicht, ironisch, am besten finde ich hier das Wort lakonisch – da tut auch der Soundtrack ein übriges – Hits aus den 70ern. Die Sympathielenkung ist eindeutig, der Film spiegelt in seiner Stimmung die coole Fassade, die zutiefst verletzte Menschen manchmal zeigen, Carrie ist aber nie eine rächende Nemesis. Darunter ein tiefer beängstigender Misston.

Alles klappt bei ihr mit einer fugenlosen Eleganz und der Cleverness, mit der sie ihre Fallen stellt – trotzdem zielt der Film in die Magengrube, irgendetwas geht ungefiltert gleich ins Innere. Er vermittelt die Angst vor den Männern, das Misstrauen vor ihrer Fürsorglichkeit, mit der sie letztlich doch ihre immergleichen Ziele erreichen, man ist schnell so paranoid eingestimmt, dass man auch in dem patenten Jungchirurgen, der den Archetyp „Neue-Begegnung-die-alles-zum-Guten-wendet“ verkörpert, den Mittäter wittert. Männer sind beklemmend in diesem Film, das unterläuft seine Leichtigkeit, das zielt ins Ungeschützte und lehrt einen das Fürchten vor diesen smarten lustschwitzenden Boys und ihren gnadenlosen Festivitäten, Ritualen, scheinheiligen Junggesellenabenden und Upper-Class-Vertuschungsmöglichkeiten.

Auch Carries Geniestreich zum Ende hin ist ein grosser Triumph, auch wenn sie ihr Lebensende dabei billigend in Kauf nimmt, die Jungs werden summa summarum von einem Hochzeitsfest weg verhaftet und der smarte Jungchirurg bekommt noch post mortem sein Fett ab.

Hier müsste eigentlich das Erwachen von Carrie erfolgen, denn das Ganze mutet an wie der Traum oder Tagtraum eines Gewaltopfers, in dem alle Täter in wunscherfüllender Form ihrer gerechten Strafe zugeführt werden und die Ohnmacht eines Opfers in Macht und Stärke verwandelt wird. Mit traumwandlerischer Sicherheit: ein Stück Innenwelt eines Opfers, das zumindest in seinen Phantasien Gerechtigkeit schafft mit dem Tod als letztem grandiosen Triumph. Und im Abspann wird das von mir phantasierte Erwachen Carries mit dem Song „Angel of the Morning“ begleitet, ein Song über das Erwachen hinein in einen trüben und wehmütigen Tag, in welchem man verlassen wird.

 

The cruelest of comedies, ‚After Hours‘ makes me laugh so hard I can barely breathe. Not everybody has that reaction, though. (Sean Burns, serious film critic)

Es ist leicht, einen blöden Film zu verreissen. Einmal in den letzten Tagen zappte ich rum, und landete bei einem Kinostreifen mit dem jungen Johnny Depp. Und meine Kritik von dem, was ich dann sah, bis ich den Quatsch ins Nirvana beförderte, hätte so begonnen. „Houston, we have a problem: The Astronaut‘s Wife“. Der superdoofe Film ist auch bei Rotten Tomatoes im grossen Stil durchgefallen. Nun nenne ich euch einen Film, der viel gefeiert wurde und wird, auch bei Rotten Tomatoes, und der bald bei Criterion eine edle Neuausgabe erhält. Viel Spass.

 

 

Der Film wurde als „little gem“ hochgejazzt, als „masterpiece of its own kind“, auch für sein angeblich furioses Ende – und eine Frage, die heute gelegentlich mal aufkommt, ist, ob er gut gealtert sei. Auch auf diese Frage habe ich eine klare Antwort. Nein! Ich  sah ihn damals, 1985 (?), als er, vielgefeiert als schwarze Komödie des Meisters, in die Kinos kam, und fand ihn nicht so dolle. Hatte das aber weitgehend vergessen – gab ihm also eine neue Chance. Da fielen mir die berühmten Schuppen von den Augen: der Film war damals schon grottenschlecht, Herr Ballhaus an der Kamera konnte da auch nichts ändern. Der Regisseur sah in dem Film eine Art Jungbrunnen, der ihm bewiesen habe, dass er es noch drauf habe. Gottogott.

After Hours – Die Zeit nach Mitternacht“ scheint mir nicht weniger superdoof als der erwähnte Astronautenhirnfick. Angeblich hat dieser „kafkaeske Alptraum“ auch Scorseses Abneigung gegen die Kunstszene zum Thema – soso. Ich habe selten einen bescheuerten Film gesehen, der so viel Beifall erhalten hat.  Jede Figur ist karikaturenhaft dargestellt, alles ist komplett überzogen und albern, keinen Moment kommt so etwas wie ein Hauch von einem Anflug von „suspense“ auf.  Die Dialoge sind an den Haaren herbeigezogen, und dann klappt das mit den Songs aus der Jukebox eben auch nicht.  Obwohl Peggy Lees „Is That All There Is?“ pure Magie ist (und genau die Frage, die man diesem depperten Film stellen muss).

Das vielgelobte Finale ist leider auch nur klamottig. Aber komplett ohne den Witz und Charme von Laurel & Hardy. Übrigens habe ich nicht einmal gelacht, mich kolossal gelangweilt, und nur einen kurzen Moment mal geschmunzelt, ganz zu Anfang, bei der Sache mit Henry Miller und Rosanna Arquette im Diner. Immerhin. Und wenn mir einer erzählt, ich hätte den doppelten, auch mythologischen, Boden nicht mitbekommen, dann ist schlussendlich doch mal ein Anlass gefunden für eine zwerchfellerschütternde Lachattacke. Ja, klar, die Unterwelt! 😂 Jedenfalls ist dieses Opus  nun Teil meiner Liste der „zehn schlechtesten Filme aller Zeiten unter den vielgelobten“. In bester Gesellschaft von „Der letzte Tango von Paris“, „Das grosse Fressen“, „Händler der vier Jahreszeiten“,  und anderen „Knallern“.

 
 

Schon oben vom Berg aus sah ich die edle Linie des Luxusseglers. Drei Masten ragten karg mit den engumwickelten Rahen in den Himmel. Wie viele Segel konnten wohl gesetzt werden? Würde sie in voller Pracht bei mir eine Windjammer Romantik auslösen? Aus der Ferne konnte ich erkennen, dass sie unter der Flagge von Malta fuhr. Am Hafen angekommen, wandte ich mich an die polizeilichen Bewacher, um herauszufinden, wie das kleine Kreuzfahrtschiff heißt. Hier lag also die luxuriöse Sea Cloud II. Ein Passagier schlenderte aus der Sperrzone heraus. Weil er mich so freundlich anschaute, sagte ich: Willkommen auf El Hierro. Er erzählte mir auskunftsfreudig, dass er eine einwöchige Reise auf dem faszinierenden Segelschiff für 5000 EU gebucht hätte. Sie würden nur zwischen den kanarischen Inseln segeln, ohne Motorkraft. An Bord seien 136 internationale Passagiere plus 85 aus dem Personalbereich. Das Essen sei ausgezeichnet, die Weine vom Feinsten und die Kabinen von ansprechendem Design. Die Marmorbäder seien „a bit campy“, ebenso die Sitzecke. Ich wunderte mich über seinen Gebrauch des Wortes „campy“. Scherzhaft fragte ich ihn, ob auch eine Bibliothek an Bord sei und ob er dort die „Partisan Review“ vorgefunden hätte. Er sah mich ein paar Sekunden zu lang an und sagte dann: “Nein, das nicht, aber gestern Abend hätte er über der Soundtrack Liste seines Lebens gesessen, die Idee hätte er aus einer Literatur über Susan Sontag. Welcher Song denn ganz oben auf der Liste stünde, fragte ich mit echter Neugier. „Spam“ lachte er. Spam spam spam von Monty Python. „Wow, wie kommen Sie denn da drauf?“ „Auf dem Schiff fragte mich jemand, ob ich wüsste, was Spam bedeute. Ich fing an zu singen:“ Lovely Spam … Der Song hat mich schon immer begeistert. „Und was steht noch auf Ihrer Liste?“ „Monteverdi.“ Hoppla, dachte ich, das ist jetzt aber nicht camp. Dieser nette Schweizer Dandy, mit seiner Lagerfeldfrisur und seinen glänzenden Marc Darcy Carson Lederschuhen ist sicher highbrow with an interest in mass taste. Susan Sontag hätte sich über dieses Exemplar gefreut.

Inspiriert von dem Gespräch machte ich mich an meine unvollendete Liste vom Soundtrack meines bisherigen Lebens:

 

Anton Bruckner. Das Adagio der 9.

Maria Callas  Ave Maria

Pavarotti Nessum  Dorma

Lucio Dalla  Piazza Grande

Joni Mitchell  Both sides  now

Patti Smith  Because the Night

Nina Simone Feeling Good

The Kinks  Don t forget  to Dance

The Beatles  Days

The Rolling Stones  White Horses

Neil Young  Ohio

Bob Dylan  The Death of Emmett Till

James Taylor and Carly Simon  Close your eyes

The Doors  The End

 

 

anima(tion)

 
 

Das ist schon aufregend zu sehen, wie man womöglich als Frau ausgesehen hätte, in younger years. Das hat Uschi fein hingekriegt und eben mal meine andere Seite enthüllt. Real oder surreal, ganz egal. Meine Erfahrung ist, dass humans oft an recht starren Selbstbildern hängen, und das dies mit ein Grund ist, dass das Leben in fortschreitendem Alter leider allzu oft in berechenbaren Mustern verharrt. Da kommt leicht ein  Schwung abhanden, ein élan vital.  ist so eine Sache mit dem Anderen (in einem selbst). Heute Nacht war ich in einem Traum in einer fremden Stadt, und landete in einer Kneipe, und rückblickend hatte die „waitress“ etwas von der Frau, der gegenüber Bob Dylan sein Leben ausschüttet, in dem längsten Song  von „Time Out Of Mind“. Aber sie fragte mich nur, wie es mir ginge, und ich sagte, ich sei etwas müde, und sie tischte mir verschiedene Arten von Porridge (!) auf, die mir alle nicht so mundeten. Ich weiss nicht mehr, wie es dazu kam, aber diese Frau, die so gross war wie ich, hatte brünette lange Haare, und einen slawisch schlanken Körper. Mein Urtyp, keine Frage. Sie umarmte mich später, als wir durch die Strassen gingen, wir küssten uns, und ich sagte, dies sei wohl der Anfang einer Liebesgeschichte. 

 

2023 23 März

Eine un-denkbare Beziehung

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Der Nachtportier (I, 1974) von Liliana Cavani
 

Cavani ist eine Frau, die sich nicht scheut, in Abgründe zu blicken und andere hineinblicken zu lassen; in ihrem Film „Der Nachtportier“ tut sie es weidlich, also wieder ein Film für das Team Brühwurst. Er lief nur kurz in den Kinos, wurde in Italien verboten, von der Kritik zerrissen und mit Begriffen wie „verabscheuungswürdig, schmierig und anstössig“ bedacht. Aufgrund des Verbots organisierte die italienische Filmindustrie mit Visconti an der Spitze einen eintägigen Streik – wie immer dieser auch ausgesehen haben mag – von der deutschen Staatsanwalt wurde er schliesslich als Kunstwerk anerkannt, rehabilitiert und in ungeschnittener Fassung gezeigt.

Später wurde er in die Sadiconazista-Abteilung subsumiert (oder Naziploitation), ein Filmgenre, das eigentlich erst in der Nachfolge italienischer Machwerke namhafter Regisseure wie Visconti ( Die Verdammten ), Bertolucci (Der grosse Irrtum) und Pasolini (Die 120 Tage von Sodom) zu florieren begann, die sich bemühten, die Thementrias Politik, Sex und Sadismus abzuhandeln – heute besehen würden sie einen zwar künstlerisch durchaus, hinsichtlich Sex und dargestellter Grausamkeit, aber keineswegs mehr vom Hocker reissen. Die 120 Tage von Sodom werden bis heute nur an nachweislich volljährige Besteller geliefert, da wollte der Briefträger den Personalausweis bzw die Ausweisnummer von mir.

Der Begriff Sadiconazista entstammt einem Zweig der italienischen Pulp – Literatur der Sechzigerjahre, die zunehmend auch in Filmproduktionen Eingang fand und diese Trias im Gewand von Softpornos mit SM-Einschlag massenhaft auf die Leinwand klatschte und in entsprechenden Kinos präsentierte. In München liefen sie im AKI – Kino im Hauptbahnhof, um dessen Schaukästen frau einen geflissentlich grossen Bogen machen musste, andernfalls wurde man sofort von einem freundlichen Herrn eingeladen zusammen die Vorstellung zu besuchen und danach das Gesehene an einem ruhigen Ort noch einmal wissenschaftlich zu vertiefen.

Das übergeordnete Genre dazu trägt die Bezeichnung Exploitationsfilm, die Ausbeutung einer Szenerie zur Darstellung sexuell getönter Grausamkeiten (dann auch Sexploitation genannt) an Örtlichkeiten wie Frauengefängnissen, Konzentrationslager, Kannibalismus, Sklaverei, Inquisition, Klöster (Nuns-ploitation) und anderer Topoi und Subkulturen. Allen Schauplätzen gemeinsam war also ein hierarchisches Gefälle mit der Möglichkeit zur unbegrenzten und unbestraften Machtausübung über die Opfer, eine im Grunde belanglose Alibihandlung locker drumherum gestrickt.

 
 

 
 

Der Nachtportier wurde zu Unrecht in diese Kategorie eingeordnet; der Unterschied besteht darin, dass der Sexploitation- oder Hardcorefilm nicht über eine besondere Figurenzeichnung verfügt, sondern die Protagonisten ihrer Persönlichkeit entkleidet und sie als blosse Projektionsflächen für die voyeuristischen Bedürfnisse des spezifischen Publikums funktionalisiert. Also im Grunde leicht zu unterscheiden. 1974 sah ich den Nachtportier gemeinsam mit einem Freund – der Geschlechtsproporz ist in diesem Fall wichtig – und fand ihn grandios; mein Freund war empört.

Ohne allzuviel vom plot zu verraten, sei erwähnt, dass eine verheiratete Frau – Lucia – in einem Hotel in Wien in der Nachkriegszeit ihren ehemaligen Peiniger – Max, den Nachtportier – aus ihrer Zeit im KZ wiedertrifft mit dem sie eine heftige sadomasochistische Liebesbeziehung verband. Sie verlässt ihren Mann und die beiden nehmen ihre leidenschaftliche und wechselseitig gewalttätige Beziehung wieder auf.

Damit setzt Cavani eine problematische Konstellation in einen noch problematischeren Rahmenkontext und bricht gleich mit 2 Tabus: Gewalt darf für das Opfer niemals lustvoll sein und ein Holocaustopfer verliebt sich nicht in einen KZ-Schergen, das verletzt unseren moralischen Kompass, ist eigentlich kaum nachfühlbar und schon gar nicht aushaltbar, es könnte unsere Loyalität mit dem Opfer schwächen oder zerstören wenn wir nicht fähig sind, diese Ambivalenzspannung zu halten.

Nun war Sexualität in KZs ubiquitär und dies nicht nur in Form von Vergewaltigungen, wir wissen auch, dass sich Frauen in KZs ihren Peinigern angeboten haben, um ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu retten; es ist schwer vorstellbar, dass sie dabei Lust empfunden haben.

Ich hatte eine Patientin, die auf einem Waldspaziergang von zwei Männern vergewaltigt wurde und es als positives und erregendes Erlebnis empfand. Auch darüber spricht man nicht – aus Angst vor dem Beifall von der falschen Seite – nämlich denjenigen, die sich gerne vorstellen dass Frauen bei dergleichen eben DOCH Lust empfinden und es vielleicht durch verführerisches Verhalten selbst provozieren – dies wird von manchen Tätern sogar kleinen Mädchen unterstellt. Ganz dünnes Eis also – Täter und Opfer sind getrennt zu halten, selbst wenn wir wissen, dass viele Opfer später zu Tätern werden, auf vielfältige und oft auch sehr subtile Weisen.

Nach knapp einem halben Jahrhundert sah ich den Film letzten Sonntag ein zweitesmal mit meiner Filmgruppe: Sieben erfahrene Psychotherapeut/innen, zwei davon männlich, zwei Ausbildungskandidatinnen, ein weiterer Herr, fachfremd. Die männlichen Gruppenteilnehmer zeigten starke Manifestationen von Abwehr – konnten mit dem Film „nichts anfangen“, er mache keinen Sinn, „eine Persiflage“ bzw beschäftigten sie sich mit den politischen Hintergründen, etwa dem noch lange nicht überwundenen Nazitum in den Siebzigern, es wurde also reichlich rationalisiert.

Die Frauen waren stark emotional berührt bis hin zu somatischen Reaktionen (Übelkeit bei 3 Teilnehmerinnen bei einer Szene der Vergewaltigung eines KZ-Bewohners).

Die gesamte Gruppe – mit Ausnahme der beiden Leiterinnen – hatte grosse Schwierigkeiten sich in diesem Kontext eine einvernehmliche und lustvoll – erotische Beziehung vorzustellen, es war die Rede vom Stockholm-Syndrom, einer Frau die im Banne ihrer Traumatisierung sich Trauma wiederholend und in einer Art hypnotischem Zustand auf eine SM-Situation einlässt, sie phantasierten eine Beziehung, die nach dem Gewaltakt entleert und unbezogen wird, also nur in Form eines One-Night-Stands verwirklicht wird und nicht in einer stabilen Paarbeziehung möglich ist. Manche hatten schon Schwierigkeiten, sich dergleichen Praktiken als integrativen Bestandteil einer festen Beziehung vorzustellen. Es war von „unreifer Lust“ die Rede – Freud hatte ja noch das Phantasma der „reifen Sexualität“ in die Fachwelt getragen, da gehörte schon der klitorale Orgasmus nicht mehr dazu oder andere Techniken, die nicht in der Penis-in-Vagina-Variante gipfeln.

Nun geben sich die beiden Schauspieler jede Mühe, die Erotik ihrer Beziehung ins Publikum überspringen zu lassen, stossen aber bei den Rezipienten auf Schwierigkeiten, die eine eindeutige Einordnung in die bekannten Schemata als beruhigender empfinden.

Lucia, die im KZ, bekleidet mit den Insignien der Macht, einer SS-Mütze und Uniformhose ein Lied von Marlene Dietrich singt, wirkt in dieser morbid – lasziven Einlage nicht wie eine von Todesangst besessene Frau, nur ihre entblössten Brüste signalisieren ihre Verletzlichkeit. Sie reagiert auch mit schlecht verhehlter Genugtuung, als ihr Max den Kopf eines ihrer Quäler unter den Wärtern in einem Karton überreicht, damit ein Motiv aus der Bibel zitiert; Lucias Gesangseinlage wird somit zum Tanz der Salome vor Herodes. Diese Szene wurde von der ganzen Gruppe in toto verdrängt, wir erinnerten uns erst später wieder daran.

Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger warf den Sadiconanazismus-Regisseuren vor, den Stoff ihrer berühmten Vorbilder auf Szenerien herunterzubrechen, die ständig den patriarchalen Todestrieb zelebrieren. Vielleicht kam es aus diesem Grund zu den Abwehrreaktionen der männlichen Betrachter, die nicht ständig den Sadismus als nur in ihrem Geschlecht verortet sehen wollten. Das alles muss verdaut werden bzw eben nicht, wie die gastrointestinalen Manifestationen der Frauen zeigten.

Das Abgründige im Menschen überfordert manchmal auch das Containment derer, die täglich beruflich bedingt in Abgründe schauen müssen; dennoch ist es existent. Lust bei Gewaltopfern gehört dazu, die schlimmsten Gewissenskonflikte entstehen bei manchen Missbrauchs – oder Inzestopfern, wenn sie sich eingestehen müssen beim Vollzug auch Lust empfunden zu haben.

Das bringt sie in die Nähe und Identität der Täter und deren Gewalttätigkeit und Schuld. Auch Psychotherapeuten habens gern eindeutig.

Liliana Cavani zeigt Un-Denkbares und Schwer-Erträgliches. Das ist ihr Verdienst und von ungebrochener Aktualität. Die Welt und ihr Lauf – in der auch Kinder andere Kinder töten – wird uns das Hinsehen noch lehren.

We start at the end: A good quarter of an hour after the sequence with Zsófia and Ray had been played, that imaginary radio hour would have come to a somewhat puzzling end, with this very piece here (at the bottom – hear while reading, later hear without reading!), which certainly does not trigger any nostalgic reflexes. What’s more, this piece wouldn’t have had much of an introduction. The best thing to do is to put on headphones, provide a scotch & candlelight ambience, and if this „far out“ track from Weirdsville catches or „flashes“ you, then you might go searching. A little hint: this music comes from the future. The title of the album would possibly be a small chapter in a two hundred page narrative about a single radio hour „round midnight“, full of stories, side lines and (rewarding) dead ends. 


Das Management in London vermied es konsequent, „outside the box“ zu denken. Mir wurde also nicht gestattet, in den Klanghorizonten ein anderes Stück von FORVERVOICELESS zu spielen, eines, das nicht zu den zwei freigegebenen Tracks zählt. Ein Witz, denn die „Version“ kann jeder mit einer Vorstellungsübung „hören“, man braucht nur das betörende, verstörende Songalbum auflegen und sich den Gesang wegdenken. FOREVERVOICELESS hat einen anderen Impact als der Liederzyklus, und wer es „Ambient Music“ nennt, möge sich einmal mehr klar machen, wie extrem divers Enos Klangfelder sind – es liegen Welten zwischen seiner Musik für Flughäfen und The Shutov Assembly – und der Musik der Langspielplatte FOREVERVOICELESS.

 

 

 

 


Ohne diese  exklusive kleine Premiere schien es mir wenig Sinn zu machen, die Musik auf der Playlist zu lassen, die meinen Plattenteller seit Tagen blockierte (s. Foto – das Vinyl erscheint am Record Store Day, als DL dann sowieso). Und, tja, ohne Brian kippte die Psycho-Logik der gesamten Tracklist, meine Vorarbeit war für die Katz, ich musste alles auf Anfang drehen. Es gab zwei Knackpunkte, die dafür sorgten, dass ich im Laufe eines langen Abends, befeuert von einem Viertel Liter Rotwein, „The Enchanted Path“ (von  Molly Dookers Weinbergen in South West Wales), eine neue Liste anfertigte, in der kein Stück dem andern glich. Und die alte Liste wie von einer anderen Welt herüber
funkte. 

Zwei Initialzündungen gab es. Die eine war, dass zwei Freunde vorbeikamen, Walker und Emmi, und wir das Listen-Spiel spielten. Nachdem jeder seine momentanen Lieblingsinseln, Lieblingsserien, Lieblingszugstrecken kundgetan hatte (stets mit einer Minute maximaler Bedenkzeit), ging es um unsere drei momentanen schönsten Lieblingslieder auf Erden (und der letzten tausend Jahre sowieso), zwischen Perotin und Portishead. Eben nicht wie aus der Pistole geschossen, aber mit der Spontaneität, die jedes Erinnerungsspiel, jedes projektive Verfahren, einfordern, wurden die Antworten notiert. Nummer Drei war bei mir A Day In The Life von den Beatles, Nummer Zwei Cosmic Dancer von T. Tex, und Nummer Eins Sunny Afternoon von den Kinks. 

Mir war klar, das Lied ist gesetzt, und die zweite Musik, die unbedingt in meine Playlist hinein musste, war das Sologitarrenwerk von Zsófia Boros. Ich hatte erst vor kurzem die „audio files“ erhalten, und während eines Waldspazierganges legte ich mich auf den trockenen Fleck einer kleinen Lichtung (umheben von Felsenbirne und Dirndlstrauch) und hörte alle Stücke von „El Ultima Aliento“. Ich kannte bereits das vorangegegangene Album der Gitarristin für ECM Series, „Local Objects“. Und einmal mehr fragte ich mich, was genau mich an ihrer ruhigen klaren Art des Spiels so unheimlich fasziniert, und einmal mehr blieb ich mir jede lineare Antwort schuldig. Wissen Sie übrigens, was EL ULTIMO ALIENTE  bedeutet… nun, übersetzt heisst das „der letzte Hauch“, oder auch „der letzte Atemzug“. Ich würde Poesie verfassen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. 

 

 

 

 


Das Cover finde ich dermassen verlockend, wegweisend (manche mögen es für etwas schlicht halten, sogar für kitschig, ein Foto wohl, dass durch eine Bearbeitungs-App geschickt wird, und dann très chic ausschaut, aber das ist mir sowas von schnuppe, solange ich bei dem Anblick zerfliesse).  Hätten Emmi und Walker und ich  die Listen der drei momentan schönsten Cover des Jahres durchgespielt, wäre Zsófia bei mir dabei gewesen, genauso, wie die Cover der  neuen Alben (im Gatefold-Format) von Aksak Maboul und FOREVER VOICELESS.  Die undankbare Nummer Vier wäre an Paul St. Hilaire gegangen: schlagen sie das Gatefold von Tikiman Vol. 1 auf, und Sie erhalten einen sehr sinnlichen Crashkurs über die Geheimnisse der Dub-Ästhetik!

Die anderen Bausteine der neuen Playlist fügten sich rasch zueinander, und, um nicht gross abzuschweifen, nur noch dies: wer einen wahrlich versunkenen Schatz der „fusion era“ der frühen Siebziger heben möchte, sollte in den Niederlanden, bei den den beiden Freunden Werner und Klaus von Aguirre Records, vorstellig werden, und sich diese hinreissende Schallplatte besorgen, die einst bei Dogtown Records in Philadelphia verlegt wurde.

 



Es gibt ja durchaus eine gar nicht so geheime Liste kleiner Wunderwerke, aus den Pionierjahren der fusion music, zwischen solch ikonischen „Burnern“ wie „In A Silent Way“ und „Black Market“ ….  denken wir nur 
an „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble oder an „Zawinul“ von  Zawinul, an „The Jewel On The Lotus“ von Bennie Maupin. Schluss damit, sonst entfaltet sich im Nu die nächste magische Liste. Wie gesagt, an Khan Jamals „Drum Dance To The Motherland“ geht kein Weg vorbei. Aguirre Records is waiting for your kind orders.

Jedenfalls bin ich Ihnen noch den kurzen Sinn der langen Rede schuldig: schlussendlich wurde mir klar, dass ich auf FOREVER VOICELESS nicht wirklich verzichten möchte, setzte den Track wieder an seine alte Stelle, und sofort poppte die ursprüngliche Playlist auf. Daher ist es einfach nur ein Gebot des fair play, hier die drei grandiosesten Stücke zu nennen, aus der Playlist, die nun NICHT eingesetzt wird, als da wären „De rêve et pluie“ von Zsófia Boros, ein paar schwebende Momente von  Khan Jamals Trommeltanz fürs Mutterland, und „Sunny Afternoon“ von The Kinks.

Stellen Sie sich nur mal die Wirkung vor, welche dieses schönste Lied aller Zeiten entfaltet, wenn man abends auf der Couch sitzt, und jeder Gitarrenton von Zsofia einem schon fast vorkommt wie der kühne Bestandteil  einer japanischen Fesselungstechnik für den Hörsinn –  und dann, aus dem Nichts (und berühmter noch als Herbie Flowers‘ Basslinie auf „Walk On The Wild Side“ und das Solosaxofon auf Gerry Raffertys „Baker Street“), die absteigende Basslinie aus Ray Davies‘ sonnigem Nachmittag erklingt. Wir sind ja nicht in einer Stunde voller „golden oldies“, auf Erinnerungsseligkeit getrimmt, wir werden also kalt, oder besser, heisskalt erwischt!

 

 

 

 

Eine gute Viertelstunde, nachdem die Sequenz mit Zsófia und Ray gespielt worden wäre, hätte jene imaginäre Radiostunde ein einigermassen rätselhaftes Ende genommen, mit genau diesem Stück hier, das bestimmt keinerlei nostalgische Reflexe auslöst. Noch dazu hätte dieses Stück auch keine grosse Einführung bekommen. Am besten setzt man Kopfhörer auf, sorgt für ein Scotch  & Candlelight-Ambiente, und wenn dieser „far out“-Track aus Weirdsville einen einfängt oder „flasht“, dann begibt man sich vielleicht auf die Suche nach diesem Album. Ein kleiner Tipp: diese Musik kommt aus der Zukunft. Der Titel des Albums wäre womöglich ein kleines Kapitel in einer zweihundert Seiten langen Erzählung über eine einzige Radiostunde „round midnight“, voller Stories, Seitenstränge und (lohnender) Sackgassen.

2023 21 März

mehr märzloops

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„oriental drift“

 

„headlong ahead“ (added march 21th)

 

„heartbeat“ (added march 23rd)

 

 

Ich habe viele, viele, viele Songs, an denen ich arbeite, und ich arbeite die ganze Zeit an ihnen. Nicht an jedem einzelnen, aber sie sind immer im Umlauf, und das war bei mir schon immer so. Es ist seltsam, denn wenn ich eine Idee habe und sie mir gefällt, bin ich fast schon ein wenig skeptisch, ob ich sie tatsächlich festhalten soll, weil ich weiß, dass sie mich verfolgen oder nerven wird. Und in vielen Fällen wird sie unvollendet bleiben. Manchmal treffe ich mich mit einem alten Freund und es ist so, wie wenn jemand eine Geschichte erzählt, die er schon erzählt hat, z.B. wenn ich ihm einen Song vorspiele, an dem ich gerade arbeite, und er sagt: Ja, den hast du mir schon vor fünf Jahren vorgespielt, als du daran gearbeitet hast … Ich habe mal diese Sache mit Tom Waits gehört, er spricht davon, dass ihm beim Autofahren eine Idee in den Kopf kam und er sagte, dass er sozusagen mit der Idee gesprochen hat, und er fragte: „Bleibst du hier, bis ich zu Hause bin?“ Jeder hat eine seltsame Beziehung oder Herangehensweise dazu. Aber für mich geht es nur darum, diese kleinen Ideen aufzunehmen, und dann kommen sie immer wieder zurück. Sie enthalten eine Frage, und die Antwort liegt irgendwo auf dem Weg. Und viele Songs gehen für mich in diese Richtung. Und dann gibt es welche, die zehn Jahre alt sind, und welche, die zehn Tage alt sind, und die neueren scheinen oft dringender zu sein. Im Grunde ist mein Leben wie ein wirklich großes … ich weiß nicht, man kann es nicht wirklich ein Gesamtwerk nennen, weil es nicht fertig ist, weißt du? 

2023 21 März

WHISPERS & CRIES series/hidden faces

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2023 20 März

Robert Creeley Steve Swallow

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Robert Creeley (1926-2005) ist einer meiner Lieblingspoeten. Sein erster Gedichtband auf Deutsch erschien 1967 in der edition Suhrkamp. Ich lese immer wieder in dem dunkelgrünen Bändchen, das ich noch in meiner Gymnasialzeit kaufte. Ich kann seine Gedichte auch lesen, wenn ich sie nicht „verstehe“. Immer wieder. Es hat einfach etwas. Wieder und wieder. Der Bassist Steve Swallow hat zwei Alben gemacht, die durch Creeleys Lyrik getriggerd wurden.

 

ROBERT CREELEY – Ich kenne einen

 

Wie ich zu meim Freund
gesagt hab, weil ich
immer rede, – John, hab ich

gesagt, was nich sein name
war, das dunkel um-
gibt uns, was

könn wir dagegen
tun, oder aber solln wir &
wieso nich ’n groBes klasse auto kaufen,

fahr, hat er gesagt, um
gotteswillen, kuck
wo de hinfährst

 

Übersetzung Klaus Reichert 

 

As I sd to my

friend, because I am

always talking, John, I

sd, which was not his

name, the darkness sur-

rounds s, what

can we do against

it, or else, shall we &

why not, buy a goddamn big car,

drive, he sd, for

christ’s sake, look

out where y’r driving

 

Steve Swallow – Home. XtraWATT

 

Steve Swallow – So There. XtraWATT

 


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