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2022 22 Jun

Straßen, die immer nach innen führen

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | Tags:  7 Comments

Der Schriftsteller Matthias Göritz ist ein Reisender. Er macht die Orte und Landschaften, an denen er sich aufhält, spürbar und verwebt sie intensiv mit den Empfindungen des Lyrischen Ich oder des Erzählers. In seinem ersten Gedichtband hat er unter drei Kapitelüberschriften die Metropolen genannt, in denen sie verortet sind: Paris, Chicago und Moskau. Das erste Gedicht seines Debüts skizziert Eindrücke aus Paris:

 

(…)
Stadt der Metaphern
(…)
Mein Tag: Spaziergang
oder Blicke vom Fenster.
(…)
Paris ist alt und kalt.
(…)
Durch die Stille der Stadt
treibt Kälte mich
die Achsen, die Straßen entlang,
vom Concorde zur Bastille.

Du hast Henry Miller nicht mehr in Clichy.
Du hast nachts auch nichts anderes mehr.
Du kannst dich nur mit den Vögeln vergleichen,

den Vögeln,
die schwarz in der Luft
den Fragezeichen
und Bäumen gleichen,

vereinzelten Bäumen,
und Ästen,
die schrein.

 

Göritz spielt mit den Titeln seiner Gedichtbände. Nach seinem Debüt Loops, erschienen im Jahr 2001 – Göritz war Anfang 30; die deutschsprachige Lyrik befand sich auf dem Sprung einer großen Erneuerung durch eine junge Generation – folgten die Gedichtbände Pools (2006) und Tools (2011) und zuletzt (2021) Spools, eine Anspielung auf die Tonbänder aus Samuel Becketts grandiosem Theaterstück Krapp‘s Last Tape (auf Deutsch: Das letzte Band). Erinnerungen, Episoden aus der Kindheit („Mein heutiges Personenpensum / Papa, Nicki und ich“) sowie Lebens- und Liebesreflexionen durchziehen die Gedichte. In Tools gibt es ein Sonettenkranz mit Szenen einer sich auflösenden Liebesbeziehung; jedes Sonett ist überschrieben mit dem Automodell und dem Ort des Geschehens. An Schreibanlässen scheint es Göritz nicht zu mangeln. In einem Gedicht aus Loops schreibt er: „So soll das gehen. / Fast von allein / begegnet mir / das Gedicht.“ Neben Gedichten, die erlebnisorientiert wirken, finden sich auch historische Betrachtungen wie die niederländische Tulpen-Finanzblase und die Eroberung der Arktis durch Amundsen und Scott. In Göritz‘ Werk kann man feine Korrespondenzen entdecken, Fäden, die Geschehnisse und Reaktionen miteinander verbinden. Eine Liebe, die zerbricht, vielleicht wegen der Sache mit Lin in Shanghai Blues. Am stärksten sind Göritz‘ Texte, wo sie authentisch, überraschend, unberechenbar und schonungslos daherkommen, wie in diesen Passagen aus Spools: „Ich habe aufgegeben / etwas Besonderes zu sein.“ „Genau wie ich, weiß sie nicht, was sie sagt.“ „Ich schlichte Streite nicht mehr / ich gehe ihnen jetzt aus dem Weg“. Oder hier, die Auflösung von allem: „es gibt nicht einmal diesen Text / es gibt // nichts / nur eine Schnittmenge von Worten.“ Abschiedsstimmung flackert auf. Aufbruch in eine andere Lebensphase vielleicht. „Alles, was ich war lieh ich mir / und jetzt gebe ich es zurück / Auch diese Wörter / Auch dieses Buch“. Ab und an erwähnt Göritz den Wunsch, die Grenzen der Sprache zu überschreiten: „Der wirkliche Käfig ist der der Sprache.“ Ein Zitat aus dem aktuellen Buch Amerika oder Reisen ins Herz des Herzens des Landes. Die kleinen Texte – im Buch selbst als Flash-Fiction, also als Kürzestgeschichten bezeichnet – kommen mit einer Geste des Improvisierens daher, sind genreübergreifend, verspielt. Ein Reise-Skizzenbuch. Eine Art Reise-Blog. Wobei es sich nicht um eine Auslandsreise handelt, da Göritz seit einigen Jahren als Professor of  the Practice an der Washington University in St. Louis unterrichtet, in den USA also lebt. Die Nonchalance und die Lässigkeit nehmen im Werk von Matthias Göritz zu. Der Autor demonstriert Abgebrühtsein, Gleichgültigkeit. „Es ist nicht wichtig, wie ich die Dinge beschreibe. Die Dinners, die Tankstellen, die Straßen, die immer nach innen führen. Sie sind da. Draußen. Dein Erstaunen an Etwas, das sich Amerika nennt.“

 

Amerika oder Reise ins Herz des Herzens des Landes enthält Fotografien von Michael Eastman, Bilder, die über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten aus verschiedenen US-Staaten aufgenommen wurden und eines gemeinsam haben: viel Raum für den Himmel unter endlos scheinenden Landschaften. Etwas Unheimliches kommt immer dazu. Auch Göritz‘ Erzählung Shanghai Blues (2015) enthält beeindruckende Fotografien, es sind Arbeiten von Vanja Vukovic, die Shanghai verzaubern und verwandeln. Das Buch beginnt mit dem Blogeintrag eines Mannes namens Parker über seine Ankunft in Shanghai. Parker, der ein Werk über Urbane Nomaden geschrieben hat, und nun als Experte gilt, einen lukrativen Auftrag nach dem nächsten erhält. 200.000 verkaufte Hardcover-Exemplare in den USA, Übersetzung in 24 Sprachen, in China als Raubkopie auf Chinesisch vertrieben. Eine Geschichte, mit der es anfing. „Die Sehnsucht, einfach an einem anderen Ort anzufangen (…)“ Aber fing es nicht schon so an? Doch, so fing es wohl an. In Paris, Chicago und Moskau um die Jahrtausendwende herum.

 

Ein Wolf hat mich angefallen. Vor der Betonleinwand
auf dem Parkplatz des aufgegebenen Autokinos an der
Ausfallstraße eines längst vergessenen Orts, dessen
Name auf dem Straßenschild langsam verrottet. Peter
Bogdanovich? Keine Chance. Hier muss man Gewalt-
filme drehen. Tarrantelkino. Horizontschlachten.
Fords. Der Mittlere Westen. Bis zum Äußersten gehen.
Carl ist eine Sandburg. In mir lebt ein Wolf. Er hat
mich angesehen. Der Hunger. Das Gefühl ist selbst
rohes Fleisch. Ich habe ihn in die Kiste gestopft. Zu dir
und dem Hund.

(aus: Amerika oder Reise ins Herz des Herzens des Landes)

 

This entry was posted on Mittwoch, 22. Juni 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

7 Comments

  1. Ursula Mayr:

    Offenbar ein bemerkenswertes Buch. Macht Lust auf mehr …

  2. Ursula Mayr:

    Tarrantelkino – kleiner cineastischer Seitenhieb?

  3. Martina Weber:

    Der Text, den ich aus „Amerika“ ausgewählt habe, ist der komplexeste und poetischste des Buches. Den Begriff „Tarrantelkino“ habe ich noch nie gehört. Scheint ein anderes Wort für Gewaltfilme zu sein. Ein Seitenhieb gegen Gewaltfilme in Landschaften also, oder?

    Der Satz „Carl ist eine Sandburg“ ist eine Spielerei mit dem Namen Carl Sandburg, der ein amerikanischer Lyriker ist, der z. B. W.S. Merwin beeinflusst hat, wenn ich das richtig erinnere.

    Nicht erwähnt habe ich die Romane von Matthias Göritz, weil ich sie nicht gelesen habe, und seine sehr umfangreiche Übersetzungsarbeit.

  4. Ursula Mayr:

    Ein Hinweis auf Tarantino

  5. Jochen:

    Ganz sicher – in Tarantinos Splattermovie („Gewaltfilm“) From Dusk Till Dawn spielen auch Tito & Tarantula

  6. Martina Weber:

    Oh, wie raffiniert.

  7. Martina Weber:

    Wer mehr von Matthias Göritz lesen oder hören möchte, hier der Link zu seinem Profil auf lyrikline.org (die Lesungen werden in einem schalldichten Studio aufgenommen/ Übersetzungen ins Englische gibt es auch): https://www.lyrikline.org/de/autoren/matthias-goeritz

    Göritz‘ Musikgeschmack, soweit er sich aus den genannten Büchern ergibt: Die Lassie Singers, der Song „Beautiful Freaks“ von den Eels und – Hans-Dieter wird sich freuen – Beethoven, Bruckner, Mahler, Tschaikowski, Schubert und Sibelius.

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