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2021 22 Aug

Klanghorizonte im Rückspiegel

von: Hans-Dieter Klinger Filed under: Blog | TB | 2 Comments

Vorbemerkungen

 

Im Spiegelbild bleiben Oben und Unten oben und unten, Links und Rechts werden vertauscht. Ich habe meinen Aventho Wireless Kopfhörer eingepackt, dazu einen Bluetooth Transmitter. Das Verheddern in einem Kabel kann nicht passieren, ich kann mich also drehen und wenden. Und sogar beim Miktieren kann ich weiterlauschen.

Die mir verfügbaren Räume sind ein großes Zimmer mit Tischen, Stühlen und Bett, eine Toilette und weite Zeiträume. Nein, ich bin kein Querdenker, den man für ein paar Tage vergittert hat …

Fast wäre es mir gelungen – zum ersten Mal überhaupt – die Klanghorizonte real time von Anfang bis Ende anzuhören. Das bleibt wohl für immer Martina vorbehalten. Die ersten drei Stunden habe ich aufmerksam durchgehalten und bin nicht ein einziges Mal eingeschlummert. Dann aber musste ich aufgegeben.

Nach dem Wiedererwachen hörte ich die 4. und 5. Stunde an dank der vom DLF bereit gestellten Links. Die leeren Zeiträume gestatteten mir, die ersten beiden Stunden ein zweites Mal anzuhören, und zwar in der Weise, dass ich den Tracks Punkte zugewiesen habe, eine Skala von 0 bis 10 anwendend. In wenigen Fällen vergab ich das Attribut norepeat, womit ich Musik meine, die ich absichtsvoll kein zweites Mal anhören würde.

Um es vorweg zu nehmen: die Klanghorizonte August anno domini*ae 2021 enthielten nicht ein einziges Stück, das ich mit 0 Punkten bewerten würde! Und das, wo es unter den historischen Klanghorizonten die Fülle gibt an zero-points-pieces. Für mich war es eine von M.E.s besten fünfstündigen Kompilationen. Natürlich ist das nicht Ausdruck eines absolut objektiven Sachverhalts. Darin ruhen auch subjektive Geschmacksempfindungen. Ich mag zum Beispiel kein Kakaogetränk. Unvergessen: als ich im Kindergarten genötigt wurde, eine Tasse Kackau zu trinken, kotzte ich alles auf den Holzfußboden.

Ich meine – ohne dessen gewiss zu sein – dass Wolfgang Gottlieb Mozart hierzublogge schon mit 0 Punkten abgefertigt wurde. Maarten ’t Hart hätte das nicht getan!

 

In Heiligerlee konnte ich sachliche Musik auflegen, nicht Mozart, den auf keinen Fall, der hat das Patent auf echte Leidenschaft

So steht es geschrieben im Kapitel Furieade von DER NACHTSTIMMER. In meiner Kindheit löste Mozarts Musik ein Kribbeln und Schauern von Kopf bis Fuß, zurück und wieder zurück aus, sobald die ersten Töne erklangen. Ich habe schon sehr lange nichts mehr von Mozart fokussiert angehört. Vor wenigen Wochen jedoch brachte 3sat die Aufzeichnung des Konzerts der musicAeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis aus Salzburg. Ich habe aus Neugier hineingehört – schließlich sorgt Currentzis in der Klassik-Szene für Aufruhr. Ich konnte mich nicht mehr davon stehlen. Es war unglaublich fesselnd, zu hören, was das Ensemble aus den letzten Mozartschen Sinfonien in g-Moll KV 550 und in C-Dur KV 551 freilegte. Overwhelming like the Miles Davis Septet in Munich 1971. Wie man sieht: Äpfel und Birnen kann man vergleichen – ich wenigstens kann das. Ich vermute, nur wenige der hier Lesenden kennen Currentzis. Ich weiß, dass Brian Eno ihn kennt.

 
 

Stunde 1

 

track 1
8 Punkte
schönes elektronisches Ambiente für eine Singstimme mit interessanter Aura

track 2
5 Punkte
als Musique d’ameublement geeignet / Überlänge nach nettem Anfang / norepeat

track 3
9 Punkte
wow! toller Groove / listige Piano Harmonien / Text, der was taugt

track 4
9 Punkte
wunderbar free! / ein Percussionist mit endloser Fantasie
Rumpelstilzchen flüstert: merkste was?

ja schon, irgendwie. Hat der DLF seine zarte dynamic compression aktiviert? Ich werde das anhand der Originalaufnahme checken.

track 5
8 Punkte
vgl. track 3

track 6
3 Punkte
is net meins / norepeat

track 7
6 Punkte
Überlänge

track 8
9 Punkte
Marc Johnson, sehr sensible stimmungsvolle freie Improvisation
exzellente Intonation, blitzsaubere Quinten (ein hochempfindliches Intervall)
wunderbar humane Retrospektive zum Songtitel

 

Stunde 2

 

track 1
7 Punkte
schönes elektronisches Ambiente für eine Singstimme mit interessanter Aura

track 2
8 Punkte
siehe track 1
die Stücke dieser Band machen neugierig auf das gesamte Album

track 3
6 Punkte
das Stück passt gut in die Sequenz der zweiten Stunde, ist aber nicht mein Ding
Musique d’ameublement

track 4
9 Punkte
große Klasse, siehe Stunde 1 track 3

track 5
9 Punkte
eine prächtige rhythmische Savanne
skurrile Klangwesen durchstreifen zunehmend das Land
Schüsse von Wilderern, alles Fehlschüsse

track 6
9 Punkte
alles schon gesagt zu diesem Album

track 7
6 Punkte
Überlänge, noch mehr Fehlschüsse / vgl. track 3

track 8
0,5 Punkte
Eno Radio Station
schade kostenpflichtig, da mach ich nicht mit, deshalb fast zero points
ich habe noch gar nicht sämtliche Orgelwerke von J.S. Bach und Olivier Messiaen angehört
es gibt genug Brian Eno Alben bei Qobuz

 

Stunde 3

 

all tracks
9 – 10 Punkte
ich höre alte Bekannte mit zeitlosen Stücken und einen fabelhaften double bass player
Jacky Terrassons Album Smile ist eines der schönsten Piano Trio Alben des Jazz

 

Stunde 4

 

track 1
8 Punkte
interessante, dichte Percussion
ich musste an Glen Velez denken, eines der Instrumente klingt wie ein Bodhrán

track 2
10 Punkte
magisch
die Orgel klingt wie ein Harmonium
ein langes Stück ohne Überlänge, es könnte immer weiter tönen …

track 3
9 Punkte
für mich schwer geografisch einzuordnen, es wirkt nordafrikanisch bzw. süd-mediterran
es könnten ausschließlich akustische Instrumente sein, evtl. wirken auch Singstimmen mit
es wirkt völlig unbeleckt von westlichem Kulturimperialismus

track 4
10 Punkte
der Hammer der Nacht
musikalisch wird demonstriert, wie spannend repetitive Musik sein kann
allein den e-bass zu verfolgen ist ein Abenteuer
und dann noch das herrliche call-response-Spiel von Keyboard und Guitar (?)
ich habe seit Monaten nicht mehr an Miles Davis‘ Jack Johnson gedacht – aber jetzt!
und die Stimme! erotisch und intellektuell kühl zugleich
der Text muss brillant sein – ich möcht ihn lesen

tracks 5 bis 8
7 bis 8 Punkte
Stunde 4 ist ein Gebinde repetitiver Musik
welcher Abwechsungsreichtum, welche Spannung!

 

Stunde 5

 

part A
3 Punkte
wüsste ich nicht, dass ein Trompeter die erste Geige spielt (schiefes Bild),
dann würde ich nicht auf die Idee kommen, dass hier trompetet wird
ich weiß gar nicht, wie das Effektinstrument heißt, welches den Trompetenton
zu einem mehrstimmigen, synthetisch klingenden Chor vervielfacht
norepeat

part B
10 Punkte
Don Cherry und seine Family präsentieren den humansten Beitrag der 5 Horizontstunden
dieser Auftritt ist ein rares Beispiel für große „ungekünstelte“ Kunst

 

This entry was posted on Sonntag, 22. August 2021 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

2 Comments

  1. Jochen:

     

    „Miktieren“ musste ich im Duden nachschauen –

    ansonsten sehr humorvoll geschrieben.

    Bei mir auf dem Lesetisch liegt

    (man glaubt es kaum): Don `t Hart.

    Beteilige mich aber nicht am Lesewettrennen,

    auch nicht in discreeter Form.

    Bin der Schatten(lese)mann,

    ach wie gut dass niemand weiss

     

  2. Jan Reetze:

    ich weiß gar nicht, wie das Effektinstrument heißt, welches den Trompetenton
    zu einem mehrstimmigen, synthetisch klingenden Chor vervielfacht

    Harmonizer.


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