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on life, music etc beyond mainstream

2020 8 Aug

All Gates Open

von: Jan Reetze Filed under: Blog | TB | Tags: , 6 Comments

 

 

Das noch immer beste Buch über Can ist das 1998 dreisprachig als Teil der Can Box erschienene, leider längst vergriffene „Can Box Book“ von Wolf Kampmann und Hildegard Schmidt. Ansonsten hat nicht viel Auswahl, wer sich für die Geschichte der Band interessiert. Gemessen an ihrer Bedeutung ist das eigentlich erstaunlich. Es gäbe dann noch „The Can Book“ von Pascal Bussy und Andy Hall von 1989, ein Werk voller, wie Tucholsky es einst nannte, „unsichtbarer Imponierklammern“ — hinter jeden zweiten Absatz raunt es dir unsichtbar ins Ohr: „(Ist das nicht toll, was wir alles wissen? Und wir wissen noch viel mehr, was du, dummer Leser, nie erfahren wirst!)“

Und dann ist da „All Gates Open — The Story of Can“ von Rob Young und Irmin Schmidt, so benannt nach dem Eröffnungstrack von Cans letztem regulären Album von 1978 (wenn man den 1989er Nachzügler Rite Time mal außen vor lässt, der wohl eher dazu diente, einige Dinge zwischen den Musikern zu klären). Ich bin erst jetzt dazu gekommen, diesen Klotz mit seinen fast 580 Seiten plus einiger Fotostrecken durchzulesen.

Das Ergebnis ist durchwachsen. Das Buch zerfällt in drei Teile: Zum ersten ist das die von Young verfasste Geschichte der Band, zum zweiten eine Sammlung von Gesprächen mit Irmin Schmidt, und zum dritten Tagebuchauszüge und andere Notizen von Irmin Schmidt.

Young schrieb für The Wire, seine Story der Band nimmt etwa zwei Drittel des Buches ein. Sie hangelt sich an den Platten entlang, ist gut und sachlich geschrieben, hält sich allerdings nach meinem Eindruck ein bisschen zu eng an Irmin Schmidt und dessen Sicht der Dinge fest. Young kennt die Band sehr gut, seine Kenntnis der Aufnahmen ist so gut wie lückenlos, oft hat er Informationen oder Hintergrundgeschichtchen zu den Stücken und ihrer Produktion parat, die wirklich aus dem Nähkästchen stammen. Insbesondere die vielen Informationen über Cans Filmmusiken sind für jeden, der die Band kennt und schätzt, hochinteressant. Die Rolle von Irmins Frau Hildegard wird ausführlich beleuchtet, auch der jahrelange Ärger mit Abi Ofarim wird geschildert, der sich zum Manager der Band berufen fühlte, aber wenig dafür tat. Einige merkwürdige Fehler sind mir aufgefallen, die möglicherweise einer Übersetzung oder Übertragung geschuldet sind; so wird etwa Karlheinz Stockhausen eine Komposition namens „Klangwelle“ zugeschrieben, die es nach meinem Kenntnisstand nicht gibt (gemeint ist wohl „Kurzwellen“), auch sprachliche Missverständnisse treten gelegentlich auf. Aber damit kann man leben. Die Rolle Stockhausens für die Band, das wird schnell deutlich, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, das zieht sich durch das gesamte Buch. Sowohl Holger Czukay als auch Irmin Schmidt waren seine Studenten, Schmidt selbst kommt ja aus einer klassischen Musikausbildung. Ich habe durch die Lektüre etliches über Malcolm Mooney und Damo Suzuki erfahren, was ich nicht wusste; gelegentlich wartet das Buch auch mit Mitteilungen auf, die ich so genau gar nicht hätte wissen wollen — etwa die Ursache der Spannungen zwischen Holger und Irmin, eine private Geschichte, die für mein Gefühl gar nicht in die Öffentlichkeit gehören würde.

Gemessen an den Anteilen Irmin Schmidts sind die Geschichten Jaki Liebezeits, Holger Czukays und Michael Karolis ein wenig unterbelichtet, aber vielleicht sollte man das gesamte Buch ohnehin als eine Art Schmidt-Biografie sehen. Generell gilt: Am Lack der Gruppe wird an keiner Stelle gekratzt, hinterfragt wird nichts. Selbst die Nähe der Band zu okkulten Erscheinungen, Telepathie etc., wird nicht kommentiert oder in Frage gestellt. Die alten Stories mit der Selmer-Orgel, die angeblich auf verbales Kommando von Michael aufhörte zu rauschen, werden ebenso unhinterfragt wiedergegeben wie die angeblich stehengebliebenen Uhren im BBC-Studio, als Jaki aufhörte zu spielen. Na gut, Fans lieben Märchen, trotzdem hätte man sich da ein klareres Nachhaken gewünscht.

Das letzte Drittel des Buches steht unter dem Motto „Can Kiosk“ und teilt sich auf in Gespräche mit Irmin Schmidt und Notizen von Irmin Schmidt. Seine Gesprächspartner sind unter anderem Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), Geoff Barrow (Portishead, die Schmidt offenkundig sehr schätzt), Filmemacher und Theaterregisseur Klaus Emmerich, zu dessen Serie „Rote Erde“ Schmidt die Musik schrieb, Duncan Fallowell, Hans-Joachim Irmler (Faust), Wim Wenders und etliche andere. Irmin Schmidt steht dabei zwar im Mittelpunkt, aber es geht auch um die Arbeit der jeweiligen Gesprächspartner. Die sich dann anschließenden Notizen, Tagebuchausschnitte und Traumschilderungen von Schmidt sind für mein Gefühl inhaltlich wenig ergiebig und wären verzichtbar gewesen. Aber gut, nun sind sie mal da.

Wie gesagt: Das Kampmann/Schmidt-Buch von 1998 findet man bestenfalls mit viel Glück noch gebraucht, deswegen wird das Young/Schmidt-Buch das beste bleiben, das über Can zu bekommen ist. Lesenswert ist es allemal.

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6 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Was Can betrifft, hatte ich immer eine Frage. Und vielleicht gibt ja Kampmann oder Young eine Antwort darauf.

    Es geht um den Song „Vitamin C“. Nach 2‘12‘ schleicht sich eine hinreissend schöne Keyboardmelodie ein, ich fand diese Passage, die bei ca. 3‘00 ausklingt, stets unfassbar anrührend.

    Ist das ein Zitat einer uralten Melodie, oder tatsächlich ein Geschenk des Augenblicks gewesen? Sie scheint von unendlich weit herzukommen, ein Ohrwurm innerhalb eines Ohrwurms, zum ersten Mal gehört wohl once upon a time, als Soundtrack im Tatort „Tote Taube in der Beethovenstrasse“ …

  2. Jan Reetze:

    Das Orgelmotiv — ich muss immer an einen Leierkasten denken, wenn ich es höre — hat sich offenbar wirklich als Augenblicksgeschenk aus den zwei Akkorden entwickelt, die Michael spielt.

  3. Michael Engelbrecht:

    Ja, genau. Alte Kirmesmusik, Leierkasten, ode ein altes Volkslied, das geht mir da auch durch den Kopf. Gift of the moment, I see. Ganz und gar erstaunlich.

  4. Michael Engelbrecht:

    Meine Gustav Mahler-Phase hatte ich zwischen meinem 16. und 23. Lebensjahr.  Meiner erste Can-Phase hatte ich in den Weihnachtsferien des Jahres, in dem „Tago Mago“ erschien. Später habe ich Mahler auch weiterhin geliebt, aber mehr aus der Erinnerung. „Tago Mago“ und „Ege Bamyasi“ holte ich öfter aus dem Plattenschrank als Georg Szolti und sein Orchester aus Chicago.

    Wenn ich 2020 oder 2021 im Dezember meine letzte Radionacht Klanghorizonte mache (hoffentlich kommt jetzt nicht wieder Chris Roberts oder wie der Heinz hiess, und fragt mich, wie oft ich mich noch verabschieden möchte), dann ist ein Track für die letzte Stunde schon gebucht, Neben Enos Fractal Zoom, und das ist Vitamin C.

    Ich habe mir 2013 nochmal alle Mahler-Symphonien besorgt, von Szolti und dann auch noch von Bernstein. Aber sie warten noch auf ihren Einsatz. Alles hat seine Zeit.

  5. Jan Reetze:

    Vitamin C müsste das Stück gewesen sein, das meine Bekanntschaft mit Can eröffnet hat. Da war ich noch Schüler. Aber es funktioniert noch immer.

  6. Michael Engelbrecht:

    Vitamin C lief rauf und runter in dem Tatort, den Samuel Fuller drehte, Tote Taube in der Beethovenstrasse. Das war neben den Tago Mago Weihnachten meine Initiation :) 1973, mein Abijahr. Da gab es noch Filme, in denen einer Charlie Umlaut hiess 😉

    Der leider nicht mehr unter uns weilende Michael Althen war auch ein grosser Fan dieses Tatorts.

    Besetzung
    Zollfahnder Kressin – Sieghardt Rupp
    Sandy – Glenn Corbett
    Mensur – Anton Diffring
    Charlie Umlaut – Eric P. Caspar

    Drehbuch – Samuel Fuller
    Regie – Samuel Fuller
    Szenenbild – Lothar Kirchem
    Kamera – Jerzy Lipman
    Musik – The Can

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