Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2018 17 Nov

W.S. Merwin, flap the third

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 9 Kommentare

Das unvermeidliche Leichtsein

 

Die Straßen und alles, was auf ihnen liegt, fliegen hoch und lösen sich auf

ein Netz erhebt sich, als trennte es jemand ab von der Erdoberfläche

das Spinnennetz, in dem die Erde dabei war zu sterben

und sie atmet, nackt, mit ihren frischen Narben

und überall Himmel

 

Orignal version: W.S. Merwin, in: The rain in the trees, 1988

Translation: Martina Weber

 

Auf dem Cover des Gedichtbandes „The rain in the trees“ (ich habe ein ehemaliges Bibliotheksexemplar aus den USA) finden sich eng aneinanderstehende Bäume mit silbrig glänzenden Stämmen, wahrscheinlich aus Hawaii, denn W.S. Merwin war inzwischen auf eine der Inseln gezogen, und er lebt immer noch dort und arbeitet jeden Tag an seinen Gedichten. Auf der Rückseite ist ein großes Portraitfoto von Merwin, der wohl um die 60 herum sein wird, mit leichten Locken, der Andeutung eines Lächelns und einem Blick vorbei am Betrachtenden. Das Gedicht ist, wie auch the archaic maker, dessen Übersetzung ich vor einiger Zeit hier postete, eines der ungewöhnlichen in diesem Band. Es ist eines der seltenen Gedichte, die ganz ohne Menschen auskommen. Es geht darum, einen neuen Blick auf die Welt zu entwickeln, einen anderen Blickwinkel. Alles von Menschen Gemachte löst sich auf (die Straßen und alles, was auf ihnen lag,), die Erde hat zwar Narben davongetragen, aber es schimmert eine neue Chance durch, unter dem Himmel, der im Schlussbild vollkommen präsent und unendlich ist, alles ist offen. Eine Befreiung. W.S. Merwin schafft es, in nur fünf Zeilen eine starke Stimmung zu erzeugen mit ungewöhnlichen, teilweise surrealen Bildern. Es ist viele Jahre her, dass ich dieses Gedicht entdeckt habe, aber ich denke oft an diesen Text. Und das Gedicht gehört zu denen, von denen ich wünschte, ich hätte es selbst geschrieben.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 17. November 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

9 Kommentare

  1. Wolfram:

    … und ich wünschte, ich hätte es entdeckt. Das habe ich ja jetzt.

  2. Martina:

    That´s why we are in a team :)

  3. Wolfram:

    Hast du den Text über Nacht umgeschrieben?

    Den letzten Satz fand ich so ausducksvoll und konzentriert das Gedicht wertschätzend. Jetzt habe ich das Gefühl, du machst dich mit dem „nur“ als Übersetzerin zu klein. Vielleicht täusche ich mich, und du hast garnichts verändert. Allerdings verändern sich Texte über Nacht manchmal auch von alleine.

  4. Olaf:

    Wunderschön und in der Tat wahrnehmungserweiternd.

  5. Martina:

    Doch, Wolfram, ich habe etwas verändert.

    Ich glaube, ich werde es wieder zurückändern :)

  6. Wolfram:

    Ja, so hatte ich es auch in Erinnerung.

    Ich hoffe, du hast vor, noch mehr Mervins zu übersetzen.

  7. Martina:

    Eigentlich wollte ich anregen, Merwin im Original zu lesen … The second four books of poems. Das wäre mein Tipp. Vier Bücher in einem Buch. Es gibt auch einen Sammelband mit new & selected poems aus dem Jahr 2005 unter dem Titel Migration. Wie es bei einer Auswahl aber so ist: Sie ist subjektiv. In Migration finden sich weder The archaic maker, noch In Autumn noch The inevitable lightness

  8. Wolfram:

    Wie wäre es dann mit einer Liste „Gedichte, die ich gern übersetzen würde?“ 1/2 :)

  9. Martina:

    Ja, Listen sind immer ein guter Anfang. Auf deinen besonderen Wunsch gibt´s aber noch eine Zugabe :)

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