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2011 31 Mai

Ein Lob der Faulenzergesellschaft: The Leisure Society in Köln

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | 2 Kommentare

Es sind Marktmechanismen und PR-Strategien, die Mumford & Sons (obwohl wesentlich untalentierter) zur großen jungen Folkrock-Band der Stunde gemacht haben – der Zauber der Leisure Society bleibt scheinbar vielen unerschlossen. Am Sonntagabend spielte die Band im Luxor in Köln, vor gerade mal fünfzig Hansels und Hannahs – die siebenköpfige Formation zelebrierte hinreissende Songs, voller Dynamik, plötzlicher Tempowechel – und reich an Melodien, die weich schwingen und tief reichen. Wer hat schon je dem letzten Rest des schmelzenden Schnees ein Lied gewidmet (und darin das Ende einer Liebe besungen)? Eröffnet wurde der Set mit dem Titelstück des neuen Album, „Into The Murky Water“. Aber fangen wir am Anfang an, bei ihrem Debutalbum „The Sleeper“.

Die Idee von der Freizeitgesellschaft stammt aus den 1930er Jahren. Alles ist automatisiert und mechanisiert, und wird von Robotern erledigt. Die Leute dachten damals, in der Zukunft brauchten sie nicht mehr zu arbeiten, weil die Maschinen das für sie tun. Sie selbst würden den ganzen Tag mit Freizeitvergnügen zubringen. So ist es natürlich nicht gekommen. Ich fand es immer romantisch, wie sich Menschen in der Vergangenheit die Zukunft vorstellten. Als es um das Cover unseres Albums ging, kaufte ich eine Menge amerikanische Magazine aus den 30er Jahren mit futuristischen Stadtansichten und Raumschiffen. Diese Bilderwelten fand ich sehr interessant.

The Leisure Society, die Freizeitgesellschaft, die der Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist Nick Hemming aus der englischen Provinzstadt Burton-On-Trent 2006 in London ins Leben rief, ist ein großes Ensemble mit bis zu 13 Mitgliedern. Mit Violinen, Celli, Flöten, Akustigitarren, Banjos, Piano, Glockenspiel und vielen weiteren Instrumenten haben sie auf ihrem Debütalbum „The Sleeper“ hart daran gearbeitet, Hemmings Vision eines orchestralen Folk-Pop so federleicht umzusetzen, dass man ganz verblüfft ist von der Beiläufigkeit des Tiefgangs. Das liegt sicher an der betörenden Poesie der Songs, aber auch an den Echos aus der Musik der späten 60er und frühen 70er Jahre, die in den weit aufgespannten Klangräumen der Leisure Society nachhallen:

Ich war in einem düsteren, deprimierten Zustand, als ich die Songs schrieb. Eine Liebesbeziehung war zerbrochen. Ich verließ meine Heimatstadt, um von meiner Ex-Partnerin und den schlechten Gefühlen wegzukommen. Ich zog nach London, schlief bei Freunden auf  Sofas und auf dem Fußboden, trank Wodka, und schrieb diese Songs in einer elenden Verfassung. Ich wollte aber nicht, dass das Album depressiv klingt. Ich hörte zu der Zeit viel Beach Boys und die Beatles, diese fröhlichen Melodien. So ergab sich diese Mischung aus traurigen Texten und aufmunternden Melodien, die uns wichtig war.

„The Last Of The Melting Snow“, im Frühjahr 2009 vollkommen überraschend als „bester Song“ für den Ivor Novello Award, den renommierten britischen Songwriter-Preis, nominiert, beförderte The Leisure Society mit einem Schlag ins Rampenlicht: symphonischer Kammer-Folk, der, was den Gesang angeht, an die heitere Wehmut von Brian Enos sanften Songs erinnert. Vor allem aber scheint das Stück sich The Leisure Society in typisch englischen Folk-Traditionen zu verorten:

Ich habe mir nie viel traditionelle Folk-Music angehört, allenfalls so etwas wie Nick Drake oder Joni Mitchell. Ich verwende ähnliche Instrumente, die auch im Folk vorkommen, ich mag zum Beispiel Banjos und akustische Gitarren. Mein Songwriting aber hat mit dem des Folk nichts zu tun, ich habe da eher einen Pop-Hintergrund. Jemand hat uns kürzlich für eine Dokumentation über englische Folk-Music interviewt. Und ich sagte, ich mag keinen traditionellen Folk. Ich finde ihn zu niedlich und muss dabei immer an Ein-Mann-Kapellen mit Schellenkranz um den Fuß denken. Ich stehe mehr auf den großen klassischen Pop.

Folk kann heute eine Million verschiedene Dinge bedeuten, sagt Nick Hemming. Und so kann man fasziniert verfolgen, wie er mit seiner Leisure Society folkige Miniaturen mit Hilfe von symphonischen Elementen in epische Songs verwandelt, in denen der freie Geist englischer Folk-Rock-Pioniere à la Fairport Convention, Pentangle, oder Steeleye Span in zeitgemäßer Form fortwirkt. Aber es kommen noch ganz andere Anklänge hinzu: 

Als ich mit The Leisure Society anfing, saß ich allein in meinem Schlafzimmer-Studio und komponierte Musik für den Film eines Freundes. Ich ließ mich durch die Musik von John Barry und Ennio Morricone inspirieren, denn mir gefiel die Art, wie dort die Instrumente zusammen flossen. Ich begann, Unmengen an Instrumenten zu sammeln: Sitars, Banjos, Ukulelen. Ich fand es aufregend, wie zum Beispiel eine Sitar und eine elektrische Gitarre zusammen klingen. Das brachte mich dazu, immer mehr Musik aufzunehmen.

Es ist nicht allein die Verwendung bestimmter akustischer Instrumente, die The Leisure Society ein folkiges Flair verleiht. Stellt man sich vor, wie Nick Hemming und seine Musikerfreunde aus Brighton in dem alten romantischen Seebad nicht weit von London zusammen an ihren Songs arbeiten, fühlt man sich leicht in andere Zeiten und Geschichten zurück versetzt:

Ich finde das Meer und die Küste ziemlich anregend und habe viele Songs dort geschrieben. „A Matter Of Time“, eine der Singles vom Album, ist dort entstanden. Wir nehmen die Stücke bei einem von uns zuhause auf oder mieten ein Haus auf dem Land, sitzen dort im Kreis und spielen Musik. Die spezielle Atmosphäre eines Raumes, in dem Leute zusammen Musik machen, auf einer Platte einzufangen, dafür spricht vieles.

Für die Aufnahme von „Into The Murky Water“ sind sie in eine alte Tudor-Villa gezogen. Im Luxor verging die Zeit (auch wenn hier viel „alte Zeit“ anklingt) im Flug. Nick Hemming ist ein so  begabter Melodienfinder! Hernach ging es auf die Zülpicher Strasse. Wir waren ein wenig berauscht von der Musik. Jegliches Sonntagabendfeeling ging verloren. Das Meer hätte gleich hinter der nächsten Ecke auftauchen können. Der Sommer pulsierte, die Fassbrause schmeckte, der Caipirinha erfrischte. Mir stand der Sinn nach einem Gedicht über ein himbeerrotes Sommerkleid.  

Das deutsche Feuilleton bearbeitet gerne solch hochtrabenden Blödsinn wie Lady Gaga, es hängt sich an jeden scheintoten Zeitgeist, es zelebriert jede einst gefeierte Rampensau, die den alten Schmus uninspiriert ins Ohr säuselt, Einschlafpillen für die 68er, hippies´little helpers, die den Partykeller so langsam, aber sicher mit Seniorenresidenzen eintauschen, ihre Träume  begraben haben, und sie nur noch da ausfindig machen, wo sie selbst „für immer jung“ waren, etwas doof und Luftschlösser bauten oder Karrierepläne bastelten. The Leisure Society funktionieren hier als Heilmittel: eine kleine Prise dieser Songs, und man kommt wieder in der Gegenwart an und checkt aus – aus dem „Hotel California“!

 https://www.youtube.com/watch?v=9MhHXAIGhQQ
 
(Am Anfang des Gitarrenintros zitiert Nick Hemming Neil Youngs „Only Love Can Break Yor Heart“. Der Text ist eine Zusammenarbeit von Andreas Dewald und mir. Das Interview hat Andreas Dewald gemacht. Ein guter Freund, und mein treuester Mitarbeiter bei „Corso am Samstag“, einer Sendung, bei der ich jetzt, auf grund inhaltlicher Differenzen mit dem Redakteur, ausgestiegen bin.)

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 31. Mai 2011 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. Jochen Siemer:

    „Die Idee von der Freizeitgesellschaft stammt aus den 1930er Jahren.“ –
    das dürfte auch die Zeit gewesen sein, in der Bertrand Russell sein
    „Lob des Müßiggangs“ (In Praise of Idleness) formulierte.

  2. Michael Engelbrecht:

    Maddy Costa im Guardian am 4. mai über „Into The Murky Water“: It is like a bad joke: the new album from the Leisure Society is called Into the Murky Water, so they kick off their UK tour to promote it with … a gig in an aquarium! It takes only seconds for the band’s twin frontmen, singer-songwriter Nick Hemming and pianist Christian Hardy, to conclude that this was a terrible idea. Hardy – garrulous, cheerful, boyish – introduces the band by pointing out how awkward they all feel, while the more diffident and pernickety Hemming keeps apologising for the roughness of the sound.

    He needn’t: while it is true that the natural home for the Leisure Society’s bucolic folk-pop is a sunlit meadow, there is a sombreness to Hemming’s lyrics that chimes with this dank corner of the London Aquarium. When he sings of „the monster ever looming“ in The Darkest Place I Know, your eye is drawn to the sharks circling menacingly behind him; the faltering hope of A Short Weekend Begins With Longing, containing the plaintive line, „Save me once again from this dreadful sinking feeling“, feels even more sorrowful when its writer is surrounded by fish in huge tanks.

    According to Hardy, the setlist is slanted in favour of the band’s debut album, The Sleeper, because its gossamer songs suit the acoustic setting better than the newer tracks, with their expansive orchestrations and rock leanings. He is wrong: paring back Dust on the Dancefloor allows you to appreciate how complex and delicate the balance between the seven musicians is. When they play Into the Murky Water itself, Helen Whitaker’s eerie flute and Michael Siddell’s slicing violin flit through the song as elegantly and insouciantly as though they were finned.


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